Das Nahrungsergänzungsmittel Smartsleep will die Müdigkeit bekämpfen

Spätschicht, Jetlag, Feier bei Freunden: Verpenntsein am Morgen kennt jeder. Smart­sleep will die Müdigkeit bekämpfen und hat dafür eine Rekordsumme eingestrichen. Aber funktioniert das vermeintliche Wundermittel auch? Ein Selbstversuch.

Es ist mal wieder halb drei in der Nacht, viel zu spät, aber heute habe ich Kalk im Mund. Eigentlich sollte ich längst schon schlafen, nach der zu kurzen Nacht droht der kommende Morgen eine Qual zu werden – aber jetzt gerade habe ich kurz auf diesen zwei Tabletten herumgekaut, deren Geschmack wirklich sehr an Zitruskalk erinnert. Dann noch den Shot aus einem flötenförmigen Gefäß hinterhergeschüttet. Zack. Hoffentlich wirkt’s.

Das Mittel hat Markus Dworak erfunden, Schlafforscher aus Nürnberg. Smartsleep heißen die Pillen, und mit ihnen will Dworak den Menschen im Kampf gegen ihre zu kurzen Nächte beistehen. Seit 2004 forscht er an seinem Gemisch aus Kreatin und Glycin, Vitaminen und Mineralstoffen, das die Regenerationsprozesse im Schlaf unterstützen soll. Drei Jahre hat er dafür auch an der Harvard Medical School verbracht. Besonders die Kreatin-Tabletten sind wichtig, sie sollen den Energiespeicher im Hirn schneller füllen. Smartsleep ist also keine Einschlafhilfe, soll keinen besseren Schlaf bewirken. Das Versprechen steckt eher darin, dass man trotz kurzer Nacht in der Früh wieder frisch ist.

Als ich selbst am nächsten Morgen in der S-Bahn den Blick schweifen lasse, muss ich zugeben: großes Thema – in der allgemeinen Zerknautschung wirken die meisten anderen so, als hätten ihnen ein paar ­Snooze-Durchläufe ihres Weckers noch gutgetan.

Und ich? Ich bin, das muss ich sagen, erstaunlich frisch. Obwohl es letzte Nacht gerade mal fünf Stunden waren. Es geht mir sogar besser, als ich es von normal langen Nächten gewohnt bin. Sollte das glücklicher Zufall sein? Hoffentlich nicht. Oder, hoffentlich ja. Denn ich kenne mich: Mit einem funktionierenden Wundermittel würde ich künftig jeden Abend bis 3 Uhr vor Youtube hängen – Smartsleep regelt ja den Rest.

Redakteur Alexander Langer mit dem Selbstversuch. Foto: Maximilian Virgili

„Völlig falsch“, erklärt mir Dwo­rak. Er will eben nicht den Eindruck erwecken, man könne mit Smartsleep regelmäßig weniger schlafen. „Es ist nicht das Mittel für alle Schlafprobleme“, sagt er. Es ist eher für den Notfalleinsatz vor einer kurzen Nacht gedacht. Und die kennt nun wirklich jeder: Eltern mit schreiendem Baby. Schichtarbeiter. Studenten. High Potentials mit Deadline-Druck, Sportler, Vielflieger, Piloten und Ärzte. Dworak hat schlicht das Produkt für die verpennte Gesellschaft geschaffen, Zielgruppe sind eigentlich alle.

Das fanden auch die ­„Löwen“, und zwar jeder einzelne: Carsten Maschmeyer und Ralf Dümmel ­boten­ in der Sendung zusammen 1,5 Mio. Euro für 33,3 Prozent der Firmenanteile. Dagmar Wöhrl und Georg Kofler hätten 300 000 Euro für 20 Prozent auf den Tisch gelegt, Frank Thelen machte alleine dasselbe Angebot. Einen solchen Bieterwettkampf hatte es in der Geschichte der Show noch nie gegeben. Am Ende bekamen Maschmeyer und Dümmel den Zuschlag vom Gründer, der ursprünglich bloß 250 000 Euro für zehn Prozent seines Unternehmens haben wollte. „Ich bin mit Freude und Angst aus dem Deal gegangen“, sagt Dworak. „Das hat sich anders entwickelt als geplant.“

Tatsächlich ist es alles andere als einfach, die Finger an das Produkt zu bekommen. Überall ist es ausverkauft. Ich musste einige Tage warten, bis ich das Päckchen bekam. Laut Maschmeyer wurden schon 1,8 Millionen Exemplare verkauft, 600  000 sind nachbestellt.

Aber wirkt es denn nun wirklich so formidabel? Nahrungsergänzungsmittel versprechen vieles, von mehr Muskeln bis zu einem längeren Leben. Aber schnell mal die Wirksamkeit nachzuweisen … – schwierig. Die bisher entscheidende Studie zu Smartsleep hat ­Dworak selbst in Auftrag gegeben, und schaut man etwa einmal in die Amazon-Rezensionen, klagen viele Nutzer, dass ihnen die Pillen gar nichts gebracht hätten. Derzeit läuft eine Crossover-Studie mit 30 Probanden in Hamburg – sie nehmen jeweils sowohl Smartsleep als auch ein Placebo. Ende des Jahres werden die Ergebnisse erwartet.

Bei mir jedenfalls ändert sich nach ein paar Smartsleep-Nächten mein Tagesablauf: Bin ich nach kurzem Schlaf dank Smartsleep die ersten Stunden ultrafit, falle ich bereits vor dem Mittag in ein tiefes Loch. Darauf einen Kaffee und das feste Vorhaben, zumindest vor Mitternacht einzuschlafen. Das Problem: Der Kaffee kickt wunderbar, auch der, den ich um 17 Uhr nachschiebe. Da­raus folgen Abende, an denen ich mich grandios unverwundbar fühle – allerdings eben bis 3 Uhr morgens. Dann also wieder Smart­sleep. Fatalerweise ist das Zeug für einen Hobby-Optimierer wie mich dazu auch noch einigermaßen erschwinglich: Maschmeyer und Dümmel war das alles 1,5 Mio. Euro wert – da zahle ich die 35 Euro für zwölf sonnige Starts in den Tag doch gern.

Das ist natürlich nicht in Dwo­raks Sinne. „Wir können gesunden Schlaf bloß unterstützen“, sagt er. Auf die Frage, ob man genug schlafen oder besser wenig und Smartsleep nehmen solle, sagt er: „Immer den gesunden, natürlichen Schlaf.“

Und wie der zu holen ist, ist klar: regelmäßige Schlafenszeiten, Sport und dazu eine gesunde Ernährung. Na wunderbar, denke ich. Also weiter die Tabletten kauen und dann wenigstens in der Nacht vom Ideal träumen: ich, morgens frisch vom Joggen kommend, mit Apfel in der Hand – und ehrlichen acht Stunden Schlaf auf dem Konto.

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Alexander Langer

Alexander ist Redakteur bei Business Punk, wo er vor allem den Teil Play Hard betreut. Vorher hat er sich durch den Berliner Startup-Dschungel gehangelt, war außerdem bei 11Freunde. Noch weiter davor tausend Jobs, von denen er dir gerne mal ausführlich erzählt, wenn du nicht aufpasst.

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