Megatrend Nachhaltigkeit: Unternehmen müssen vorangehen

Eine Replik auf „Megatrend Nachhaltigkeit: Warum wir uns alle etwas vormachen

Am Freitag veröffentlichte Business Punk einen von euch viel beachteten Kommentar über den „Megatrend Nachhaltigkeit“ von meinem Kollegen René Krempin. Er beschrieb darin schlüssig, dass es mit der Umweltverträglichkeit nicht so weit her ist, sobald es um die eigene Lebensweise, die eigenen Bedürfnisse geht. Wir schickten täglich 800 000 Pakete zurück mit Dingen, die wir zuvor im Internet bestellt und vor die Haustür geliefert bekommen haben, und wir flögen halt doch für lediglich eine Woche auf die Malediven, was mal eben fünf Tonen CO2 verursacht, weil kostet ja nix. Für richtig halte ich daher auch sein Fazit, dass Nachhaltigkeit direkt vor der eigenen Nase anfange und dass es „gerade unser hoher Anspruch an das moderne Leben, an unseren Konsum“ ist, „der den Planeten langfristig ausbluten lässt“.


Zum Kommentar:

Megatrend Nachhaltigkeit: Warum wir uns alle etwas vormachen


Zwei Wörter fehlen mir jedoch in diesen abschließenden Sätzen, nämlich „auch“ und „teilweise“. Ich denke, es ist entscheidend, immer mitzuerwähnen, dass Nachhaltigkeit „teilweise“ vor der eigenen Nase anfängt und dass die ganze Misere „auch“ an unserem Anspruch an ein gutes Leben liegt. Ohne diese unscheinbaren Zusätze machen wir das Individuum, den Konsumenten zum alleinigen Sündenbock dessen, was der auf Ausbeutung beruhende Kapitalismus entscheidend verbockt hat.

Denn dass das, was vor der eigenen Nase liegt, sich nicht immer nach den eigenen Entscheidungen richtet, weiß jeder, der schon mal versucht hat, im Supermarkt möglichst plastikfrei einzukaufen. Sogar Glasflaschen mit Aluminiumverschluss haben eine Kunststoffdichtung und die Biogurke liegt eingeschweißt in einer Plastikschale. Und jeder, der Werbung sieht, weiß, dass ein großer Teil unserer Bedürfnisse, die den Planeten ausbluten lassen, auch erst von der Industrie geschaffen werden.

Aber das ist ja nix neues. Last uns also über die Dinge sprechen, die jenseits der persönlichen Lebensführung geschehen müssen, wenn wir nicht irgendwann zwei, drei Meter unter dem Meeresspiegel wohnen wollen.

Ich glaube, dass dafür drei Dinge notwendig sind:

1. Der Nachhaltigkeitstrend muss Trend bleiben. Solange wir konsequent darauf hinweisen, was auf dem Spiel steht, wird die Gesellschaft das Thema im Diskurs halten und für mehr Aufklärung sorgen. So wandelt sich Konsumverhalten, mit dem sich Forderungen an die Industrie formulieren lassen (Hallo Individuum!)

2. Unternehmen, Produkte, Branchen da regulieren und gängeln, wo sie nicht einsichtig sind. Steuern und Subventionen sind wirkmächtige Mittel, um Unternehmen zu mehr Verantwortungsbewusstsein zu bringen. Mühsam ausgehandelte, nicht bindende Abkommen oder gemeinsame, jedoch freiwillige Absichtsbekundungen wird Unternehmen nicht zum Umdenken bringen. Das zeigt nicht zuletzt der Konsens der Kohlekommission zum Ausstieg aus der Kohleverstromung. Ein viel zu fernes Ausstiegsziel und viele Ausnahmen haben dafür gesorgt, dass RWE munter weiter Druck auf die vom Tagebau betroffenen Dörfer ausübt, obwohl die Kohle unter ihnen laut Kompromiss gar nicht mehr gebraucht wird.

3. Unternehmen, Produkte, Branchen da fördern, wo sie Alternativen entwickeln, auf welche Weise sie wirtschaften. Viele Unternehmer haben heute das Ziel, nachhaltig zu wirtschaften und einen positiven sozialen oder ökologischen Einfluss zu nehmen. Sie leisten etwa den „Giving Pledge“ oder den „Entrepreneurs Pledge“, um sich selbst zu nachhaltigem Wirtschaften zu verpflichten. Auch private Initiativen wie „B Corp“ profitieren vom Sustainability-Zeitgeist. Darin werden Unternehmen zertifiziert, die sich verpflichten sozial und ökologisch zu handeln. Alle drei Jahre wird stichprobenhaft kontrolliert, ob die Kriterien noch eingehalten werden. Allerdings – und das muss auch erwähnt werden – schmücken sich auch chronische Umweltsünder wie Unilever mit dem Siegel, weil das ein oder andere Tochterunternehmen zertifiziert wurde. Fraglich ist eben schon, inwiefern Selbstverpflichtungen einen größeren Impact haben werden. Doch solange die Gesetzgeber zu lasch sind, sind sie so ziemlich das einzige, was wir haben.

Es ist gut, dass Nachhaltigkeit heute nicht mehr mit „Körnerfresser“ assoziiert wird und sexy geworden ist. Denn auch wenn das grüne Leben oft nur Lippenbekenntnis bleibt, der gesellschaftliche Trend sorgt auch dafür, dass es einen höheren Need dafür gibt, anders, nachhaltiger zu wirtschaften. Nur muss sich das auch lohnen. Appelle an Moral und Menschenverstand schön und gut, aber der einzige Wert, über den in dieser Welt etwas läuft, ist Geld.

 


Julian Daum

Julian hat beruflich auf Wörter gesetzt, schreibt und liest daher oft. Meistens über Wirtschaft, Politik und Popkultur. Wohnt im Internet, geht aber manchmal raus zum Spielen.

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