So will Google mit Stadia den Gaming-Markt aufmischen

Googles neue Milliardenwette heißt Cloud-Gaming. Und Phil Harrison soll mit Stadia den Entertainment-Standard der Zukunft etablieren.

Auf den Fluren von Googles Hauptsitz in London wird der Vergangenheit des Gamings gehuldigt. Denn dort hat jemand zu Ausstellungszwecken Vintage-Konsolen rangeschafft und sie in Glaskästen gesetzt, und da warten sie jetzt – stumm, staubfrei, für alle Zeiten konserviert. Hier läuft Phil Harrison immer wieder vorbei, und das Museale dürfte dem Produktchef von Googles neuem Gaming- und Entertainment-Produkt Stadia passend erscheinen – er ist immerhin gerade dabei, die Konsole abzuschaffen und für immer in die Regale zu verräumen, seinem Arbeitgeber dafür mit der nächsten Iteration im Gaming ein Milliardengeschäft zu erschließen.

Harrison hat sein ganzes Berufsleben lang an der Zukunft gebaut, eigentlich schon davor. Als er zwölf war, bekam er einen Commodore 64 zu Weihnachten. Vorhin hat er im Flur hinter der Glasscheibe ein altes Exemplar entdeckt. Er lächelt, scheint in Gedanken mit den Fingern über die Tastatur zu fahren: „Es war wie Magie: Der blaue Bildschirm fuhr hoch, dann kam der blinkende Cursor, dann das Wort ‚Ready‘ samt Fragezeichen dahinter. Das hat mich enorm angestachelt und inspiriert.“ Mit 14 Jahren steuerte er die Intro-Animation für ein Computerspiel bei, „Insect Insanity“: Ein großer Stiefel muss so viele Insekten wie möglich zertreten. Harrison bekam 50 Pfund dafür. Als er 16 war, verließ er die Schule: „Ich habe versucht, aus Videospielen einen Job zu machen.“

Das hat er wohl wie kein Zweiter. Harrison hat den ganzen Zirkus durchlaufen. In seiner Vita stehen unter anderem Atari, Sony und Microsoft. Wo auch immer er landete, kamen kurz darauf große, neue Produkte auf den Markt, die die folgenden Jahre prägend für die Branche sein sollten. Jetzt zündet er die nächste Innovationsstufe: „Games können besser sein. Ich will zeigen, dass niemand mehr die Box braucht.“

Bei Stadia bleibt als Hardware nur noch der Controller übrig. Ein Abo für 10 Dollar im Monat, um den Stream vom Server zu bekommen, den man bei idealer Verbindung latenzfrei auf allen Geräten abspielen kann, dann die Käufe für die Games – fertig. Harrison sagt: „Für uns war das Wichtigste, dass man Stadia über jeden Screen nutzen kann, egal ob PC, TV, Tablet oder Smartphone. Nur so kann es skalieren.“

Die Konsole ist tot

Zuerst gewusst haben es die anderen, die, die ein völlig anderes Feld beackern – nämlich Comedy. In der HBO-Serie „Silicon Valley“ laufen die strubbeligen Protagonisten mit ihrem serverbasierten Projekt immer wieder gegen Hürden. In einer Staffel etwa gegen die Figur Jack Barker, einen alten, gegen ihren Willen eingesetzten Tech-CEO, der nichts sehnlicher will, als ihre Erfindung in einen Kasten zu packen, den er dann Konzernen teuer verkaufen kann. Der Konflikt macht alles auf: alte Generation gegen junge, Corporate gegen Innovation, Bilanz gegen Wette auf Zukunft.

Interessant: Harrison ist Barker und die Jungs von Pied Piper in einer Person. Und das Produkt Stadia setzt die Fiktion um: Egal auf welchem Gerät, ein komplexes Triple-A-Game wie „Assassin’s Creed: Odyssey“ soll binnen fünf Sekunden laden. Der Grafikprozessor von Google kann halt 10,7 Teraflops rumschieben, den riesigen Servern sei Dank – ein Vielfaches von dem, was Xbox oder Playstation leisten. Harrison sagt: „Den technischen Aspekt soll keiner bemerken, der ist unwichtig. Der Stream soll für den Nutzer so natürlich wie Atmen sein.“ Gut. Aber Schritt zurück: Google, Gaming-Plattform?

Ja. Denn Gaming ist für Konzerne seit vielen Jahren ein erprobter Schritt zur Verjüngung. Bei der ersten Xbox im Jahr 2001 wirkte es noch so, als ob plötzlich Bill Gates mit einem Skateboard unter dem Arm im Wohnzimmer auftauchte und sagte: „Hallo, junger Mensch, dein Vater kennt uns von Excel, aber wusstest du, dass wir eigentlich auch sehr cool sind?“ Weiß Harrison selber: Er hat 1992 bei Sony angefangen, um die erste Playstation auf den Markt zu bringen. „Damals hieß es: ,Bei dem Fernsehhersteller? Spinnst du?‘ Sony musste erst noch zu dem Gaming-Riesen werden.“

Gerade der Erfolg von Sonys Playstation war für andere wie eben später auch Microsoft und Nvidia der Beweis, dass man eine komplett neue Nutzergruppe erschließen kann. So werden seit Jahren immer wieder Stimmen laut, dass Sony die sinnlose Smartphone-Sparte dichtmachen und stattdessen das Geld in die hoch profitable Playstation stecken soll. Der Beweis ist also schon lange da. Ohnehin stürzt sich Google auf kein kleines Produkt. Harrison sagt: „Wenn die Scale stimmt, macht Google gerne die Mittel verfügbar.“

Alphabet, der Mutterkonzern von Google, dürfte in einer ähnlichen Position sein, in der sich Microsoft vor rund 20 Jahren befand. Omnipräsent im Konzernleben und privaten Alltag. Unter Alphabets Dach befinden sich elf Produkte, die monatlich über eine Milliarde aktive Nutzer anziehen, darunter Search, Mail, Maps. Dazu wird in absehbarer Zeit noch der autonome Fahrservice Waymo kommen, bei dem Analysten davon ausgehen, dass er langfristig dreistellige Milliardenbeträge in die Kassen spülen wird. Aber eine Lovebrand sieht anders aus, oder?


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