Sophie Passmann: “Unsere Generation gehört durchtherapiert“

Was ist da dein Tipp: Wie kann man auf solche Situationen am besten reagieren?

Ich glaube, da gibt es leider keine kluge Methode. Aber das hängt auch stark vom Charakter ab. Meine Methode ist im Moment: Wenn Leute mich wegen meines Geschlechts nicht haben wollen, dann arbeite ich dort nie wieder. Dazu muss man natürlich sagen, dass ich in einer privilegierten Situation bin, in der ich das auch machen kann. Das heiß, ich kann es mir erlauben, Redaktionen oder Firmen für immer Tschüss zu sagen. Das geht sicher nicht jedem so. Aber solange ich es mir erlauben kann, empfinde ich es als meine Pflicht, für alle anderen Frauen mitzukämpfen. Die Leute sollen ruhig merken, dass die Ungleichbehandlung wirklich langfristige Konsequenzen hat.

Häufig sind es aber vor allem die kleinen Dinge im Office, die Frauen täglich ertragen müssen: Man wird im Meeting unterbrochen, man kriegt die schlechten Projekte zugeteilt. Wie können junge Frauen am besten mit solchem Alltagssexismus umgehen?

Also meine Position – und auch hier ist es wieder eine Charaktersache – ist bei sowas immer: „If you can’t stand the heat, get out of the fucking kitchen.“ Ich weiß, dass es schüchterne Frauen gibt, aber leider ist eine der wenigen Methoden, sich dem Alltagssexismus zu entziehen: Besser sein als der Mann, lauter sein als der Mann, und wenn man unterbrochen wird, zurück unterbrechen. Und vor allem – und das kann jeder machen, egal wie er charakterlich aufgestellt ist – keine Angst davor haben, nicht beliebt zu sein. Denn Frauen wird immer beigebracht, dass sie beliebt sein müssen. Das fängt schon in der Kindheit an.

Meine Methode gegen Alltagssexismus: Besser sein als der Mann, lauter sein als der Mann, und wenn man unterbrochen wird, zurück unterbrechen.

Wie kann man denn, gerade als weibliche Führungskraft, die jüngeren Kolleginnen dazu motivieren, besser und lauter als ein Mann zu sein?

Die jungen Kolleginnen ermächtigen, denen sagen, dass sie das können, und ihnen auch die richtigen Möglichkeiten zuschanzen, damit sie ein Erfolgserlebnis haben und realisieren, dass sie das können. Auch wichtig: Eine Schlüsselfigur und ein Vorbild sein. Es fehlt an guten und starken weiblichen Vorbildern. Es muss mehr laute, krasse, komische, störende Frauen geben. Davon haben wir zu wenige. Das Problem kannst du nicht alleine als Führungskraft lösen, aber du kannst Teil einer Lösung sein.

Wer sind denn für dich Frauen, die solche Vorbilder sind? 

Wenn ich mir die deutsche Medienbranche anschaue, haben wir das Problem, dass die Frauen alle brillant sind. Ich wünsche mir, dass wir mehr mittelmäßige Frauen haben. Denn es gibt so viele mittelmäßige Männer im Fernsehen, bei denen ich denke: Du störst jetzt nicht, aber du bist nicht wirklich eine Bereicherung für das Fernsehen. Frauen hingegen halten das gar nicht durch auf dem Level. Gerade in der Unterhaltungsbranche gibt es nur Top-Vorbilder: Anke Engelke, Martina Hill, Anette Frier, Carolin Kebekus – das sind alles so Highperformer, die ultra gut sind und immer abliefern. Bei Männern gibt es zwar auch ein paar gute, aber darunter dann auch unglaublich viele unglaublich mittelmäßige.

Und gerade diese Über-Frauen sind für die jüngere Generation beängstigend, weil die Chance, an die ranzukommen, eher semi bis gering ist.

Genau das ist das Problem. Es kann zwar zu einem gewissen Grad beflügend sein, sich Anke Engelke als Vorbild zu nehmen und zu denken, dass man so werden will wie sie. Aber es kann genauso beflügend sein, zu sehen, dass man nicht unbedingt Anke Engelke sein muss, um als erfolgreiche Frau zu gelten. Und davon ist unsere Gesellschaft noch weit entfernt, denn Frauen müssen aktuell Überflieger sein, um etwas sein zu können.

Wie hast du gelernt, so schlagfertig zu werden? 

