Freche Freunde: Wie das Gründerpaar Familie und Firma unter einen Hut bekommt

Heute sind die Neumanns schon lange nicht mehr unter sich, Erdbär ist auf 70 Mitarbeiter angewachsen. Mit Helden Snacks haben sie sogar eine zweite Marke aufgebaut. Das gleiche Prinzip – gesund und lustig –, nur für Schulkinder. Dass das Gründerpaar immer noch voreinander kein Blatt vor den Mund nimmt, irritiert schon mal Mitarbeiter, erzählt -Alexander: „Wir hatten in Meetings schon öfter Diskussionen, wo die anderen wahrscheinlich dachten: Wie können die gleich zusammen nach Hause gehen?“

Dann kamen Kinder

2011, Freche Freunde ist gerade entwickelt, stehen die Neumanns allerdings vor anderen Herausforderungen. Sie müssen ihre Produkte ins Regal bringen. Kleine, unabhängige Startups, die wie Erdbär auch noch einen idealistischen Anspruch haben, sind für die Branche neu, haben es schwer gegen die großen Unternehmen. Entsprechend tief sitzt die Skepsis. Kann man sich auf diese Neumanns verlassen? Außerdem: Wo soll man ihre Produkte bloß einsortieren: zum Babybrei, zum Obst – oder doch zur Quengelware an der Kasse?

Im Sommer 2011 wagen die ersten kleinen Händler den Versuch. Dann die nächsten. Der Durchbruch kommt Ende 2012, als die Drogeriekette dm beschließt, Freche Freunde deutschlandweit ins Sortiment zu nehmen. Da bricht es den Neumanns auch nicht das Genick, dass sie 2014 bei „Die Höhle der Löwen“ ohne Deal nach Hause gehen. Dabei loben damals alle Investoren das Produkt. Judith Williams bringt es in einer Anekdote von ihren Kindern auf den Punkt. „Ich kann dir Apfelmus auch zu Hause machen“, sagte sie zu ihnen. „Aber dieser Apfel hat zwei Augen, Mama!“ riefen die Kinder. Klarer Fall.

Doch die Neumanns fordern 750 000 Euro für nur 5 Prozent, bewerten Erdbär mit 15 Mio. Euro, obwohl sie noch 100 000 Euro Verlust machen. Zu viel. Es geht auch ohne Deal weiter. Um diese Zeit erweitert sich ihre To-do-Liste um eine ganze Dimension: Aus dem Paar wird eine Familie. 2013 kommt ihr Sohn zur Welt. Als er ein Baby ist, ist eine Jobvertretung für die Mutter noch nicht drin. Irgendwie geht es. Wenig später folgen die Zwillingsmädchen. Heute können die Neumanns mehr Arbeit an ihre Mitarbeiter delegieren. Sie haben eine Nanny angestellt, die sich zweimal pro Woche nachmittags um die Kinder kümmert. An den anderen Tagen gehen die Eltern abwechselnd früher nach Hause. „Unser Pensum ist ziemlich hoch“, sagt Alexander. „Aber wir sehen unsere Kinder öfter als unsere Bekannten, die Berater oder Investmentbanker sind.“

Die Firma, das Baby

Da schimmert der hohe Anspruch durch, den das Gründerpaar an sich selber anlegt. Volle Terminkalender, viel Verantwortung, kurze Nächte, nichts davon merkt man den Neumanns an. Sie gehen entspannt miteinander um, sprechen die Sätze des anderen zu Ende, lachen gemeinsam über Anekdoten. So richtig erklären können die beiden nicht, warum alles so reibungslos klappt. „Ich denke, das hat mit unseren Persönlichkeiten zu tun“, mutmaßt Natacha. Vielleicht gelingt ihnen der Spagat zwischen Familie und Unternehmen deshalb so gut, weil sie die zwei Bereiche nicht als separate Welten betrachten. Beides fließt in einem Gesamtkunstwerk zusammen, als wäre die perfekte Familie Teil des Geschäfts. Die Neumanns haben kein Problem damit, ihre Kinder zum Fotoshooting für diesen Artikel mitzubringen. Klar ist das eine Marketingbotschaft: Es schadet nicht, zu zeigen, dass hinter einer Marke, die Familien fröhlich machen soll, eine fröhliche Familie steckt. Echt wirkt es trotzdem.

Mittlerweile ist Erdbär eines der erfolgreichsten Food-Startups Deutschlands. 2017 setzte es 25 Mio. Euro um. In immer mehr Ländern sind die Frechen Freunde erhältlich, auch die Produktpalette ist gewachsen: Neben Quetschies und Obstchips gibt es Brezeln aus Kichererbsen, Kochmischungen für Bratlinge, Nudeln aus Karotten. Dazu Bücher, eine Spiele-App und ein Kochclub. Freche Freunde hat sich zu einer ganzen Markenwelt gemausert. Die Neumanns haben noch viel vor auf ihrer Mission, Kinder gesund zu ernähren. Sobald ihr eigener Nachwuchs im Bett ist, holen sie oft noch mal ihre Laptops raus. Neue Geschäftsideen besprechen sie mitunter beim Zähneputzen. Und wenn einer von beiden es doch einmal erst spätabends aus dem Büro schafft, kann er auf Verständnis zählen: „Denn die Firma,“ sagt Natacha, „ist ja auch unser Baby.“


Neue Ausgabe: Die Höhle der Löwen #2

Die zweite Ausgabe zur neuen Staffel von „Die Höhle der Löwen“ ist da. Ein Heft über Gründer, ihre Ideen und Produkte – das die Geschichten hinter der erfolgreichsten deutschen Gründershow erzählt und erfolgreiche Unternehmer porträtiert. Für alle Fans der TV-Show und alle die davon träumen, etwas Eigenes zu wagen. Ab 13. November am Kiosk erhältlich – oder hier direkt online.


Tanja Lemke

Tanja ist Redakteurin bei Business Punk. Wenn sie nicht gerade durch diverse asiatische Länder tingelt, kümmert sie sich hauptsächlich um die Lifestyle-Themen im Magazin. Glücklich machen sie Palmen, Podcasts und Popkultur.

Zum Autor

Das können wir Dir auch empfehlen