Wie aus einem alten Spaßbad das größte DIY-Projekt in Rotterdam wurde

Für Schiferli ist aber genau das die Herausforderung – und die Chance. Etwas plump formuliert: Wenn man es schafft, aus einem so verschwenderischen, unter Umweltgesichtspunkten vollkommen unverantwortlichen Gebäude wie einem Spaßbad ein Zentrum für nachhaltiges Unternehmertum zu machen, und dabei alle Bestandteile des Gebäudes wiederverwertet, dann hat man letztlich den Beweis erbracht, dass eigentlich überhaupt kein Gebäude abgerissen werden muss.

Wo zum Beispiel früher Umkleidekabinen und Bars waren und später der Club, haben Schiferli und seine Kollegen aus alten Fensterfassaden lichte, gläserne Büroflächen mit Blick auf den Hafen entworfen. Längst sind die komplett vermietet, die Anfrage ist deutlich höher, als der Platz es hergibt. Aktuell werden die alten Pumpen- und Hohlräume im Keller unter dem Badebereich erschlossen, durch die noch immer ein Geruch von Feuchtigkeit zieht. „Es ist wirklich extrem“, sagt Schiferli. „Immer, wenn wir eine Wand aufbohren, tropft tagelang Wasser aus dem Beton – weil die Becken so undicht waren.“

Anders als bei anderen Großbauvorhaben gibt es deshalb nur einen ungefähren Plan und einen vollkommen anderen Ansatz beim Ausbau: So sind die exakte Anordnung und Nutzung des Gebäudes nicht festgelegt. Superuse Studios haben zwar einen Strukturplan erstellt, in dem alle Sicherheitsaspekte enthalten sind, zudem wurden einige Grundsätze für den Umgang mit dem Gebäude formuliert. Und es gibt die Hoffnung, alle Bereiche bis 2020 zu nutzen. Aber das war’s dann auch mit der Planbarkeit.

Am alten Eingang des Tropicana wird heute Kaffee gekocht. (Credits: Marcel Wogram)

Auf dem ursprünglichen Entwurf, einem 21-seitigen PDF mit Energie- und Windprognosen, die Schiferli und Superuse 2015 erarbeitet hatten, sah die Blue City noch seltsam geleckt aus, wie 3D-Illustrationen von Bauvorhaben eben aussehen: voller Sonnenschein und Menschen, mit kurzen Schatten und immergrünem Gras. Was für ein Trugschluss. Denn was in den kommenden Jahren auch immer genau passiert: Das liegt eben auch am Tropicana. Das schrittweise Vortasten ins eigene Gebäude birgt viele Überraschungen: Einer der Räume am oberen Ende des Bades, den Superuse heute selbst nutzt, befand sich ursprünglich unter einer mehrere Meter dicken Betondecke. „Wir mussten gemeinsam mit dem Eigentümer erst einmal kalkulieren, ob die Kosten, die Decke aufzubrechen, von den möglichen Mieteinnahmen überhaupt gedeckt werden würden“, erklärt Schiferli.

Denn so ambitioniert und ökologisch die Blue City ist, sie muss sich finanziell tragen. Und das bedeutet auch, dass die Blue City ihre Meeting- und Eventräume dann und wann auch an große Konzerne vermietet, immer in der Hoffnung, dass neben Geld auch die Idee einer anderen Art der Wirtschaft die Seiten wechselt.

Langsam, langsam schließt sich der Kreislauf im alten Schwimmbad: So bildet der Kaffeesatz der Aloha Bar an der Spitze des Gebäudes den Nährboden für die Austernpilze von Rotterzwam, mit dem dabei frei werdenden CO₂ züchtet eine Firma namens Spireaux im Keller Spirulina-Mikroalgen, die als Nahrungsergänzungsmittel verkauft werden können.

Im Keller braut Okke van Beuge nun Bier in den Tanks der einstigen Spaßbadbar (Credits: Marcel Wogram)

Im Obergeschoss, dort, wo früher die reichen Technofreunde Magnumflaschen Sekt köpften und auf die tanzenden Mädchen gafften, sitzen heute der große, blonde Koen Meerkerk und Hugo de Boon, der ein bisschen aussieht, als wäre er der Head of Head Shop in der Blue City – der tatsächlich aber wahnsinnig ernsthaft daran arbeitet, einen Lederersatz namens Fruitleather aus Mangofasern zu entwickeln.

