Vom Office einer Bank in den Steinbruch: Samuel Waithe hatte genug

Nach Jahren in den Büros einer Bank hatte Samuel Waithe genug und kaufte sich einen Steinbruch. Die Story eines Quereinsteigers, der eine uralte Branche digitalisieren will.

Samuel Waithe kann sich noch genau an den Moment erinnern, in dem ihn seine Frau verlassen hat. Es war keine Szene, nicht einmal laut, es war lediglich final. Zur Eskalation hätte auch der Rahmen nicht gepasst: Die Trennung fand 2006 im Hotel Adlon in Berlin statt, beim Abendessen schob sie ihm die Scheidungspapiere entgegen. Seine Frau hatte den Aufenthalt samt Dinner noch vom gemeinsamen Zuhause in London aus organisiert. Es war Waithes 40. Geburtstag.

Waithe hatte in dieser Phase seines Lebens nicht viel zu tun. Er befand sich in einer Art komfortablem Vorruhestand. Als Jugendlicher war er aus Barbados in den kalten Norden Englands gekommen, nach Sheffield. Dort erwies er sich in Schule und Universität schnell als überdurchschnittlich schlau und analytisch begabt, was im Vereinigten Königreich der 80er-Jahre fast automatisch die Eintrittskarte in die Finanzwelt der Londoner City bedeutete. Er fand es nett, Anzüge zu tragen: „Diese Welt kam mir so unendlich fremd vor, und plötzlich war ich ein Teil von ihr“, sagt er.

Wenn Waithe sich an die verschiedenen Situationen und Geschichten aus seinem Leben erinnert, dann wirkt er dabei erstaunt. Wie jemand, der einer Figur von außen zusieht. Dass diese Figur im Einsatz als Analyst für die Citibank mal um die halbe Welt nach Hongkong flog und dann eine Minute nach Beginn des wichtigen Meetings schnarchend in der Runde einschlief. Dass Waithe für Chase Manhattan arbeitete und nebenher eine Firma namens Cresta mitgründete, die er in New York City aufbaute. Dass er sich dort am Abend des 10. September 2001 mit seinen Sales-Mitarbeitern überworfen und deswegen ein großes Meeting abgeblasen hatte, das mit dem Team für den nächsten Morgen im Tower One des World Trade Centers angesetzt war. Dass er Cresta später seinen Mitgründern für symbolische 100 Pfund abkaufte, um es ein paar Jahre darauf als einziger Anteilseigner für einen Irrsinnspreis an einen großen Konzern zu verhökern.

Slabs heißen diese Stücke Travertin, die zu Platten und Tischen weiterverarbeitet werden.

Währenddessen wartete seine Frau in London. Und wartete. Und als Waithe sich dann mit 40 Jahren endlich für eine Existenz als entspannter Vorruheständler bereit erklärte, hatte sie keine Lust mehr und ließ ihn an seinem Geburtstag in Berlin sitzen. „Unser Aufenthalt in Berlin sollte nur ein Wochenende dauern“, sagt Waithe. „Aber ich habe mich in die Stadt verliebt. Ich bin drei Wochen am Stück geblieben.“ Waithe sagt, dass er damals, sehr vermögend und plötzlich Single, ohnehin nach einem neuen Sinn gesucht hat, warum sollte er das nicht auch von Berlin aus erledigen? Im Jahr darauf kaufte er ein spektakulär zu nennendes Loft in der Nähe der Landsberger Allee, das er noch heute besitzt. „Eigentlich nur als Schutz, um nicht alles in Alkohol und Partys zu investieren“, sagt er. Vorruhestand schön und gut, aber Partys, sagt er, muss man sich verdienen.

Waithe hatte damals noch keine Ahnung, dass ihm die interessanteste Zeit und das nervenaufreibendste Projekt noch bevorstehen sollten. Das allerdings fand er nicht in Berlin, sondern Jahre später ganz woanders.

