Wahrer Iron Man – Richard Browning hat den Jet-Suit entwickelt

Seit er denken kann, glüht in Richard Browning eine Leidenschaft fürs Fliegen. „Mein Vater war Luftfahrt-Ingenieur und Erfinder. Sein Vater wiederum war im Krieg Pilot und Ausbildner beim Militär. Mein anderer Großvater war Vorsitzender des britischen Luft- und Raumfahrtherstellers Westland Helicopters. Flug, Technik, PS – das liegt mir im Blut.“ Mit achtzehn folgte Browning der Familientradition und begann ein Ingenieursstudium. „Aber es ging nur ums Rechnen und Mathematik, keine Werkzeuge, Maschinen oder sonst was mit Praxisbezug weit und breit.“

Er brach das Studium ab und begann zu jobben. Beim Ölriesen BP landete er einen Coup: „Ich entwickelte ein Frachtverfolgungssystem, das jeder zunächst für einen Witz hielt. Aber ich hatte den Mut, einen Prototyp zu bauen. Das Ding schlug ein wie eine Bombe. Es veränderte die globale Rohstoffindustrie und brachte Milliarden.“

Rocket Man ©Greg Funnell

Andere hätten sich vielleicht auf den Lorbeeren ausgeruht, Browning stellte sich einer komplett neuen Herausforderung. „Ich ging zur ‚Royal Marines Reserve‘. Zwei Jahre später hatte ich mein grünes Barett. Die zwei Jahre veränderten mich grundlegend. Die Ausbildner bei den Marines prügeln dich körperlich und geistig. Gnadenlos. Und damit bringen sie dich weiter, als du es je für möglich gehalten hättest“, sagt er.

Browning begann, Ultra-Marathons zu laufen. Er verwandelte seinen Körper mit Calisthenics in eine Fitness-Maschine. Und ebendiese Fitness brachte ihn auf die nächste Idee: „Ich war leicht und stark. Ich konnte mein Körpergewicht in den verrücktesten Positionen halten, Planches, Muscle-ups, Flags. Eines Tages bekam ich Spaß an dem Gedanken, diese Fähigkeiten bis an die Grenzen des physikalisch Möglichen auszureizen. Es heißt ja, dass der Mensch zu schwach und zu schwer ist, um zu fliegen – okay, unsere Arme sind dafür vielleicht einfach nicht geeignet. Aber was, wenn man mit ein paar PS nachhilft?“

Im Jahr 1919 wurde vom russischen Erfinder Aleksandr Andrejew das erste Jet-Pack konzipiert, ein mit Sauerstoff und Methan betriebenes Raketensystem, das patentiert, aber nie gebaut wurde. In den hundert Jahren seither haben sich viele andere nach dem Himmel gestreckt – mit bestenfalls gemischten Ergebnissen.

Basierend auf dem Puls-Jet-Antrieb ihrer V1-Flugbombe, versuchten sich die Nazis im Projekt „Himmelsstürmer“. Nach Kriegsende entwickelte der deutsche Wissenschaftler Wernher von Braun eine Jet-betriebene Weste für die US-Armee. 1961 schickte Bell Aerospace im ersten Freiflug den Ingenieur Harold Graham mit einer Art Raketengürtel in die Luft, 13 Sekunden lang und 35 Meter weit, knapp einen Meter über dem Boden. Das Bell-Aerospace-Modell wurde durch zwei Auftritte weltberühmt, 1965 im Bond-Film „Thunderball“ und 1984 bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Los Angeles. Keiner der Ansätze brachte die beiden Hauptprobleme auch nur annähernd in den Griff: Zu viel Gewicht bei zu geringem Kraftstoff-Gewichts- Verhältnis limitierten die Flugzeit auf eine Handvoll Sekunden, und alle Modelle blieben dramatisch instabil.

Und genau in diesen Hindernissen sah Browning seine Chance. „An ein neues Projekt gehe ich immer mit demselben System heran. Ich analysiere, was jemand anderer getan hat, und frage mich: Kann ich das besser machen?“, sagt er. „Mein Plan war, jedes mögliche Gramm in meinem Flugsystem wegzulassen – und meine Muskelkraft als Stabilisator gegen die Schwerkraft einzusetzen.“

Rocket Man ©Greg Funnell

Historisch gesehen sind sogenannte Jet-Packs eigentlich Raketen-Packs: Der Treibstoff (oft Wasserstoff) erzeugt in einer chemischen Reaktion mit einem Oxidationsmittel einen heißen Gas-Stoß. „Aber es gab zuletzt einen ziemlichen Durchbruch bei leistungsstarken Mikro-Gasturbinen, die sich bei Modellflugzeugen bewährten“, erzählt Browning, der den Begriff „Modellflugzeug“ recht großzügig einsetzt: Die angesprochenen mit Jet-Treibstoff betriebenen Turbinen sind miniaturisierte Flugzeugtriebwerke, die bei 1,9 Kilo Gewicht jeweils 22 Kilo Schub bei einer Temperatur von 700 Grad aus dem Auspuff drücken. „Ein irres Schub-Gewichts-Verhältnis“, sagt er.

