Joy Fatoyinbo: Basketballprofi, Model, Selekteur, Anwalt

Der Mandantenmagnet

Dabei ist der Standort allein fast noch reizvoller. Seine Kanzlei ist nicht nur von der Ausrichtung her boutique-ig, sondern auch vom Erscheinen. In einer Gegend, wo man problemlos sektbefeuert einen ganzen Tag lang von einer Kunstgalerie in die nächste und von einem kleinen Laden in den anderen fallen kann, fällt JRF Legal nicht weiter auf. Die Kanzlei wirkt eher wie eine besonders einladende Ausstellung, nicht wie ein Ort, an dem es um rechtliche Fragen geht. Die Fenster riesig, reichen bis zum Boden, draußen gehen die Menschen am Mercedes vorüber. Mittlerweile sind die Scheiben aus Milchglas und mit seinem Logo versehen – einem Steinbock. „Vorher wurden hier Teppiche oder so verkauft“, halt der gehobene Mitte-Plunder.

Von JRF Legal lässt sich nicht auf Selekt schließen, die Agentur ist die Antithese zur Kanzlei. Sleek. Minimal. Monochrom. Eben so, wie man sich Berlin bei Nacht vorstellt. Er hat Einladungen für ein kommendes Event dabei: schwarze Karten, aufwendig in schwarzen Kunststoff verpackt, darin ein Chip, der VIP-Zugang gewährt. Auf den Karten in schwarzem Lack das Wort Selekt geprägt.

Bei seinen vielen Momenten, die er mit nachtaktiven Berlinern verbracht hat, konnte Fatoyinbo irgendwann eins und eins zusammenzählen. Das sind doch alles Kreative, Freiberufler, eben Menschen, die Urheberrechte halten. Die werden früher oder später mal Rechtsberatung brauchen. Die Klientel hatte er Abend für Abend vor seiner Nase in der Schlange. Und irgendwie hatte Fatoyinbo doch noch den Antrieb, irgendwas mit Jura anzufangen. Nickel sagt: „Ich wusste, dass der zurückkommt. Der ist ehrgeizig.“ Noch deutlicher sagte es ihm ein Clubbesitzer und Anwalt, irgendwann spätnachts, vor ein paar Jahren. Der meinte, Joy, du hast das zweite Staatsexamen. Du hast mit Jura noch eine Rechnung offen. „Ich wollte immer Leute in Lohn und Brot stellen“, sagt Fatoyinbo, und das gelang ihm mit Selekt. Um beides zu vereinen, musste also, logische Konsequenz, die eigene Kanzlei her.

Kennt jede Tür im Kiez, solange der Laden eine gewisse Grundeleganz hat (Credits: Christoph Neumann)

Davor aber ging er noch einmal richtig in die Lehre bei einer Berliner Großkanzlei. „Das war kein einfacher Schritt, ich wusste schlichtweg gar nichts“, sagt er. Aber Fatoyinbo war tight mit den Fachangestellten und Sekretärinnen, „die halten den komplexen Laden am Laufen. Die juristische Seite ist nur ein kleiner Teil“.

Fatoyinbo ist bewusst geworden, dass viele Anwälte vom Business hinter dem Recht, von den Abläufen oft keine Ahnung haben. „Aber wenn du gründen willst, musst du den Kram draufhaben.“ Er konnte auch beobachten, dass ein Großteil der angestellten Anwälte ein Sachbearbeiter-Mindset pflegen. Wer mehr anstrebt und vielleicht einmal Partner werden will, muss ganz anders denken und handeln, muss Beziehungen aufbauen und am Ende natürlich auch Geld reinholen. Fatoyinbo wurde schnell klar, dass er als fertiger Unternehmer eine andere Herangehensweise hatte und das Thema in- und auswendig kannte, aber eben von der anderen Seite: „Wir haben eine Agentur aus dem Nichts aufgebaut. Da hast du unendlich Fragen zu Steuern und Recht.“ Seine Agentur hat ihn also im Vorbeigehen für die spätere Karriere flottgemacht.

In der Großkanzlei hatte er erst einmal eine halbe Stelle, weil gleichzeitig Selekt geführt werden wollte. Fatoyinbo bekam einen Mentor zur Seite gestellt und wurde schnell „ein fitter Zivilrechtler“, wie er sagt. Passenderweise deckte die Großkanzlei auch Urheberrecht ab, und der neue Mitarbeiter schleppte ein Mandat nach dem nächsten an, bald schon mehr als die anderen Anwälte. Durch seine Vergangenheit vor der Kamera kannte er genau die richtigen Leute: Fotografen, Filmemacher, Models – schnell lief es so gut, dass Fatoyinbo Mitte 2017 seine Kanzlei gründete.