Jeden Tag Wildschwein

Staub. Sonne. Streunende Katzen. Aber vor allem Staub, Staub, Staub. Staub am Morgen, wenn Waithe aus seiner improvisierten Kellerresidenz im Bürogebäude des Steinbruchs Saturnia Travertini in die Sonne tritt und erst einmal, einem Gymnastikritual gleich, die elegante Kleidung ausgiebig abklopft. Staub am Mittag, wenn Waithe sich gründlich die Hände wäscht, bevor er sich eine kleine Mahlzeit gönnt. Staub am frühen Nachmittag, wenn die Arbeiter den Steinbruch zum Feierabend in die umliegenden Toskana-Dörfer verlassen. Staub am Abend, wenn Waithe überlegt, ob er im Nachbarort zum hunderttausendsten Mal die vorzüglichen Spaghetti al cinghiale essen soll oder doch lieber mal wieder die zwei Stunden runter nach Rom fährt, wo das Leben stattfindet. Gerade die Spaghetti mit dem Wildschweinragout sind für Waithe das Symbol für seine Existenz in Montemerano in der Toskana: Es gibt dieselben fünf Gerichte, immer und immer wieder. Jedes davon ist exzellent. Es ist eine feine Art der Hölle.

Waithe ist seit 2016 Inhaber des Steinbruchs Saturnia Travertini. Eben nicht Marmor, sondern Travertin wird dort abgebaut, was ein Unterschied ist, den es zu lernen gilt. Darum hat Waithe das Wort gleich in den Firmennamen gesetzt. Travertin entsteht bei heißen Quellen im Boden und ist nicht so einförmig wie Marmor. Sein Steinbruch bietet verschiedene Muster, die Waithe aufzählt: Bianco Maremma, Etrusco, Montemerano Classic. Er spricht die Wörter mit englischem Akzent aus, langsam, respektvoll, wie eine Zauberformel.

Aber wie ist Lebemann Waithe aus seinem Berliner Luxusloft an dieses gottverlassene, unrentable Grab inmitten der Hügel der Toskana geraten? Waithe denkt nach: „Ich habe es gekauft. Einfach so. Der Stein hat mich fasziniert.“ Gut, aber das ist aber nur der zweite Teil der Geschichte. Der erste Teil: Waithes Ex-Schwager besitzt ein Bauunternehmen an der französischen Mittelmeerküste. Waithe ist kein Mann für langen Groll, er hatte nach wie vor Kontakt zur Ex-Frau und ihrem Bruder. Dem ist bei seinen Aufträgen zwischen Cannes und Nizza aufgefallen, dass die ganzen Neureichen Stein verbauen wollen, schönen, authentischen, hellen Stein. Vor allem die russischen Oligarchen lechzen nach Travertin für ihre Fantasiepaläste. Ein Designer hat den Steinbruch zwischen den nach Schwefel riechenden Thermalquellen von Saturnia und dem Dorf Montemerano als idealen Lieferanten ausgemacht, leider sei der Betreiber pleite. Der Ex-Schwager riet Waithe, dass er sich die Anlage doch mal anschauen solle. Doch der hatte kein Interesse: „Man investiert nicht in Dinge, von denen man keine Ahnung hat.“ Aber neugierig war er schon, und so stand er bald in der Staubwüste und sah sich um.

Der Mann aus Barbados kam über den Norden Englands, London, New York und Berlin nach Montemerano in der Toskana. Hier erlebt er seine größten Herausforderungen.

Man könnte mit dem alten Spruch kommen und sagen, dass keine Hölle so schlimm ist wie die, die man sich selber gesucht hat. Andererseits hat der Steinbruch mit Sicherheit noch keinen so harten Widersacher erlebt wie Samuel Waithe aus Barbados, gestählt in der Top-Liga der weltweiten Finanzbranche, der es sich zum Ziel gesetzt hat, mit allen Mitteln der modernen Technik und Datenanalyse diesen unwirtlichen Ort zu einem Modellprojekt für den profitablen Bergbau 2.0 zu machen.

