Hightech aus Tuttlingen: So wurde der ultimative Vaporizer erschaffen

Er sagt, dass die beiden schon früh die Marktchancen gesehen hätten. Denn kurz zuvor wurde in Kalifornien Marihuana für medizinische Zwecke legalisiert. Der Blick in die Geschichte zeigt, dass das, was dort einmal losgetreten wird, früher oder später den Rest der Welt erfreut.

Anderer Faktor: Ebenfalls bereits damals bekamen MS-Patienten THC-Extrakt zur Linderung verabreicht. Storz und Bickel hatten einen Betroffenen im Bekanntenkreis, „der war unser Zielnutzer“, sagt Bickel. Sie sahen, dass das Handling allein aus motorischer Sicht für MS-Patienten oft nicht leicht war. So wurde die Idee mit dem abnehmbaren Ventilballon geboren. Es sollte zwei Vorgänge geben: erst verdampfen, dann inhalieren. Diese Idee war komplett neu und führte zu einem Design mit einem großen Ballon, der sich über dem Volcano langsam mit Inhalat füllt, ein Vorgang, den begeisterte Nutzer*innen immer und immer wieder ritualhaft auch bei Youtube zeigen. „80 Prozent unserer Geräte werden mehrmals am Tag genutzt“, sagt Bickel. „Das ist nichts nur fürs Wochenende.“ Ein Autor vom Wirtschaftsmagazin „Forbes“ stimmt ihm zu: „I had never seen anything so beautiful“, schreibt er in einem Artikel, der sich eher wie ein schmachtender Liebesbrief liest.

Es kommt immer wieder vor, dass neugierige Patient*innen am Hauptsitz vorbeikommen, um zu testen, ob sie das Gerät auch bedienen können oder ob nicht eines der kleineren, mobilen Teile eher infrage kommt. Am Ende können sie sich dann auch in einer Art Fanshop mit T-Shirts und Mützen und Kaffeebechern eindecken. Das ganze Gebäude ist eher eine Entdeckungswelt, in der Produktion und Schreibtische in offenen Etagen miteinander koexistieren. Finden auch andere reizvoll: Der Rotary Club hat ein Treffen abgehalten, der Gewerbeverein, auch der Kreditausschuss der Kreissparkasse hatte seine Tagung im Konferenzraum von S&B. Dieselbe Kreissparkasse, die einst in der Frühzeit des Unternehmens mal 60 000 D-Mark auf den Tisch gelegt hat – den einzigen Kredit, den S&B für das Wachstum aufgenommen haben.

Mehr als heiße Luft: der Volcano in seiner aufgeblasenen Pracht

Bickel erinnert sich: „Die taten sich damals schwer, so etwas zu finanzieren.“ Die beiden haben versucht, das Einsatzfeld so gut wie möglich unter den Teppich zu kehren. Damals gab es in Deutschland schon Farmen, auf denen für medizinische Zwecke THC angebaut wurde. „Wir haben dann immer gesagt: ‚Unser Produkt ist für THC-Extrakt. Das hilft bei MS.‘ “ Bickel wusste, dass man den Volcano legitimieren musste. Er bewarb das Unternehmen unter anderem für den Dr.-Rudolf-Eberle-Preis, den Innovationspreis des Landes Baden-Württemberg, den die beiden dann auch gewannen. „Das war wichtig, auch für die Mitarbeiter*innen und das private Umfeld“, sagt Bickel und fügt an: „Ein schönes Foto gab es dann auch noch.“ Außenwirkung gerettet. Aus dem Nischenprojekt war mit einem Mal ein anerkanntes, preisgekröntes Produkt geworden.

