Zum 100. Geburtstag von Beate Uhse: Lernen von Legenden

Klar, es gehört zum BRD-Reptilienhirnwissen, dass Beate Uhse Kampfpilotin war, noch bevor sie das deutsche Schlafzimmer (und Abstellkammer und Waschmaschinenkeller und Kochnische und Hausflur) disruptet hat. Und eine verdammt gute, wie es heißt. Aber das weiß man vielleicht nicht: Mit 15 Jahren war sie hessische Meisterin im Speerwurf. Da kommen New-Age-Karriereberater*innen heftig ins Schwärmen, immerhin sind die ersten Versuche in der Arbeitswelt ja so prägend, auch wenn diese oberflächlich gar nichts mit der richtigen Karriere zu tun haben mögen.

Diese erste Karriere endete für Uhse dann unschön: Sie geriet in britische Kriegsgefangenschaft. Vorher schon starb Uhses Mann, ebenfalls Pilot und einst ihr Fluglehrer, bei einer Flugkollision. Nach Ende des Krieges kam sie nach Flensburg und vermittelte von dort aus die Knaus-Ogino-Verhütungsmethode, was bei Frauen im Nachkriegsdeutschland sehr den Nerv traf. Uhses Infoheft wurde als „Schrift X“ bekannt und verkaufte sich über 30 000-mal. Funding? Brauchte sie nicht. Also bootstrap doch bitte erst mal das nächste „Flappy Bird“ in die App-Stores. Und alle BWL-Dozent*innen würde nicken: Löst du die Probleme der Menschen, kommen sie zu dir.

Uhse bekam damit auf einen Schlag zwei Dinge. Einerseits Geld, um ein Unternehmen aufzuziehen, über das sie weitere Beratungsschriften und auch Kondome verkaufte. Die zweite Sache: weltweite Bekanntheit, die in Titeln gipfelte wie „Mutter Courage des Tabubruchs“. Tabu hin, Tabu her: Uhse bediente lediglich einen Markt, von dem vorher keiner wissen wollte, dass es ihn gab. Schon zehn Jahre nach Gründung hatte das Versandhaus Beate Uhse über fünf Millionen Kunden.

Jahre vor „Fifty Shades of Grey“ kam dieser Printklassiker auf die Nachttische (hat man, ahem, sich so erzählt)

Sie eröffnete 1962 in Flensburg das, was bald darauf als Sexshop jede Fußgängerzone und jeden Autobahnrasthof bereichern sollte. Über die Jahre sammelte sie dafür Tausende von Anzeigen besorgter Bürger*innen, auch der Flensburger Tennisverein weigerte sich, sie aufzunehmen.

Egal, Uhse besetzt das Thema schlau: Sie wird Mitglied im Deutschen Verband für Freikörperkultur, sponsert das letzte Konzert von Jimi Hendrix vor dessen Tod, besiegt öffentlichkeitswirksam den Magenkrebs und macht noch mit 75 Jahren einen Tauchschein – in einer Zeit, als CEOs sich noch Herr Generaldirektor nennen und am liebsten vor Aktenordnern fotografieren ließen. Wenn David Bowie angeblich von einem anderen Stern kam, aus welcher Galaxie mag dann Uhse zu uns gestoßen sein?

Das Problem bei Legendenstatus zu Lebzeiten: Die Nachwelt will, kann es aber nicht unbedingt noch adeln. Vor allem, wenn sie sich dabei unbeholfen anstellt. Erst hat die Fachhochschule Flensburg lieber die Finger von einer Umbenennung in Beate Uhse FH gelassen (aus „mangelndem Mut“, wie der Unipräsident sich erinnert). Und dann bekommt Uhse als Biopic gerade mal einen ZDF-Film mit Franka Potente verpasst. Das ist schon ein bisschen wenig. Wie so oft, wenn einem etwas auch nur halbwegs Interessantes unterkommt, denkt man: Hier muss ein großer Streaminganbieter mit Drehbuchmunition für drei Staffeln ran. Schon allein die Speerwurf-Episode wäre es wert.

 

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Alexander Langer

Alexander ist Redakteur bei Business Punk, wo er vor allem den Teil Play Hard betreut. Vorher hat er sich durch den Berliner Startup-Dschungel gehangelt, war außerdem bei 11Freunde. Noch weiter davor tausend Jobs, von denen er dir gerne mal ausführlich erzählt, wenn du nicht aufpasst.

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