Adrian Waithe sagt, dass hier jeder verdammte Baum eine stolze Geschichte zu erzählen habe, das wurde ihm von den Einheimischen gesagt. Er sagt es mit Belustigung, während er zu schnell in einem schwarzen SUV über eine Landstraße in der Toskana fährt und über seinen älteren Bruder Samuel nachdenkt. „Er ist Ingenieur, er schnappt sich eine Sache, die er eigentlich nicht versteht, und geht ihr gnadenlos auf den Grund.“ Adrian hat eine ähnliche Karriere wie sein Bruder gemacht, war jahrelang Investmentbanker in New York. Er ist seit einiger Zeit als COO im Betrieb von Saturnia Travertini und schlägt sich jetzt mit Lappalien herum. Neulich hat er einen jubelnden Brief vom Internetprovider bekommen: „Die haben mir Upload-Geschwindigkeiten von einem Megabit in Aussicht gestellt – dafür soll ich auch noch dankbar sein?“

Adrian Waithe ist die Art von Mensch, die das verfügbare Lächeln erst einmal vorsichtig abzählt. Mag Samuel schon analytisch geprägt sein, Adrian will die zugrunde liegenden Zahlen lieber noch dreimal sehen. Im vergangenen Sommer fand ein großes Event im Steinbruch statt, ein imposantes klassisches Konzert vor den Kulissen der mächtigen, rohen, hochhaushohen Steinfassaden, das den alten Steinbruch wieder in das Bewusstsein der gehobenen Society der Toskana spülen sollte. Die Presse war anwesend, die ganze Region redete noch lange über den gelungenen Abend.

Auch Adrian redete noch lange darüber, aber eigentlich nur, weil der Hunderte Meter lange rote Teppich ein Vermögen gekostet hat, was er Samuel bei jeder Gelegenheit unter die Nase reibt. Der Kosten-Nutzen-Faktor des Events ist ihm bis heute nicht klar.

Fantastischer Spielplatz für Erwachsene: Bis zu 25 Meter geht es in den Steinbruch hinab.

Adrian erinnert sich, wie sein Bruder vor Jahren mal in Berlin einen Service für Hop-on-hop-off-Touristenbusse gegründet und aufgebaut hat. Aus Langeweile. Er hat ihn dann wieder abgegeben, weil die Zusammenarbeit mit den Behörden sich als Katastrophe herausstellte. Adrian weiß auch noch, wie er Samuel das erste Mal im Steinbruch besucht hat. Adrian sah Arbeiter, die den Tag über gemächlich von einer Seite des Geländes zur anderen schlappten. Geräte, die vor sich hin rosteten. „Hast du dir das gut überlegt“, fragte Adrian. Er hörte von Samuel, dass der vorherige Besitzer des Steinbruchs, der Windbeutel, wegen Schulden und Korruptionsvorwürfen auf der Flucht sei und vorher den wenigen Experten in der Belegschaft gekündigt hätte. Er sah aber auch, wie sein Bruder mit den Fingern zärtlich am kühlen, glatten Travertin entlangstrich. Adrian suchte sich eine Wohnung im nächstgelegenen Dorf.

Johnny Foreigner kommt

Adrian hat im ersten Schritt W-Lan-Verteiler auf dem ganzen Gelände verteilt. Dann hat er das gemacht, was er als Analyst gewohnt war: Excel starten. Der Steinbruch hatte noch nie in seinem Dasein eine Art von Inventarisierung erfahren, und Adrian nahm sich Monate Zeit, um jeden Stein und jede Schraube zu erfassen. Die Bewegung der Arbeiter auf dem Gelände. Die Auslastung großer Maschinen wie Sägen und Bagger. Dann die Herkunft der Steine auf dem Areal, die Farbe, Maserung, die Porosität. Wer hat daran gearbeitet, wo steht der Stein jetzt? Adrian baut derzeit eine Art Salesforce für Steinbrüche, das für die bislang maximal undigitale Branche ein Warenwirtschaftssystem bereitstellt, das er später auch anderen Unternehmen anbieten will. Samuel sagt: „Es muss erst Johnny Foreigner kommen und Fragen stellen, die noch keiner gefragt hat.“ Er denkt nach. „Und keiner ist hier fremder als ich“, sagt er.

Die Waithes merkten, dass alle Steinbrüche in der Region kriseln. Samuel suchte den Kontakt zu ihnen, um sich auszutauschen, merkte aber, dass da kein Interesse besteht. Es sind die Nachkommen der einstigen Gründer, die ein gutes Leben haben und bereits über genügend Prestige verfügen. „Die arbeiten nicht zusammen, denen reicht der Status“, sagt Samuel.

