Dieses Kartenspiel macht Mobbing zum Kneipensport

Bock, Freundschaften auf die Probe zu stellen? Kein Problem: Das Kartenspiel „Harter Tobak“ macht Mobbing zum Kneipensport. Aber wie schlägt es sich eben dort beim Produktpitch?

Der Küchenpsychologe weiß es, die Facebook-Timeline deiner Tante ohnehin: Wahre Freundschaft kann nichts zerstören. Mag sein, aber zum Stresstest hat der Mensch das tolle Konzept des Roasts erfunden. Das zärtliche, nicht ganz böse gemeinte Mobbing. Was also, dachten sich Jan Waltereit und Simon Haberl, wenn man daraus einen Zeitvertreib macht? Ein Kartenspiel, das den Rahmen gibt für feine wie dumpfe Beleidigungen? Daraus entstanden ist „Harter Tobak“, 380 Karten randvoll mit Kombinationen, die man abends in gut gelaunter Runde einander um die Ohren hauen kann. Das Ganze ist schon einige Zeit im Handel, kostet knapp 20 Euro – und jetzt stehen Waltereit und Haberl in eigens gebrandeten Hoodies mit Aufdruck „Make Mobbing Great Again“ und zwei Exemplaren des Spiels in der Kneipe Wohnzimmer am Berliner Helmholtzplatz. Wie schneiden sie beim Pitch gegenüber genervten Biertrinkern ab?

Nicht einfach. Es ist Sonntagabend, und „Harter Tobak“ konkurriert von der Ausrichtung her mit Wahrheit oder Pflicht und Flaschendrehen. Und die hier versammelten ernsten Junggreise vom Prenzlauer Berg sind nur noch ein paar semi-ausgelassene Monate vom „Tatort“-Wichtigfinden entfernt. Ah! Aber in einer Ecke spüren Waltereit und Haberl drei Neugierige auf: Paula, Luca und Noah, alle von den Klassikern „Cards Against Humanity“ und Diktatoren-Quartett gut vorbereitet und sozialisiert.

Die Mobbingbeauftragten

Gründer Jan Weitereit (r.) und Simon Haberl (l.)

Waltereit teilt die Karten aus und beginnt mit den Regeln: „Es startet der, dessen Augenbrauen am ehesten einer Monobraue ähneln, also Simon“, eröffnet er mieserweise schon vor dem offiziellen Startschuss den Roast. Simon ist damit der Mobbingbeauftragte, er darf auswählen, wer in dieser Runde alle Beleidigungen abbekommt: „Jan. Der kann was ab.“

Die Spieler sortieren: drei schwarze und sieben orange Karten, die miteinander kombinierbar sind. Schwarze Karte Setup, orange Karte Punchline. Jan hört sich alles nickend an, er entscheidet, wessen Roast wirklich wehtut – und der mit dem härtesten Roast gewinnt die Runde. Spielende ist, wenn sich einer zehn Karten zusammenbeleidigt hat. Und die drei finden schnell viel Spaß daran: „Woooow“, sagt Noah, der gerade gut was einstecken musste. Und sonst, so generell? „Megageil“, sagt Paula. Das Strahlen der Gesichter zeigt, dass es ganz offensichtlich den großen und dringenden Need für das Produkt gab.

Schön, das war einfach. Zeit für ein bisschen Background. Waltereit und Haberl haben das Konzept vor Jahren erdacht, es neben dem Studium auf den Weg gebracht und nebenbei über Amazon vertrieben, eine Zeitlang sogar ohne Produktbild. Trotzdem hat es sich verkauft. Sie haben „Harter Tobak“ selber wohl ein bisschen vergessen, obwohl es sich hartnäckig abverkaufte. Als dann aber auch Jägermeister noch einmal anfragte, wussten sie, dass sie ernsthaft was daraus machen mussten.

Konzept folgt der Fixerstube

Ui, aber Mobbing? Ist das nicht für die Gegenwart ein schlimmes Tabuthema? Waltereit sagt, dass das Spiel ab 16 sei, um dem Ärgsten vorzubeugen. Außerdem folgt es „dem Konzept der Fixerstube: Was nicht stattfinden soll, im geschlossenen Rahmen stattfinden lassen. Damit wollen wir an die Gymnasien.“ Sinnvolle Idee: Der Safe Space für alle, die es eskalieren lassen wollen. Währenddessen sehen wir, wie Luca, Paula und Noah schnell und schweigend den Laden verlassen. Was hat „Harter Tobak“ da aufquellen lassen?

