DIY: Driften im Ferrari – der Selbstversuch

Ob Zombie-Apokalypse oder aber rasende Flucht über den Berg, am Ende setzt derjenige sich am schnellsten ab, der auch bei schlitterigster Witterung das Get-away-Car durch die Kurven schickt.

Wie jeder andere Mensch auch halte ich mich für einen verdammt guten Autofahrer: Gottes Geschenk an die baumgesäumte Landstraße, der Paganini des Fünfgang-Schaltgetriebes, der sich bei nächtlichen, einsamen, unangeschnallten Nachdenktouren Sätze aus „Drive“ vorsagt. Soll heißen: der perfekte Kandidat für eine fahrtechnische Allround-Demütigung.

Und damit zu Ferrari, die neulich in die Alpen geladen haben. Dort soll ich im neuen GTC4 Lusso lernen, über Schnee und Eis zu driften. Klingt geil. Unter uns: Das ist eine Aussicht, die mich derart extrem anspricht, dass ich am Vorabend im Hotel unter heftigster, sich körperlich bemerkbar machender Vorfreude leide: Ich kann partout nicht einschlafen. Ich luge auf die nachtdunkle Alpenstraße vor dem Hotel, ob da nicht ein Ferrari parkt, um den ich zumindest herumstreifen könnte, aber nein.

Nach dem Frühstück erst einmal das Briefing. Rennfahrer Chris erklärt in seiner Rolle als Coach, wie die Bedienelemente am Lenkrad angeordnet sind und dass auf der Straße doch bitte stets die Geschwindigkeitsbeschränkung gilt, weil man das – Chris kann es ja nachvollziehen – durchaus einmal vergessen kann. Mir wird auch Rallye-Wissen beigebracht: eher nah am Lenkrad sitzen, damit notfalls bei einem Unfall die angewinkelten Arme und Beine das meiste abbekommen. Gebrochene Extremitäten sicherlich schlimm, gebrochenes Becken aber viel, viel schlimmer. Aha.

Credits: Lennen Descamps #LNNN.

Für die volle Luxussimulation gibt’s noch einen Chronometer von Hublot ­umgeschnallt. Mit dem Gegenwert von drei Dacia Logan am Handgelenk sitze ich dann endlich im Ferrari.

Nach ein paar Kilometern sonniger Landstraße stehen wir auf dem verschneiten Testgelände am Fuße der Berge. Softer Einstieg: Kickdown und Vollbremsung, um ein Gespür für die enorme Gravitationskraft im Wagen zu bekommen. Und im Schnee-Modus des Fahrwerks geht es auch rabiat los: keine durchdrehenden Reifen, sondern ein Start, der mir das Gesicht nach hinten stülpt. Nach drei Sekunden mit aller Macht auf die Bremse – uffff! Adrenalin! Die Autoscooterjugend flackert in die Erinnerung. Blick zum an der Seite wartenden Chris, der aber den Kopf schüttelt. Was bitte habe ich falsch gemacht? „Nächstes Mal lächeln, Alex“, kommt es von ihm aus dem Walkie-Talkie. Ha.

Mit seinen einerseits vernünftigen vier Sitzen, andererseits aber eben 690 PS wirkt der Lusso ein bisschen wie eine zu reiche Soccer Mom, die heimlich mit 23-Jährigen die Nächte durchmacht. Und jetzt geht es definitiv auf Party zu. Denn den Manettino, diesen großen Fahrassistenz-Knopf am Lenkrad, stelle ich auf off, und damit geht es in die Drift-Schule.

Credits: Lennen Descamps #LNNN.

Chris erklärt: zweiter Gang, extrem gegenlenken und dann nur noch mit dem Gaspedal die Richtung nachjustieren. Hm, hm, gut, klingt einfach. Wir bewegen uns in einem großen O, und Ziel ist ein eleganter, permanenter Drift, so wie man es von „Need for Speed“ halt kennt.

Nach 20 Metern Gestotter setze ich die Karre erst mal in eine Schneewehe. „Okay“, sagt Chris. Er sagt es freundlich, aber tonlos, ohne Hoffnung. Hier also die Läuterung: guter Autofahrer, my ass. Doch es ist wie Eislaufen, nach und nach klappt es, irgendwann muss man sich nicht mehr an der Bande festhalten. In meinem Fall heißt das, dass ich langsam ein halbes O schaffe. Klingt nicht spektakulär, fühlt sich aber – schweißnasse Hände, flauer Bauch, entrücktes Grinsen – absolut grandios an.

Nur weiß ich jetzt schon, dass dieser neue Skill mir zum Problem werden wird. Ab jetzt, ahne ich, ist jede nicht gedriftete Kurve Zeitverschwendung, eine Enttäuschung. Wie ein Gericht beim Inder ohne Pfeffer oder Chili. Der Alex, für alle Zeiten verdorben für ESP und Frontantrieb.

Stimmt: Später, beim Flughafentransfer, werde ich ungehalten. Ich rutsche auf dem Beifahrersitz des Vans hin und her, denn als Drift-Uni-Absolvent sehe ich die Straße ja jetzt mit gierigeren Augen. Das defensive Fahrverhalten meines tadellos auf Komfort und Sicherheit bedachten Fahrers nervt mich. Ich sehe ihn von der Seite an. Er sieht zurück, versteht und lächelt: „Vergiss es“, sagt er. Pah. Bestimmt hält er sich für einen verdammt guten Autofahrer.

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Der Artikel stammt aus unserer aktuellen Ausgabe. Titelstory: Wieso Nico Rosberg sich nach seinem radikalen Karriere-Schlussstrich 2016 gerade als Investor in Zukunftstechnologien neu erfindet. Außerdem haben wir ein Dossier zum Thema Travel Biz für euch. Darin berichten wir unter anderem über Away, das New Yorker Koffer-Startup, das mit clever konzipiertem Gepäck gerade zur Love-Brand der Millennials wird. Mehr Infos gibt es hier.


Alexander Langer

Alexander ist Redakteur bei Business Punk, wo er vor allem den Teil Play Hard betreut. Vorher hat er sich durch den Berliner Startup-Dschungel gehangelt, war außerdem bei 11Freunde. Noch weiter davor tausend Jobs, von denen er dir gerne mal ausführlich erzählt, wenn du nicht aufpasst.

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