Übrigens bewohnt Samuel Waithe den Keller des Büros nicht alleine. Seit einiger Zeit teilt er sich die Räumlichkeiten mit Juan, der für ihn die Expansion in den wichtigen Markt Mexiko vorantreibt. An Juan kann man schön erklären, wie Waithe es schafft, Topleute in ein 300-Seelen-Dorf zu holen, von denen 30 seine Angestellten sind.

Mit großem Gerät: Die Arbeit im Steinbruch ist hart und schmutzig.

Juan und Waithe kennen sich aus dem Studium in Sheffield. Vor ein paar Monaten hat Juan sich bei ihm gemeldet. Er arbeitete für ein Unternehmen in Spanien, das in Kolumbien Smaragde abbaut. Er wollte, dass Waithe investiert. Waithe sagt: „Offenbar bin ich seit meinem Steinbruch das Geldopfer für jede Art von Bodenschätzen.“ Jedenfalls flog er nach Spanien und hörte sich die Geschichte an. Er bemerkte, dass das Unternehmen die Rechte an 70 Prozent der Smaragdförderung in Kolumbien hatte und somit ein Quasimonopol hielt. Da stimmte etwas nicht.

Als er noch für die Citibank gearbeitet hat, war Waithe Mitglied einer Abteilung, die sie dort War Room nannten. Eine Eliteeinheit, die man vorsichtshalber nach Warschau verpflanzt hatte, damit sie fernab der Finanzzentralen ungestört arbeiten konnte. Waithe teilte sich Tag und Nacht ein Büro mit fünf anderen Spezialisten. Ihre Aufgabe bestand darin, jede denkbare Zahl zu prüfen und zu verhindern, dass die Citibank eine Riesenstrafe wegen Steuerhinterziehung oder sonst irgendeiner Verfehlung bekam. Heißt: Niemand weiß besser als Waithe, wie es sich anfühlt, wenn irgendwo eine zweite Nachkommastelle nicht ganz sauber oder nachvollziehbar erscheint.

Juan beteuerte, dass in der Smaragdfirma alles mit rechten Dingen zugeht, aber sicher doch – alles seriös! Waithe schüttelte den Kopf und bedankte sich für das nette Wochenende in Spanien. Eine Woche darauf heuerte Juan bei Waithe in Montemerano an.

Als Juan uns vom Flughafen abholt, fragt er nach dem Berghain und anderen Berliner Clubs, die er von seinen vielen Wochenendtrips kennt. Er fragt mit einer hungrigen Wissbegierigkeit, die man nur nach einigen Wochen Kellerexistenz im Nirgendwo entwickelt.

Für den Vormittag steht der Fall einer Bancata an. Waithe trägt sein sommerliches Business-Outfit, dazu Gummistiefel und Tropenhelm. Er sieht über das Gelände. Die gesamte Belegschaft ist versammelt, es ist ein feierlicher Moment: Die Bancata entscheidet, was in den kommenden Monaten verkauft werden kann.

Wenn Waithe erst einmal mit seinem Salesforce für Steinbrüche Erfolg hat, dürfte die Branche eine andere sein.

Eine Bancata ist die größte Einheit, die aus dem Steinbruch geholt werden kann. Dazu schmirgelt ein diamantbesetztes Stahlseil tagelang eine feine Naht in den Berg. An dieser Naht trennen Arbeiter vorsichtig mit Spaltwerkzeug einen sieben Meter breiten und 25 Meter hohen Klotz ab. Es knarrt. „Manchmal bröckelt es nur, das ist dann wie eine Totgeburt“, sagt Waithe. Alle Maschinen, alle Sägen laufen – „Concerto!“, ruft ein Arbeiter und nickt zufrieden. Dann fällt die Bancata endlich, behäbig, am Ende tost sie auf den Boden – Staub, Staub, Staub. Waithe ist nervös. Wegen der Qualität der Bancata. Aber auch wegen Tassi.

Der Betaster

Tassi ist der Mann, der mit den Steinen reden kann. Er ist 70 Jahre alt, sieht aus wie Larry David in klein, ist aber viel jähzorniger. Er lässt sich in einem roten Geländewagen zur gefallenen Bancata fahren, wo Waithe schon auf ihn wartet. Waithe beauftragt einen Arbeiter, Tassi auszurichten, dass er niemanden anschreien soll. Tassi klettert auf die Bancata und betastet sie, betrachtet ihre Maserung. Fast 40 Jahre macht er das schon.