„Dank der Ultra-Läufe war ich ziemlich leicht, also sollte ich abheben können, wie ich mir ausrechnete. Theoretisch sollte ich auch kräftig genug sein, aber ich grübelte hin und her, ob ich die Last auf meine Arme, Schultern oder Beine bringen sollte. Aber Zweifel gehört dazu. Der Weg zum Erfolg führt nur über Unsicherheiten. Jeder Unternehmer, der dir sagt, dass er immer wusste, dass irgendwas funktionieren würde, redet Schwachsinn. Wenn Dinge sicher sind, hat sie schon jemand zuvor getan.“

Im März 2016 begann Browning mit Tests auf einem Bauernhof in der Nähe seines Hauses in Salisbury. „Keine Straßen weit und breit, nicht einmal ein Fußweg“, sagt er. „Wir hielten es absolut geheim.“ Alles begann mit einer am Arm befestigten Düse. „Ich feuerte sie ab, wow, da steckte irre Power drin! Aber dennoch nicht genug, das war klar. Wir brauchten weitere Motoren.“ Als Nächstes befestigte er an jedem Arm eine Düse. Irgendwann zwischendurch versuchte er drei auf jedem Arm zu befestigen, 66 Kilo Schub pro Handgelenk. „Das war dann doch zu viel“, sagt Browning. „Wir experimentierten weiter, scheiterten jedes Mal, aber lernten bei jedem Scheitern.“

„Die großen Luftfahrtfirmen könnten ein halbes Dutzend Gründe nennen, warum das nie funktionieren kann“, sagt er. „Du seist nie in der Lage, genug Treibstoff zu transportieren, würden sie sagen, du könntest nie genug Energie erzeugen, und wenn doch, würdest du sie niemals bändigen können. Die Rotationskräfte würden deinen Arm jedes Mal abreißen, wenn du ihn bewegst. Und die Hitze wäre unkontrollierbar – du würdest in einem Feuerball verglühen. Am Ende bräuchte man, wenn es nach herkömmlichen Vorstellungen geht, ein riesiges traditionelles Jet-Pack mit Armlehnen, Kreiselinstrument und was auch immer. Aber das wäre vom Leistungsgewicht her nicht machbar.“ Seine Lösung war, alle Stimmen der Experten zu ignorieren. „Jede Erfindung, die die Menschheit je weitergebracht hat, entstammt der Missachtung konventioneller Annahmen“, sagt er.

„Natürlich haben die zu 99 Prozent recht. Aber ich jage das eine Prozent. Das ist der Platz, in dem man die Welt verändert.“ Im November 2016 fand er dieses eine Prozent. Mit sechs Düsen, die an seinem Körper befestigt waren – eine pro Bein, zwei pro Arm –, flog Browning sechs Sekunden lang über den Hof. „Mein rechtes Bein hatte ich nicht unter Kontrolle. Es ist schwierig genug zu steuern, wohin deine Arme zeigen, aber stell dir vor, dass du bei all der Power auch deine Beine stabilisieren musst. Die Auspuffe waren ein paar Zentimeter vom Boden entfernt, ließen den Beton zersplittern und wirbelten Staub in die Motoren. Ich bekam Angst. Ich wollte nicht auf die allzu harte Tour lernen.“ Aber als er sicher gelandet war, trug er ein breites Grinsen im Gesicht. „Ich dachte mir: Mein Gott, wir haben soeben die Tür zu etwas Großartigem geöffnet.“

Fünf Monate später und um 650.000 Dollar reicher steht Browning vor dem TED-Talk-Publikum im kanadischen Vancouver und fliegt. Die Menge gerät aus dem Häuschen.