Die Jahre darauf fand nicht nur rasantes Wachstum statt, die beiden konnten sich sogar ein Gehalt auszahlen. „Wir hatten dann die typischen Wachstumsschmerzen, alles wurde schnell zu klein“, sagt Bickel. 2005 griff er sich einen alten Freund, den Bernd, der damals in Donaueschingen Diskobesitzer war. Zusammen gründeten sie an der US-Westküste Storz & Bickel America. Bickel: „Ich bin drei Jahre lang intensiv die Strecke Oakland – Tuttlingen gereist.“ Für viele Händler*innen in den USA und Kanada wurde der Volcano schlichtweg der Eckpfeiler für das aufkeimende Geschäft. Der mittlerweile größte Vaporizer-Vertreiber Greenlane hat damals um den Volcano herum gegründet. Ein wichtiger US-Kritiker hat seine erste Rezension zum Volcano verfasst. Bis heute sind diese Early Mover miteinander vernetzt, neulich war Storz bei einem von ihnen zur Hochzeit eingeladen. Während Bickel in den USA von zufriedenen Kunden auch mal eine Mail mit dem Betreff „Die Menschen werden euch Altäre errichten“ erhielt, bekam in Deutschland fast niemand mit, dass da im Süden etwas Neues passierte. Bickel sagt: „Wir waren immer zurückhaltend und unter dem Radar. Außerdem hatte Storz Angst vor Konkurrent*innen.“ 2006 erschien ein Artikel zur Firmengeschichte in einem Hanfmagazin, in begeistertem Ton verfasst von einem Autor mit dem Pseudonym Jensi Skunk.

Im Tuttlinger HQ von Storz & Bickel arbeiten Blue und White Collar dicht an dicht

Währenddessen stellte sich der nordamerikanische Markt für S&B wie von den beiden erwartet als der tatsächliche Wachstumstreiber heraus. Zwei Drittel der Einheiten wurden dort verkauft. Umso schlimmer, als 2007 der US-Zoll einen Einfuhrstopp gegen das Produkt verhängte. Ein halbes Jahr lang waren die Volcanos weggesperrt, S&B mussten erstmals Leute entlassen. Bickel recherchierte hektisch, was es überhaupt alles für Vaporizer im Einsatz gibt, und stieß auf Verdampfer für den kosmetischen Einsatz. Er schrieb lange Briefe an den Zoll, dass der Volcano nicht für Cannabis vorgesehen, aber ein Missbrauch nicht auszuschließen sei. Er holte außerdem eine Forscherin von der Hochschule Sigmaringen für ein Statement rein, und das wurde dann notarisiert. „Hauptsache, viele Dokumente mit Brief und Siegel“, Bickel erinnert sich, dass er sogar ganze Websites mit Gutachten ausgedruckt und beigelegt hat. Das ging dann an den Zoll. Nach drei Monaten hatte er seine Vaporizer wieder. „Wir konnten sogar noch Weihnachtsgeld zahlen“, sagt er. Bis heute sitzen rund zehn Mitarbeiter*innen in Oakland, die sich hauptsächlich um Servicefragen kümmern.

Schaut man sich mal den Markt an, dann sieht man, dass sich S&B von den anderen Anbieter*innen im Auftritt abheben. Besteht diese Branche größtenteils aus Geflüster und Pseudonymen, schreiben Storz und Bickel ihre Namen sehr gut lesbar auf das Produkt. Die Firmenadresse ist jedem einsehbar. Message: Wir haben rein gar nichts zu verstecken. Wo Compliance in anderen Firmen groß geschrieben sein mag, gilt das für ein Unternehmen, das in der noch immer undurchsichtigen Cannabis-Welt tätig ist, doppelt und dreifach.

Dazu ging man noch einen Schritt weiter: 2010 kam der Volcano Medic heraus, ein von vorne bis hinten durchzertifiziertes Vape-Gerät für medizinische Zwecke. Bickel hat extra den als ultrapingelig bekannten TÜV Süd ausgewählt, damit man auch ja den höchsten Standard erfüllt. Bickel sagt, dass damals alle Welt nach einem Medizinprodukt gerufen hat, aber als der Medic dann auf dem Markt kam, hat es keinen so richtig gejuckt: „Zum Gesamtvolumen haben die Medizinprodukte vielleicht nicht ganz so viel beigetragen, aber zum Standing der Firma als Medizingerätehersteller auf jeden Fall. Auch für einige Mitarbeiter*innen war das hilfreich.“ Das war der Markt, den die Gründer von Anfang an ausgemacht hatten – jetzt waren sie offizielle Player.

Das erhoffte Wachstum kam dann von anderer Seite. Als im Oktober 2014 die mobilen Geräte namens Crafty und Mighty auf den Markt kamen, „gingen einige Mitarbeiter*innen an ihre Grenzen“, sagt Bickel. „Wir dachten, dass die beiden Produkte vielleicht ganz gut ankommen, die waren allerdings auch einigermaßen teuer. Aber die Firma hat quasi von jetzt auf gleich ihren Umsatz verdoppelt.“ S&B kauften alle Materialien auf, die sie von den Zulieferer*innen in die Hände bekommen konnten. Und das war dann auch der Moment, wo sich das bis dahin immer nur in Wohnungen und Etagen beheimatete Unternehmen entschied, diesen luftigen Firmensitz zu bauen.

