Sechs Gründe, warum die Jogginghose das optimale Business-Outfit ist

#6 Weil du mit der Jogginghose Palmen sehen kannst

Es ist nach 22 Uhr, und du sitzt noch alleine im Office. Wieder einmal. Du hättest schon seit Stunden zuhause sein können, aber die Reports müssen bis morgen früh fertig sein, und deinem Chef ist das erst um 18 Uhr eingefallen. Also: nicken und wegschaffen, auch wenn die anderen längst in Bars oder vor Netflix sitzen. Aber Moment – ist das ein Faden Licht, der da unter der Tür zum Büro nebenan hervorscheint? Ja, ist es. Du bist also doch nicht alleine. Der Gedanke, dass es noch eine andere arme Sau erwischt haben könnte, macht dir leider auch keine bessere Laune, missmutig rührst du im achten Kaffee des Tages. Dann hörst du es nebenan klappern, ein Staubsauger geht an. Also doch kein Kollege, sondern einfach das Reinigungspersonal.

Du schaust auf die Uhr: halb elf. Du hast die Hände vorm Gesicht und reibst dir die Augen: so, verdammt, kannst du nicht arbeiten. Du stehst auf und schaust auf dem Fenster. Draußen die Stadt, düster, windig, nicht einmal richtiger Schnee will fallen, immer nur das Versprechen auf Winter. Ein Leben ohne Glanz, denkst du, ohne Zauber. Hinter dir geht die Tür auf, und die Frau vom Reinigungsdienst entschuldigt sich.

Du drehst dich nicht einmal um, in Gedanken bist du bei Panama und Palmen, bei großer Sonne und einem Leben, wo du nicht in einen Bildschirm starrst. In deiner Vorstellung hörst du Gelächter. Es ist diese Aussteiger-Fantasie, die immer schrecklich klingt, wenn andere Menschen sie erzählen, gegen die du dich aber in letzter Zeit immer weniger zu wehren weißt, wenn du ehrlich zu dir bist.

Dann hörst du die Frau wieder reden, sie klingt aufgebracht. In deinen Gedanken gehst du schnell alles durch: Was kannst du falsch gemacht haben? Müll nicht getrennt? Angebrochene Wasserflaschen stehengelassen? Nackten Hintern kopiert? Alles schon lange nicht mehr vorgekommen. Trotzdem klingt die Frau wütend. Sie zeigt auf deinen Arbeitsplatz. Offenbar hast du etwas falsch gemacht. Du kannst ihr nicht folgen und schüttelst nur den Kopf. Du versuchst es auf Englisch, aber kein Erfolg. Du siehst ihr dabei zu, wie sie deinen Stuhl sachte an den Tisch zurückrollt und den Laptop schließt. Moment, was? Sie feudelt über den Schreibtisch und sieht dir dabei böse in die Augen. Sie ist klein, rund, trägt Kleidung, die ihr zwei Nummern zu groß ist. Mit deinem vollen Papierkorb unter dem Arm verlässt sie dein Büro. Du stehst noch immer am Fenster und versuchst, die ganze Situation zu begreifen. Du hörst sie im Flur die Körbe leeren. Dann kommt sie wieder und drückt dir den Staubsauger in die Hand. „Mach”, sagt sie und verschwindet. Nur ein Wort, aber es wirkt. Du wagst es nicht, ihr zu widersprechen.

Von der Frau vom Reinigungsdienst geht eine eigenartige Autorität aus, vielleicht bist du auch einfach nur zu müde, jedenfalls steckst du den Staubsauger ein und fängst an, ihn über den Boden deines Büros zu führen, auch unter dem Tisch und sogar in den Ecken. Du bist fertig, und du stehst da wie ein Idiot. Weil du auf Anweisungen von der Frau wartest. Du musst ein bisschen über dich selber lächeln, das gönnst du dir, das ist gesund. Dann kommt sie wieder, und sie hat eine Mappe dabei, die sie dir in die Hand drückt. Du nimmst sie entgegen, mit beiden Händen. „Lesen”, sagt die Frau. Du liest: „B&D Reinigungsdienste – Ihr erster Arbeitstag”. Du schüttelst den Kopf: Neinnein, du bist kein neuer Kollege. Das ist ein Missverständnis. Aber die Frau sieht wieder richtig mürrisch drein. Und sie zeigt auf deine Hose. Deine Jogginghose, die du vorhin, als alle anderen aus dem Büro verschwunden sind, aus deiner Sporttasche genommen und angezogen hast. Um besser performen zu können, wie du dir selber vorgelogen hast. Das zu erklären, traust du dich einfach nicht. Die Frau sagt: „Später lesen. Erstmal putzen.”

Sie zieht dich aus deinem Büro und schickt dich nach nebenan. Da stehst du jetzt bei den Kollegen im leeren Büro und saugst tatsächlich den Boden ab, schön ordentlich, gewissenhaft, du erkennst dich selber nicht wieder. Nach vier, fünf, sechs Büros kommst du in eine eigenartige Trance, vielleicht eine sehr einfache Form von Runners High. Du hältst einen Moment inne und schaust durch das Fenster in die Nacht: deutet sich am Horizont etwa schon der Morgen an? Dass du die Reports in wenigen Stunden fertig haben musst, berührt dich gerade in keiner Weise mehr. Eigenartig. Du saugst weiter, stoisch, zufrieden, eins mit dem Brummen. Die Frau kommt und zeigt in den Flur. Fertig?, will sie wissen. Du weißt es nicht. Wann ist etwas schon fertig? Aber du nickst: fertig. Gemeinsam schlappt ihr den hell erleuchteten Flur entlang zum Fahrstuhl. In der Tiefgarage trefft ihr die anderen aus dem Team, die sich um andere Stockwerke gekümmert haben. Alle tragen Jogginghosen. Im Van der Reinigungsfirma ist noch ein Platz frei, das kommt dir wie ein Zeichen vor. Bevor ihr losfahrt, teilt jemand Plastikbecher mit dünnem Kaffee aus einer Thermoskanne aus. Du schließt die Augen und hörst den anderen zu, du verstehst kein Wort. Aber ihr Gelächter, das verstehst du. Wenn du die Augen nur fest genug schließt, kannst du die Palmen sehen.


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