Flughäfen sind ideal fürs Netzwerken? Sieht unsere Kolumnistin Tijen Onaran anders

Als Gründerin, Speakerin und Netzwerkerin ist unsere Kolumnistin den ganzen Tag unter Leuten und freut sich darum auf Momente der Ruhe und Konzentration. Nur leider gibt es Menschen, die ihr das nicht gönnen.

„Mein Chef ist wirklich das Allerletzte! Ey, ich sag’s dir. Du glaubst nicht, was der sich neulich wieder erlaubt hat …“ Immer wenn ich im Vorbeigehen solche Sätze mithöre, zucke ich unwillkürlich zusammen und schaue mich erst einmal reflexartig in meiner Umgebung um. Sofort fährt mein innerer Netzwerkradar hoch und scannt alle Anwesenden. Wer kennt hier wen? Wen kenne ich und woher? Welche Schnittstellen gibt es zwischen den Netzwerken? Denn eines habe ich in den letzten Jahren gelernt: Lästereien breiten sich schneller aus als ein Buschfeuer. Erst recht, wenn sich der oder die Lästernde an einem Flughafen befindet.

Viele Menschen unterschätzen nämlich, dass gerade auf beliebten Strecken viele Menschen aus ähnlichen Netzwerken unterwegs sind. Und irgendwer sitzt halt immer am Gate, der die Person kennt, um die es eine Sitzreihe weiter hinten gerade geht.

Ich bin berufsbedingt viel mit dem Flugzeug unterwegs. Ja, ich weiß, nicht gut, aber anders wäre mein aktuelles Pensum nicht zu schaffen. Wenn ich fliege, dann vorwiegend auf denselben Strecken. In meinem Fall Berlin–München, Berlin–Stuttgart und Berlin–Frankfurt. Und es gibt kaum einen Flug, auf dem ich nicht mindestens eine Person aus meinem Netzwerk treffe.

Auf der einen Seite ist das natürlich schön, weil sich Kontakte so im Grunde von allein pflegen. Andererseits muss ich dann die Zeit am Gate für alles andere abschreiben und meine Arbeit auf später an Bord vertagen.

Leider klappt das immer seltener. Ich weiß nicht, ob es an der extremen Enge liegt, die im Flugzeug herrscht, oder der allgemein schwindende Respekt vor Privatsphäre schuld ist. Aber es kommt in letzter Zeit häufiger vor, dass ich meinen Laptop gerade aufgeklappt habe und kaum damit angefangen habe, beispielsweise Antworten für ein schriftliches Interview zu tippen, da spüre ich physisch das Mitteilungsbedürfnis meiner Sitznachbarin. Sobald ich den Fehler mache, kurz zu ihr herüberzublicken, lässt mich die augenscheinlich mitlesende Nachbarin ihre Meinung zum Thema wissen – oder zieht mich gleich in eine ausufernde Diskussion zum Weh und Ach der Digitalisierung rein. Anders als in der Bahn kann ich an Bord nicht auf meine Strategie, mich einfach umzusetzen, zurückgreifen. Diese nervige Entwicklung hat mich – neben zunehmender Flugscham – inzwischen zu einer glühenden Verfechterin jeder nur denkbaren innerdeutschen ICE-Trasse gemacht.

Wobei ein Teil des Problems hausgemacht ist. Vor Kurzem sprach mich eine Journalistin an, die wie ich auf einen verspäteten Abflug wartete. Sie hatte gerade mein Buch „Die Netzwerkbibel“ gelesen und wollte offensichtlich das Gelernte direkt in die Tat umsetzen.

Journalistin: „Dank deines Buches weiß ich, dass man jede Gelegenheit zum Netzwerken nutzen sollte.“

Ich: etwas ratlos.

Denn im Prinzip stimmt das natürlich, aber eigentlich musste ich mich auf meinen Gast im „Business Punk“-Podcast vorbereiten, zu dem ich gerade unterwegs war. Doch die Frau war nicht zu stoppen und marschierte zum Schalter, um uns zwei benachbarte Sitze zu besorgen. Mein Glück: Sie hatte keinen Erfolg, denn der Flug war natürlich ausgebucht. Vielleicht doch nicht schlecht, dass es so schleppend vorangeht mit dem Ausbau des deutschen ICE-Netzes.

 

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Tijen Onaran

Als Gründerin, Speakerin und Netzwerkerin ist unsere Kolumnistin den ganzen Tag unter Leuten und freut sich darum auf Momente der Ruhe und Konzentration. Nur leider gibt es Menschen, die ihr das nicht gönnen.

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