Starinvestor Ray Dalio über den Verfall des Miteinanders – und wie man ihn aufhält

Der US-Starinvestor Ray Dalio beobachtet seit Jahren einen Verfall des Miteinanders. Mit seinem Buch „Prinzipien des Erfolgs“ mischt er sich jetzt laut in den Diskurs ein

Herr Dalio, in Ihrem Buch erklären Sie, wie man unangenehmen Tatsachen ins Gesicht schaut oder mit Menschen umgeht. Was macht für Sie ein gutes Prinzip aus?

Die Frage ist ja: Wenn das Gleiche immer wieder passiert, was macht man dann? Übergeordnete Prinzipien sind die wichtigsten, bei denen geht es darum, wie wir miteinander umgehen sollten. Und diese Prinzipien sind nicht ganz klar. Wollen wir das? Können wir mit unseren Meinungsverschiedenheiten so umgehen, dass wir sie nutzen? Wir erleben eine Epoche einer extremen Fragmentierung.

Schon bevor die deutsche Übersetzung he­rauskam, bekam „Prinzipien des Erfolgs“ auch hierzulande viel Resonanz. Hat Sie der weltweite Erfolg Ihres Buches überrascht?

Es geht. Denn schon vor fünf Jahren habe ich eine Pdf-­Datei dazu auf unsere Homepage gestellt. Die wurde 3,5 Millionen Mal heruntergeladen. Ich wusste, dass es ein großes Interesse gab. Aber dass das Interesse so groß wird? Nein, das habe ich nicht erwartet.

War dann die Resonanz auf das Dokument das ausschlaggebende Ereignis, ein Buch daraus zu machen?

Nein. Mein Ziel war es, diese Prinzipien auf den Markt zu bringen. Ich wollte sie vermitteln und am Ende die Menschen dazu bringen, ihre eigenen Prinzipien zu entwickeln. Denn die Prinzipien im Buch haben mir in meinem eigenen Leben geholfen. Mein Ziel war, sie weiterzugeben – und dann zu verschwinden.

Gleich in der Einleitung schreiben Sie: „Dies ist eine Zeit, in der es besonders wichtig ist, dass wir uns über unsere Prinzipien im Klaren sind.“ Warum gerade jetzt? Mangelt es Menschen an Lebensplanung?

Ich denke, dass aus verschiedenen historischen Gründen keine große Klarheit mehr herrscht: Die Bürger Ihres Landes, die Bürger meines Landes, wir wissen nicht mehr, welche Prinzipien uns verbinden. Und die Prinzipien, die uns voneinander trennen. Wir haben keine „thoughtful disagreements“, wir wissen nicht mehr, was für uns beide wichtig ist und wie wir unsere Meinungsverschiedenheiten überwinden können. Das Problem ist: Wir handeln nur noch aus taktischen Gründen, kurzfristig, nicht mehr mit dem Blick aufs Ganze.

Sehen Sie Parallelen zu anderen Epochen?

Es ist eine ähnliche Situation wie in den späten 30er-Jahren. Es gibt ein großes Verschuldungsproblem, und die Zinssätze wurden auf null gesenkt. Und das führt zu einer Lücke, einerseits beim Wohlstand, andererseits bei den Werten.

Welche Erkenntnisse ziehen Sie daraus?

Nun, es gibt derzeit viel mehr interne und viel mehr ­externe Konflikte. Noch mal: Das war Ende der 30er-Jahre sehr ähnlich. Zudem gab es damals eine aufstrebende Macht, die die USA herausgefordert hat. So wie heute – diesmal ist es China.

Noch mal ein kleiner Schritt zurück: Was meinen Sie mit Fragmentierung?

In meinem ganzen Leben habe ich noch nie so viele ungute, dysfunktional geführte Meinungsverschiedenheiten erlebt. Es wäre für mich das Wunderbarste überhaupt, wenn wir diese Auseinandersetzungen in respektvolle, durchdachte Meinungsverschiedenheiten umwandeln könnten.

Und ein Befolgen von Prinzipien und Maximen könnte hier helfen?

Wir müssen uns jederzeit über unsere Prinzipien im Klaren sein. Früher hat das mal die Religion vermittelt, aber deren Anhängerzahl nimmt immer weiter ab. Prinzipien sind ja nichts anderes als Strukturen. Wer keine hat, muss permanent taktisch entscheiden. Meiner Meinung nach sollte jeder Mensch den Unterschied zwischen übergreifenden Prinzipien und taktischen Entscheidungen kennen.

Hätten Sie dieses Buch nicht schon vor 20 Jahren schreiben müssen?

Ich habe es überhaupt nur geschrieben, weil ich mich jetzt in meinem Leben in einer Phase des Übergangs befinde. Ich bin 69 Jahre alt, jetzt will ich mein Wissen weitergeben. Aber was die Aktualität angeht: Seit den 30er-Jahren gab es nicht mehr so einen großen Bedarf an Prinzipien. Sehen Sie sich nur den Populismus an, egal ob von links oder von rechts. Sehen Sie nur, wie oft das Wort Populismus selbst in letzter Zeit fällt und verwendet wird. Und ich kann das beurteilen, weil ich mich durchaus in der Geschichte auskenne.

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