Als der vorherige Besitzer ihm gekündigt hatte, zog Tassi sich grollend in sein Toskana-Dorf zurück. Eines Tages stand ein Mann mit dunkler Hautfarbe vor seiner Tür, der viel lächelte und nur Englisch sprach. Der Übersetzer machte ihm klar, dass der Ausländer ihn zurück im Steinbruch haben wollte. Am nächsten Tag um 5.55 Uhr erschien Tassi zur Schicht, als wäre er nie weg gewesen. Wenn man ihn auf der Bancata krabbeln sieht, kann man sich nicht vorstellen, dass er auch nur einen Tag auskommt, ohne auf seine Steine zu sehen und zu entscheiden, welche Blöcke aus ihnen zu schneiden sind. Tassi brabbelt etwas, das die anderen als „buono“ interpretieren. Aufatmen bei Samuel Waithe.

Bruder Adrian schüttelt den Kopf: „Was soll buono heißen? Buono wie vor 40 Jahren?“ Adrian sagt, dass bis zum Start des Systems, das er gerade baut, noch immer Tassi der einzige technologische Vorteil sei, den Saturnia Travertini gegenüber anderen Steinbrüchen habe. Er schüttelt den Kopf. Außerdem hat er Lehm im Stein entdeckt, was früher für eine Bancata das Todesurteil bedeutet hätte, für die Waithes aber nicht. Die beiden Effizienzfanatiker wollen im ersten Schritt die Masse an Ausschuss reduzieren. Aus kleineren Stücken Deko­elemente anbieten, bewusst Steine mit Makeln verkaufen, die das Stück unverwechselbar machen. Samuel sagt: „Die Masse an Stein, die hier in der Vergangenheit einfach weggeworfen wurde, ist enorm. Das kann ich nicht mit meinem Begriff von Produktivität vereinbaren.“ Er sieht Chancen in neuen Märkten wie dem mittleren Einkommenssegment. Man kann sich lebhaft den Austausch da­rüber mit dem Travertin-Puristen Tassi vorstellen. Samuel sagt: „Musst du dir gar nicht vorstellen, du hast Glück: Am Nachmittag steht die wöchentliche Gesprächsrunde mit den Vorarbeitern an.“

Die findet dann in dem kühlen, aus Travertin errichteten Büro statt. Samuel hat seinen Laptop aufgeklappt und Excel-Sheets in DIN A3 ausgedruckt. Tassi sitzt am Tisch, außerdem der ebenfalls 70-jährige Vildo, der für die Verarbeitungsprozesse zuständig ist. Adrian will erst einmal wissen, wieso eine große Steinsäge seit einer Woche unbenutzt herumsteht. Außerdem ging eine Maschine kaputt, weil seit Wochen ein Teil fehlte, das Adrian dann für 2 Euro bei Amazon bestellen konnte. Warum sagt da keiner früher Bescheid? Samuel faltet die Hände und fasst es etwas größer: „Wie werden wir effizienter?“, fragt er und lässt den Übersetzer reden.

Auftritt Tassi und Vildo: Beide reden sich minutenlang in eine spektakuläre Rage, Samuel guckt derweil an die Decke. „Okay, vielen Dank“, sagt er am Ende und wartet auf die Übersetzung. In einer anderen Welt würde man Tassi zum Anger-Management und Vildo zum Amtsarzt schicken, hier sind sie verdiente Fachleute, ohne die es einfach noch nicht geht. Aber warum schreien sie so? „Am Anfang dachte ich, dass sie schlecht hören“, sagt Samuel. Jetzt weiß er, dass sie einfach Angst vor jeder Form von Wandel haben, der ihnen ihren Steinbruch verändert, in dem sie den Großteil ihrer Leben verbracht haben.