Aber braucht diese Welt überhaupt noch einen weiteren Abmahner? Unbedingt, sagt Fatoyinbo. So viel weiß man auch als Laie: Rechteinhaber sind in der Regel Großkonzerne, klar. Und die sind nicht gerade schüchtern, wenn es darum geht, geistiges Eigentum zu schützen. Aber was, wenn man das Ganze umdreht? Wenn man die Interessen von kleinen Rechteinhabern gegenüber Riesenplayern behauptet? Neulich kam ein Mandant an, dessen Video in einer Streaming-Serie im Hintergrund über ein TV flackerte. Da bekam Netflix Post vom Anwalt. Fatoyinbo sagt: „Es ist das Abmahn-Biz, aber eben andersherum. Kleine gegen Große.“ Sieht er sich als Robin Hood der Kreativen? Eher als der Typ, der etwas gefunden hat, worauf andere noch nicht in dieser Form gekommen sind. Inhaltlich ist es nichts Neues, aber die Konstellation, die Angriffsrichtung ist selten. „Das Thema ist noch komplett unscharf“, sagt Fatoyinbo.

Die Kanzlei als Brand

Aber eigentlich dann doch nachvollziehbar: Große Kanzleien sind in erster Linie an ebenfalls großen Accounts interessiert und darüber hinaus noch an ein bisschen Pro-bono-Karma, das im Idealfall für die PR taugt. Aber mal eine ganz naive Frage: Ist es nicht ein fieser Pain, sich gegen so einen riesigen Konzern zu stellen? Bei der Armada an Anwälten und den tiefen Taschen, die einen wenn schon nicht vernichten, dann doch wohl mürbe machen? Fatoyinbo lächelt, als hätte er genau darauf gewartet: „Überhaupt nicht. So wenig Schiss wie wir kann man gar nicht haben.“

Das goldene Nein taugt also auch hier? Fatoyinbo nickt. „Jura ist nichts anderes als ein besonderes People-Business.“ Er arbeitet derzeit daran, den Tag-Fatoyinbo und den Nacht-Fatoyinbo zu vereinen. Work und Life, alles eins. Auch hat er gar keine Zeit, um richtig zu reflektieren, wie dieser Werdegang „vom Weltenbummler zum Aus-Versehen-Unternehmer“ so kam. Aber er hat einen Plan: Fatoyinbo führt Begriffe an wie „Parkettsicherheit“, „Geschmack“, „Identität“. Als jemand, der schon in die verschiedensten Branchen weit reingelugt hat, macht er sich Gedanken über ein Wirken, das mehr ist als bloßes Schaffen: „Wenn du leben gelernt hast, Persönlichkeit hast, dazu noch hart arbeitest, dann hat das eine andere Qualität. Du hast einen Nutzen für die Gesellschaft.“

Mit Selekt hat er bereits eine Brand aufgebaut, mit der Kanzlei wird er es ebenso tun. Bei Selekt hat er viele Großveranstaltungen auf dem Zettel, Kooperationen mit Partnern aus der Modebranche sollen kommen. Immer häufig muss er jetzt den Kunden Nein sagen. Der Tag-Fatoyinbo wählt seine Mandanten behutsam aus. „Ich habe noch viel vor mir“, sagt er. Der Chrom-Benz wird also immer öfter im Chrom-Benz durch die Stadt gleiten.


Der Artikel stammt aus unserer aktuellen Ausgabe. Titel-Story: Der japanische E-Commerce-Unternehmer und Milliardär Yusaku Maezawa und warum er mit Elon Musk zum Mond fliegen wird. Außerdem gibt es ein Dossier zum Thema „Future City“. Darin besuchen wir eine Gruppe aus Architekten, Tüftlern und Gründern, die in Rotterdam gerade ein halbverottetes Spaßbad saniert und ausprobiert haben und zeigen, wie man alte Häuser neu nutzen kann. Für mehr Infos hier entlang.


Alexander Langer

Alexander ist Redakteur bei Business Punk, wo er vor allem den Teil Play Hard betreut. Vorher hat er sich durch den Berliner Startup-Dschungel gehangelt, war außerdem bei 11Freunde. Noch weiter davor tausend Jobs, von denen er dir gerne mal ausführlich erzählt, wenn du nicht aufpasst.

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