Rocket Man ©Greg Funnell

Oktober 2018, ein Flugplatz außerhalb von Ipswich in England, in jeder Hinsicht weit entfernt vom Bauernhof-Testgelände. Im Inneren eines kathedralenartigen Hangars, verziert mit dem Logo von Brownings Unternehmens Gravity Industries, wirbelt am Ende eines pechschwarzen Tunnels ein riesiger Ventilator – eine streng geheime Versuchsanlage für Triebwerke. In der Mitte des Hangars kann jeder den Jet-Suit testen, mit einem Sicherheitsgurt an einem Kran befestigt. Das Abenteuer ist kein Schnäppchen (über den Preis wird nicht gern geredet), aber darum geht es nicht: Es ist der erste Schritt zur Verwirklichung von Brownings Vision der massentauglichen individualisierten Fliegerei.

Seit der Vorführung auf Drapers Parkplatz in Kalifornien ist viel passiert: mehr als 60 Auftritte auf der ganzen Welt – darunter vier TEDTalks –, eine Show mit Tom Cruise und der Guinness-Geschwindigkeitsweltrekord für den Flug in einem körpergesteuerten Anzug mit Strahltriebwerk: 51,53 km/h. Inoffiziell ist er längst schneller. „Auf der Bournemouth Air Show erreichten wir 74 km/h“, erzählt Browning und lacht auf, „allerdings versehentlich!“ Es war nicht der einzige Fehler, der dort passierte: Sowohl er als auch sein Kollege Angelo Grubisic beendeten ihre Vorführung mit einem Sturz ins Wasser, Browning schätzt den Schaden auf rund 18.000 Euro. Glücklicherweise kann er es sich leisten: Einen Tag zuvor hatte er einen Jet-Suit für knapp 380.000 Euro verkauft. Das Londoner Kaufhaus Selfridges bietet den Jet-Suit übrigens online an.

Brownings Sinn für Inszenierung lässt sich am Event anlässlich des Verkaufsstarts erkennen: Er landete einen Flug auf der belebten Strasse davor. Wenn er von Medien als „wahrer Iron Man“ gefeiert wird, gefällt ihm das. „Ich liebe den ersten ‚Iron Man‘-Film“, lächelt er. „Die Idee, dass Tony Stark im Business Erfolg hat, aber dass ihm das nicht reicht und er in seiner Freizeit etwas Außergewöhnliches macht – damit kann ich mich identifizieren.“ Robert Downey Jr.s Leute haben Browning übrigens kontaktiert: Der Hollywoodstar hat um einen Termin zum persönlichen Kennenlernen gebeten.

Rocket Man ©Greg Funnell

Browning denkt währenddessen sehr konkret weiter, und zwar an eine Formel-1-ähnliche Rennserie: Private Teams sollen seine Jet-Anzüge lizenzieren und ihre Piloten um die Wette übers Wasser jagen. „Wie das Red Bull Air Race, aber auf einer intimeren Ebene“, sagt er. „Wir reisen um die Welt – der Hafen von Singapur, Kaliforniens Bay Area, der Hudson River, die Themse.“ In seiner Trainingsanlage rekrutiert er bereits Piloten für die Rennserie. Längst ist der Jet-Suit gegenüber dem ersten Modell weiter verbessert. Er verfügt nun über einen einzigen Rückstrahl mit 55 Kilo Schub und je zwei Turbinen an den Armen. „Wenn man aus jedem Motor eine gerade Linie zieht, ist es wie ein Indianer-Tipi mit fünf Stangen, deshalb ist das System so stabil.“ Es gibt Brillen mit Head-up-Display, „und der Computer schaltet automatisch nach ein paar Minuten den Schub zurück, denn dann hast du fünf bis sechs Kilo weniger Treibstoff dabei.“

Für den Fall einer unfreiwilligen Wasserlandung gibt es eine automatisch aktivierte Rettungsweste. Der Anzug ist für Höhen bis zu 6000 Metern ausgelegt, die Flughöhe wird nur durch die Düsen begrenzt, die sich bei zu dünner Luft ausschalten. Am gefährlichsten ist der Flug, so Browning, im Korridor zwischen etwa 10 und 200 Metern über dem Boden. „Zu hoch für einen glimpflichen Sturz und zu niedrig für den Einsatz eines Fallschirms“, sagt er.

Technisch wäre sogar das Brechen der Schallgeschwindigkeit möglich, aber dabei gibt es eine Sollbruchstelle. „Stell dir vor, was passiert, wenn du deinen Kopf aus dem Fenster eines Überschalljägers steckst“, sagt einer aus Brownings Team von Gravity Industries. „Aber wer weiß, vielleicht fällt uns auch dazu was ein.“


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