Der Clash ist in allen Details offensichtlich. Betastet Tassi nach wie vor den Stein, will Adrian eine KI entwickeln, die anhand seiner zusammengesammelten Daten prognostizieren kann, wo im Berg welche Art von Maserung und Porosität vorherrscht. Wo es sich lohnt zu graben. Wo welche Art von Produkten für den Endverbraucher zu erwarten sind. Er sagt: „Wir können dem Kunden zuverlässig sagen, was er bekommen wird.“ Die Waithes pochten auch darauf, dass Saturnia Travertini als erster Steinbruch so etwas wie einen Kundenservice bereitstellt. Der sah traditionell lediglich so aus, dass man Kunden mitteilte, dass sich die Ware verzögert. Jetzt wollen sie eine nahtlose Echtzeit-Trackbarkeit der Bestellung, bieten bereits einen Chat. Die logischen Skaleneffekte bauen sich vor dem inneren Auge auf: System hochziehen, selber nutzen, optimieren, der undigitalen Branche als Lösung im Aboservice verkaufen. Tassi schüttelt den Kopf. Samuel fällt auf, dass die Präsentation von Adrian ein paar Lücken in der CI hat: „Hatten wir nicht gesagt, dass wir das ein bisschen mehr Corporate machen?“

Haifischbecken Toskana

Samuel sagt, dass er sein ganzes Leben lang Tabellen gebaut hätte. Daten, Zahlen, Währungen. Jetzt hat er Steine vor sich. Wie hart können schon Steine sein, fragt er. Juan steht neben ihm und telefoniert mit Mexiko, ein anderer Sales-Mann mit Sitz in der Ukraine wartet auf einen Call, in dem er für ein größeres Team plädiert.

Adrian sagt, dass sein Bruder mit dem Alter härter geworden sei, weniger nachgiebig. Es ist schon interessant, dass ein Mensch jahrelang die Haifischbecken Finance, Banking und Party allerbestens unbeschadet überstehen kann, um dann, mit bald 60 Jahren, in einer malerischen Ferienregion gegen alle Wände zu laufen. Waithe war mal ein echter Nylon, ein Businesspendler zwischen New York und London. Er denkt an diese Zeit zurück: „Ich musste schon früh herausragend sein, und zwar immer, das hat mich in einen anderen verwandelt.“ Waithe sagt, dass er kein Herumprobieren duldet. „Sag mir nie, dass du etwas versuchen willst. Du machst es, oder du machst es nicht. Wer etwas versucht, hat sich schon die Ausrede zum Scheitern gegeben.“ Hier trifft er auf jede Menge Menschen, die sich in seiner Wahrnehmung mit dem Versuchen zufriedengeben.

Waithe fängt sich wieder schnell, es ist nur ein Anflug von kurzem Unverständnis, wenn die Kluft zwischen den Kulturen sich wieder mal als riesig erweist. Vielleicht liegt es am penetranten Geruch von Schwefel, der immer wieder von den Thermen über den Steinbruch zieht. Oder am ewigen Staub. Oder daran, dass eine Geologin im Auftrag von Waithe die Schätzung abgab, dass noch Stein für die nächsten 100 Jahre auf dem Gelände lagern soll. Eine seltsame Zahl. Zu kurz, um ein Generationen übergreifendes Imperium daraus zu machen. Zu lang für einen einzigen Menschen, der bald 60 Jahre alt wird. „100 Jahre“, sagt Waithe und lächelt, „bis dahin bin ich nicht mehr da.“ In der Toskana oder generell? Generell. Die Rechnung mit den widerspenstigen Steinen ist noch nicht beglichen. Es wird Abend, und Samuel überlegt sich, wo er seine Spaghetti al cinghiale essen soll, klopft sich behutsam den Staub ab, bevor er ins Auto steigt. Auf der Landstraße sagt er plötzlich: „Steine sind Steine, aber diese hier kommen halt von uns.“ Er nickt, Verkünder einer großen Weisheit. Er lächelt, als könnte er selber nicht fassen, was der Figur Samuel aus Barbados gerade wieder zustößt.

 

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Alexander Langer

Alexander ist Redakteur bei Business Punk, wo er vor allem den Teil Play Hard betreut. Vorher hat er sich durch den Berliner Startup-Dschungel gehangelt, war außerdem bei 11Freunde. Noch weiter davor tausend Jobs, von denen er dir gerne mal ausführlich erzählt, wenn du nicht aufpasst.

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