Sebastian Errazuriz – der Typ, der Zuck & Co in Marmor baut

Der smarte Allround-Kreative Sebastian Errazuriz liebt es, die Welt mit kompromisslosen Ideen vor den Kopf zu stoßen. Das neue Projekt des New Yorkers: die Abschaffung des Kunstmarkts.

Es ist Montagmorgen und dem Mann, der für immer leben wird, stellen sich gerade Aufgaben, die stinknormale, traurige Sterblichkeit vermitteln: Sind die Flüge gebucht? Die Koffer gepackt? Aber dann eben auch: Sind die Kunstwerke sicher verstaut und verschifft? Ja? Gut. Sebastian Errazuriz steht in seinem riesigen Atelier in Brooklyn und sagt, dass er etwas spürt, was er lange nicht mehr hatte: Ruhe.

Denn eigentlich ist Errazuriz aufgeregt. Sagt er. Man merkt es ihm nicht an. Er spricht ein von einer in London verbrachten Kindheit weich geschliffenes Englisch, das ewiges Alles-gesehen-Haben vermittelt, bewegt sich langsam, katzengleich durch sein Atelier. Doch Ende der Woche wird er aus der Wahlheimat New York in sein Geburtsland Chile reisen, zum ersten Mal seit Langem. Echt, aufgeregt? Errazuriz nickt.

Zuck & Co als Büsten.

In Santiago de Chile findet mit „The Beginning of the End“ die erste große Ausstellung von Errazuriz auf chilenischem Boden statt. Der Titel ist – praktisch – gleich Inhaltsangabe: „Gemeint ist der Anfang vom Ende des Einflusses des Menschen auf die Welt“, sagt Errazuriz. Er hat die vergangenen Jahre beobachtet, wie Tech mit exponentiellen Schritten vorangeht, und seine Ausstellung will behandeln, was diese Entwicklung für Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft bedeutet. Was das für ihn selber bedeutet, weiß er bereits: „Ich werde zu den Menschen gehören, die nicht mehr sterben werden. Tech wird dann so weit sein, ein ewiges Leben zu gewährleisten.“ Ob er das denn auch will? „Unbedingt“, sagt Errazuriz.

Betrachtet man das Oeuvre des Mannes, dann will man ihm ebenso unbedingt glauben. Mittlerweile ist er 41 Jahre alt, hat aber einen künstlerischen Output, als ginge es für ihn rapide dem Lebensende entgegen. Der könnte, denkt man, die Unsterblichkeit wahrscheinlich tatsächlich sinnvoll nutzen. Nach dem Studium in Santiago und New York gewann er mehrere Design- und Kunstpreise, und als Errazuriz gerade mal 28 war, wurden bereits Werke von ihm bei Sotheby’s versteigert. Vor zwei Jahren gelangte er dann auch außerhalb der reinen Kunstwelt zu Bekanntheit, als er zu den goldenen Zeiten von Snapchat ein Augmented-Reality-Kunstwerk von Jeff Koons mit Digital-Graffiti beschmiert hat, das dieser eigens für die Plattform geschaffen hatte.

Errazuriz und sein New Yorker Augmented-Reality-Thinktank Crosslab waren plötzlich die großen Future-Weiterweiterdreher. „Koons fand das wunderbar“, sagt Errazuriz. „Ich glaube nicht, dass er verstanden hat, was überhaupt passiert ist. Snapchat dürfte es aber Aufmerksamkeit gebracht haben.“ Errazuriz lächelt. Der Digi-Schalk. Und jetzt? Steht er hier und erzählt vom Ende der Menschen. Und der Kunst: „Ich gehöre wohl auch einer der letzten Menschengenerationen an, die noch Kunst machen werden.“

Nichts gibt dem 41-Jährigen mehr Antrieb als der Gedanke an das Ende (Credits: Sebastian Errazuriz).

Errazuriz ist genau die Art von Allround-Macher, bei der man immer gezwungen ist, den Schrägstrich mitzudenken. Also Künstler Schrägstrich Designer Schrägstrich Aktivist Schrägstrich Speaker. Eine sehr gegenwärtige, medienschlaue Existenz, die mit dem reinen Bildermalen schon lange nichts mehr zu tun hat, mit bohèmem Tagverpennen und Förderanträgestellen schon gar nicht. „Das ist Bullshit. Künstler sind Teil der Leistungsgesellschaft wie alle anderen.“ Woher kommt bloß dieser Spirit?

„Vom Tod“, sagt Errazuriz. Schon als Kind sei ihm bewusst gewesen, dass er einmal sterben werde. Er erinnert sich an Geburtstage, an denen er sich über Freunde, Kuchen und Geschenke freute, aber eben auch daran denken musste, dass er ein Jahr weniger zu leben hatte. „Ich habe gemerkt: Persönliches Glück ist überbewertet. Als Kind war das nicht gerade toll.“ Andererseits hätte ihn das schon früh gezwungen, sinnvoll mit der wenigen Zeit umzugehen, die ein Mensch zur Verfügung hat. „Ich habe mich damals schon gefragt, wie ich Dinge schaffen kann, die längere Wirkung haben.“ Und das ist der Grund, warum er dann doch gute Laune hat. Denn zusammen mit seinen Codern von Crosslab ist er gerade dabei, eine Augmented-Reality-Plattform zu starten, die nichts anderes machen soll, als den Kunstmarkt komplett umzukrempeln: „All World heißt sie – sogar der Name selber ist ambitioniert“, sagt Errazuriz.

Gegen die Deadline

Kurz: Bei jüngsten AR-Projekten und Versuchen mit 3D-Druck ist ihm bewusst geworden, dass sich eigentlich jedes Werk haarklein replizieren lässt. Warum es nicht als digitale Datei verschicken? 5G wird bald kommen. Augmented-Reality-Brillen sowieso. AR ersetzt den Gang in die Galerie, einen Ort, an dem man gewöhnlich nur wenige Leute erreicht. Eine AR-Plattform wie All World dagegen würde jedem Menschen mit Zugang zum Internet die Möglichkeit geben, Kunst zu Hause zu erleben. „Im Moment lebe ich als Künstler noch davon, dass mir jemand für 50 000 Dollar ein Werk abkauft und es in einem Raum abstellt. Damit ist es dann weg.“ Wäre es nicht sinnvoller, hat er sich gefragt, wenn 50 000 Menschen je 1 Dollar zahlen, um dieses Werk sehen und erleben zu können?


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