Egal, ab ins Taxi und zum Rosenthaler Platz. Im Schmittz spielen Isabel und Wei Tischtennis. Sehr gut: Stumpfes Tresenstehen ist offenbar nicht deren Sache, in beiden tobt stattdessen eindeutig der ehrliche Wettbewerbs-Spirit. Die sollten einander dringend beleidigen! Auch Haberl nickt und erkennt die verwandte Seele: „Ich bin kompetitiv. Wer geroastet wird, soll weinen.“

Also: Monobraue Haberl startet standardgemäß, Isabel und Wei werfen die ­Roasts ab. Und, wie isses? Wei, immerhin Linguist, moniert die zu langen Textbausteine, die in größerer Runde und bei zunehmender Lautstärke wohl untergehen dürften. Außerdem findet er die Kombinationen zu wahllos, „da kann ich ja irgendeinen Quatsch legen“. Stimmt, gibt Waltereit zu, deswegen darf man auch eine Runde aussetzen und muss nicht ablegen. Aber Wei lässt nicht locker: „Leute, die gut Witze erzählen können, werden gewinnen. Andere lesen nur doof vor.“ Aber so ist das, das Perfomancevermögen ist einfach ungleich verteilt. Wirtschaftsethik-Studentin Isabel, die vorher noch im Tischtennis besiegt wurde, ist da nachsichtiger mit den Kartenspiel-Entrepreneuren. „Ganz nice“, sagt sie, „bestimmt ganz lustig mit mehreren Leuten.“

„Alle wollen beleidigen“

Okay! Nach dieser gefühlten Drei plus besorgen wir uns Pfeffi und steigen in die U8, um zum Moritzplatz in die ehrliche Trinkerkneipe „Zum Kleinen Moritz“ zu schusseln. Die ehrlichen Trinker sind aber offenbar schon durch, die Kneipe ist leer. Schlecht. Andererseits gut, weil wir so endlich Zeit und ohne Ende Platz haben, um selber „Harter Tobak“ auszuprobieren. Haberl teilt die Karten aus, sieht unsere begeisterten Gesichter: „Alle wollen beleidigen“, sagt er wissend. Wie peinlich! Aber wir merken schnell: Gut geroastet werden, ja, das geht runter wie eine Handvoll Reißzwecken.

Vielleicht nicht die Top-Idee fürs erste Date, aber wenn man sich schon ein bisschen kennt, kann das Zwischenmenschliche schon eine Session „Harter Tobak“ vertragen

Dann die Katastrophe: Ich vergieße Bier über Tisch, Jans Hose und auch die Karten. Und hier der Verbesserungsbedarf: In einer Runde mit Angeschickerten sollten die Karten laminiert sein. Oder es müsste eine Box geben, wo man sie schön ordentlich sammeln und vom Betrunkensten am Tisch fernhalten kann.

Nach ein paar Runden und dem Umzug ins Schloss Neuschweinsteiger in Neukölln verstehen wir, was Haberl meinte, als er eingangs sagte: „Das ist alles textbasiert. Der Pegel darf nicht ganz so hoch sein.“ Weise, erfahrene Worte. Denn nach Mitternacht steigt einerseits bei uns noch einmal die Lust am Beleidigen, andererseits findet das alles nicht mehr so kohärent statt. Außerdem merken wir, dass der Roast inzwischen auch ohne Karten und Anleitung ganz locker über die Zunge rollt. Alles in allem aber großer Fun!

Wir hätten auch eine Spielidee: ein Club, wo man sich trifft, um sich zu verprügeln. Darüber sollte man nicht allzu viele Worte verlieren, darum lautet die erste Regel des Fight – nein? Nicht lustig? Okay, das tut jetzt wirklich weh.


Alexander Langer

Alexander ist Redakteur bei Business Punk, wo er vor allem den Teil Play Hard betreut. Vorher hat er sich durch den Berliner Startup-Dschungel gehangelt, war außerdem bei 11Freunde. Noch weiter davor tausend Jobs, von denen er dir gerne mal ausführlich erzählt, wenn du nicht aufpasst.

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