Ich war schon immer eher laut, aber ich bin an sich kein sehr selbstbewusster Mensch. Ich habe nur Inseln, auf denen ich mir das Selbstbewusstsein angearbeitet habe. Das ist ja das Schöne an Selbstbewusstsein: Man kann sich das antrainieren. Gerade wenn es darum geht, zu argumentieren oder Bescheid zu wissen, kann ich mir Selbstbewusstsein aneignen, indem ich fleißig bin, viel lese und mir viel Wissen antrainiere. Und das Zweite ist, Spoiler-Alert: Mit dem Alter wird alles geiler. Vor fünf Jahren dachte ich auch noch verschüchtert: Oh Gott, was will ich denn hier? Aber glaubt mir, es wird besser!

Und das Letzte, was auch sehr wichtig ist und wofür ich eine Lanze brechen möchte, ist: Therapien. Ich glaube, unsere gesamte Generation gehört mal ordentlich durchtherapiert. Und zwar nicht, weil wir alle einen Knacks haben, sondern weil die psychische Gesundheit in unserer Gesellschaft immer noch vollkommen vernachlässigt wird. Und es tut verdammt nochmal jedem gut, mal ein paar Sitzungen beim Therapeuten zu machen. Denn klar ist: Ich wäre mit Sicherheit nicht die Person, die ich heute bin, hätte ich nicht ein paar Jahre auf Couches verbracht.

Vereinfacht die Distanz über Social Media es, öffentlich auszuteilen und Kritik auszuüben? 

Ich würde die Sachen, die ich schreibe, auch direkt ins Gesicht sagen. Ich glaube aber, das ist eher ein Phänomen bei mir. Weil ich selber sehr hart im nehmen bin, was Kritik angeht, und auch einen sehr rauhen Ton habe, bin ich niemand, der Angst vor der direkten Konfrontation hat. Ich bin im echten Leben genauso krawallig wie im Netz.

Ich bin im echten Leben genauso krawallig wie im Netz.

Hast du schon mal über die Stränge geschlagen und musstest dich entschuldigen? 

Ich schieße ständig übers Ziel hinaus, sowohl im Direkten als auch im Digitalen. Bis zu einem gewissen Grad finde ich das aber nicht schlimm, weil ich glaube, mein Job ist es auch, manchmal zu stören und zu nerven. Und auch mal unbeliebt zu sein, weil es gerade der Sache dient. Das ist dann okay für mich. Wenn man eine klare Haltung hat, kommt man gar nicht drum rum, über die Stränge zu schlagen. Und ich finde das gut, wenn man das zelebriert.

Das ist aber eine andere Sache, wenn man Dinge wirklich falsch macht. Also ich bin zum Beispiel definitiv über das Ziel geschossen, weil ich das N-Wort benutzt habe. Zwar in einem satirischen Kontext, aber dann sagen mir verständlicherweise schwarze Menschen: Alter, das ist einfach rassistisch. Auch wenn du es gut meinst. Und da gehört für mich dazu, sich einzugestehen: Ich spiele hier auf einem Feld, das nicht komplett meines ist. Ich spiele hier zwar für euch, aber ich werde niemals die Erfahrung in Sachen Unterdrückung machen, die ihr gemacht habt. Und da muss ich bereit und fähig sein zu akzeptieren, dass ich über das Ziel hinausgeschossen bin, es zurücknehmen und mich entschuldigen.

Sophie Passmann: Alte weiße Männer. Ein Schlichtungsversuch

im Gespräch mit:

Christoph Amend, Micky Beisenherz, Kai Diekmann, Robert Habeck, Carl Jakob Haupt, Kevin Kühnert, Rainer Langhans, Sascha Lobo, Papa Passmann ,Werner Patzelt, Ulf Poschardt, Tim Raue, Marcel Reif, Peter Tauber, Jörg Thadeusz, Claus von Wagner

Erscheint am 7. März 2019.

 


Julia Berger

Julia hat irgendwas mit Literatur, Medien & Politik studiert – ist dann aber an der Bundespräsidentschaft knapp vorbeigestolpert. Die famosen Weltherrschaftspläne mussten deswegen erstmal verschoben werden und nach ein paar kleinen Kreativpausen in Asien, Südamerika und der Agenturlandschaft ist sie nun stets bemüht als Leiterin der Digital Redaktion von Business Punk unterwegs.

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