“Es gibt kein One-fits-all mehr“: Was die Generation Y von Karriere & Beruf erwartet

Beneidet oder bemitleidet uns Heinz Dürr für unsere technologischen Möglichkeiten? Denn dazu gehört ja auch, ständig erreichbar und always on zu sein.

K: Schwierig zu sagen. Aus unternehmerischer Perspektive beneidet er uns vielleicht. Fortschritt in der Technologie, um die Welt zu verändern – das gefällt ihm.

D: Unabhängig von der Technologie sind ihm Dinge wichtig, die auch mir wichtig sind. Ich bin jede Woche, obwohl ich in Nürnberg lebe, in unseren Büros in Berlin und München. Nicht weil ich es toll finde, sondern weil ich als Führungskraft gewisse Dinge nur persönlich regeln kann. Das war auch Heinz Dürr wichtig. Als Bahnvorstand hat er selbst Bahnhöfe abgeklappert, um nach dem Rechten zu schauen. Damals musste er es machen. Heute ist das anders. Video-Konferenzen, Home Office – das alles verleitet dich dazu, auf die menschliche Interaktion zu verzichten. Aber genau darauf kommt es als Führungskraft an: Beziehungsmanagement.

Bist du da anders als andere Gründer, die einen Großteil ihrer Meetings über Slack und Video-Konferenzen abhalten?

D: Das ist mein Eindruck. Letztes Jahr gab es in Berlin eine große Gründerveranstaltung mit anschließender Party zu später Stunde. Mit meinem Mitgründer Jochen Engert und Rubin Ritter von Zalando standen wir am Tresen und haben uns das Ganze angesehen. Wir haben uns eine Apfelschorle bestellt und sind gegen halb Zehn nachhause. Mir ist es eben wichtiger für meine Mitarbeiter und Kunden da zu sein, als mich abends selbst lobzupreisen. Ich weiß, dass ich jeden Tag so hart wie am ersten Tag arbeiten muss.

K: Das ist genau der Knackpunkt. Laut diverser Studien scheitern neun von zehn Startups und dennoch hat man, gerade auf solchen Veranstaltungen, den Eindruck, bei allen läuft es richtig gut. Wenn wir da einen ehrlicheren Umgang miteinander finden, hätten wir auch kein so großes Problem mit Scheitern mehr. Scheitern ist auch deshalb so ein Thema, weil es für viele oft überraschend kommt.

Welche Eigenschaften brauchen Gründer heute und was können sie von den „alten Hasen“ lernen? Mehr dazu in „Die Weltveränderer“. Erhältlich im Herbig Verlag.

Leben wir alle in einer Fantasiewelt oder spiegelt das den Druck wieder, mega angesagt und erfolgreich sein zu müssen? Ist der Druck, heute perfekt sein zu wollen, viel höher als früher?

D: Viele, die sich in den Gründerkreisen bewegen, kommen aus privilegierten Verhältnissen. Da ist der eigene Vater zum Beispiel Arzt. Da möchte niemand seine Eltern enttäuschen. Auf der anderen Seite wirst du als Gründer, spätestens wenn du frisches Geld brauchst, darauf trainiert Storytelling zu betreiben. Wenn du nicht das nächste Facebook bist, dann wird es beim Pitch einfach schwierig.

K: Das führt uns wieder zum Punkt Entscheidungen treffen und der Frage, ob ich risikoaffin oder -scheu bin? Und: treffe ich überhaupt meine eigene Entscheidung oder fühle ich mich aufgrund von familiären oder gesellschaftlichen Erwartungen unter Druck gesetzt, eine bestimmte Entscheidung zu treffen?

War da die Generation von Heinz Dürr unvorbelasteter? Die Erwartungshaltung seiner Eltern und der Gesellschaft geringer?

D: Ich weiß nicht, ob man das an der Generation oder eher am Umfeld festmachen kann. Was das Umfeld betrifft, war die Nachkriegszeit für Heinz Dürr natürlich nicht optimal. Da war nichts cozy. Aber verallgemeinern kann man das nicht. Meine Mitgründer kommen zum Beispiel aus der Mittelschicht. Deren Väter arbeiten bei der Telekom, da hätten beide auch eine Standardkarriere einlegen können. Irgendetwas hat aber dazu geführt, dass sie gesagt haben, sie wollen eine gesellschaftliche Veranstaltung.

Katharina, du hast bei dem Gespräch zwischen Daniel und Heinz Dürr aus der Vogelperspektive auf zwei sehr unterschiedliche Gründergenerationen geschaut. Was ist dir bei dem Vergleich am meisten aufgefallen?

K: Am Anfang dachten wir, wenn sich die Bedingungen für das Gründen und Unternehmersein unterscheiden, dann müssen sich auch die Gründerpersönlichkeiten unterscheiden. Tatsächlich kann sich an den Bedingungen jedoch noch so viel ändern, wenn die Grundwerte übereinstimmen – wie etwa Wertschätzung, Respekt, Ehrlichkeit, Bescheidenheit – dann spielt das Alter überhaupt keine Rolle.


René Krempin

René Krempin hat Kultur- und Medienwissenschaften studiert und über mehrere Stationen bei Print- und Online-Medien den Weg in die Agentur gefunden. Er ist freier Autor und arbeitet bei der Agentur OSK als Online- und Social-Media-Redakteur. Mit großem Interesse verfolgt er unter anderem die Entwicklungen in der eSports-Szene. In seiner Freizeit ist er aber auch gerne analog unterwegs: mit Freunden auf dem Bolzplatz.

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