Vor drei Jahren waren Meerkerk und de Boon noch Studenten und kochten die Mango selbst ein; heute prüfen sie professionelle, nach exakten Normen durchgeführte Testergebnisse, um herauszufinden, welche Zusammensetzung sich als wie knickresistent erweist. Und damit am schnellsten tierisches Leder ersetzen kann.

Als Nächstes der Dom

Ganz unten, im Keller, neben Spireaux, braut Okke van Beuge, der einst ins Tropicana gekommen war, um zu schreinern, unter dem Namen Vet & Lazy (der exakt das bedeutet, was man vermutet) mittlerweile zusätzlich Craftbier mit belgischem Touch – die alten Biertanks des Spaßbades standen ohnehin im Keller, warum also nicht? Und so wird in den Stabilisierungsräumen direkt unter dem ehemaligen Schwimmbecken, dessen fast 50 Zentimeter dicke Stahlbetonwände erst einmal durchbrochen werden mussten, mittlerweile Bier mit so fabelhaften Namen wie „Deine Mutter“ und „Le Phallus“ gebraut – Letzteres unter Beigabe von Austernpilzem von Rotterzwam. Aber das ist alles natürlich nur der Anfang.

Der große Dom des einstigen Tropicana ist noch unrenoviert, die hohen Decken, das eigenartige Klima werden eine Herausforderung sein. Aber Schiferli ist geradezu vorfreudig: Erst dann, wenn auch der hallenartige Raum genutzt wird, ist der Beweis erbracht. Dass man nicht abreißen muss. Dass Kreislaufwirtschaft funktioniert, architektonisch, aber auch wirtschaftlich. Und darum geht es. Die Idee ist größer als das Gebäude.

Später, am Abend, wird Okke van Beuge draußen an der Kaimauer stehen, auf die Nieuwe Maas und die Brücken von Rotterdam blicken und kichern. Am heutigen Tag hat van Beuge nicht bloß die Bestätigung bekommen, dass das Bier von Vet & Lazy in Zukunft in niederländischen Supermärkten gelistet sein wird. Vor Kurzem hat er außerdem die Genehmigung erhalten, auf dem alten Parkplatz direkt am Wasser im Frühjahr einen Biergarten zu eröffnen. „Wir werden den besten Ausblick der Stadt haben“, sagt van Beuge und strahlt. Das Beste daran: Er musste die Stadt nicht einmal groß überzeugen.

Bier statt Heroin

Die sonst menschenleere Seite des Gebäudes war in den vergangenen Jahren immer wieder zugemüllt worden, Obdachlose und Prostituierte hatten sich hierher verzogen, ebenso wie Heroinsüchtige. Die Stadt, sagt van Beuge, ist im Grunde genommen heilfroh, dass sich endlich jemand um das schwierige Areal kümmern wird. „Die sparen dadurch jährlich einen fünfstelligen Betrag an Reinigungs- und Securitykosten.“ Bald, wenn es warm wird, soll hier unten schon wieder Flüssigkeit sprudeln und Menschen werden sich fühlen wie im Urlaub. Der Kreis schließt sich. Das alte Tropicana-Versprechen wird neu eingelöst.

Fehlt eigentlich nur noch, dass irgendwoher „Circle of Life“ von Elton John herüberweht. Aber dafür wäre es zu früh. Denn noch etwas sieht man von hier aus: Dass eigentlich überall in Rotterdam in diesen Tagen neue Hochhäuser hochgezogen werden, voller Glas und ambitionierter Formen, schnell und clean, Häuser, bei denen niemals Wasser aus dem Beton tropft. Und für deren Bau Altes abgerissen wurde. Es ist noch ein weiter Weg für die Blue City, um vom Experiment zum Vorbild zu werden. Und dann zum neuen Standard.


Der Artikel stammt aus unserer aktuellen Ausgabe. Titel-Story: Der japanische E-Commerce-Unternehmer und Milliardär Yusaku Maezawa und warum er mit Elon Musk zum Mond fliegen wird. Außerdem gibt es ein Dossier zum Thema „Future City“. Darin besuchen wir eine Gruppe aus Architekten, Tüftlern und Gründern, die in Rotterdam gerade ein halbverottetes Spaßbad saniert und ausprobiert haben und zeigen, wie man alte Häuser neu nutzen kann. Für mehr Infos hier entlang.


Daniel Erk

Daniel Erk hat Politikwissenschaften und Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation in Göttingen und Berlin studiert. Er arbeitet als freier Journalist, wohnt in Berlin und schreibt, neben Business Punk, unter anderem auch für ZEIT Campus, Neon und DIE ZEIT.

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