Project Black Forest

Storz und Bickel haben es geschafft, in einem verhältnismäßig neuen Markt nachhaltig profitabel zu arbeiten. Das können nicht viele in der Cannabis-Branche von sich behaupten. Als es im vergangenen Jahr dann zu Gesprächen mit Canopy Growth kam, hatten Storz wie auch Bickel sofort Interesse. Beide sahen, dass der Markt schnell immer größer wird und internationaler, dass man früher oder später viel Geld braucht, um weiterzuwachsen und dort mitspielen zu können. Canopy Growth, die führend in der Forschung sind, hatten ohnehin Interesse, sich diese schöne Erfolgsgeschichte zu kaufen. Im folgenden, Monate dauernden Due-Diligence-Prozess hatte Bickel dann einen Mitarbeiter dabei, außerdem zwei Anwälte aus Stuttgart. Die vier starrten einer Armada von Wirtschaftsprüfer*innen von Deloitte und PwC entgegen. „Die nannten uns Project Black Forest. Das war schon anstrengend“, sagt Bickel. Aber am Ende haben die Stuttgarter Anwälte ihre Sache gut gemacht.

Vapen ist Hightech, das beweisen auch die Chips.

Trotz Wachstum ist für Bickel Cannabis noch lange kein Mainstreamprodukt. Der Anbau ist kompliziert und benötigt hohe Investitionen. Bickel sagt: „Wer bis heute nicht konsumiert hat, fängt auch nicht an, nur weil es legalisiert wird. Die Märkte öffnen sich, doch das ist ein langsamer Prozess.“ Wie gesagt: 1996 wurde in Kalifornien medizinisches Cannabis legalisiert, letztes Jahr kam dort erst der freie Verkauf. „Das dauert. Als Privatfirma hat man nur bedingt Einfluss“, sagt Bickel.

Seit August ist Bickel bei Canopy Growth zusätzlich Vice President Operations Europe. Er hat jetzt über die Führung seines eigentlichen Unternehmens hinaus noch neue Aufgaben übernommen, kümmert sich um die verschiedenen Standorte der Kanadier*innen in Europa. Spanien, Dänemark, Sankt Leon-Rot. Canopy wollen und müssen jetzt Geld verdienen, und einer wie Bickel hat Erfahrung damit, wie das in der Branche funktioniert. Beim letzten Quartalsbericht von Canopy Growth wurden S&B lobend erwähnt: Der CFO von Constellation Brands, einem Großinvestor in Canopy Growth, stichelte, dass die Vaporizer-Einheit die einzige sei, mit der der Cannabis-Konzern Geld verdiene. „Damit sind wir in den Fokus gerückt, die Erwartungen sind hoch“, sagt Bickel.

Echtes Hightech-Produkt

Es folgt eine Begehung durch die Räume, wo Bickel jeden Produktionsschritt erklärt. Könnte er heute wie damals noch einen alleine zusammensetzen? Auf keinen Fall. Aus Volcano und Co. sind Hightech-Geräte geworden, die ausgebildete Spezialist*innen erfordern. Der Prototyp von damals ist ausgestellt, ebenso wie die verschiedenen Nachfolger. Der Classic sieht noch immer fast so aus wie im Jahr 2000. Bickel sagt: „Wo sonst hat man einen Produktlebenszyklus von 19 Jahren? Wenn der nicht runterfällt, geht der nie kaputt.“ Aber Moment, sollte man nicht eher etwas bauen, das irgendwann ersetzt werden muss? Bickel schüttelt den Kopf. Wer so eine Frage stellt, hat das ganze Prinzip S&B nicht verstanden.

Pssst, nicht stören: Die Aussicht zum Schwarzwaldrand gehört mit zur Identität

Das Gebäude ist phänomenal aufgeräumt, kommt ohne Unnötigkeiten oder Verzierungen aus. Es ist ein zu oft bemühtes Bild, aber hier, denkt man, wäre es nicht völlig abwegig, die Schupfnudeln vom Boden zu verzehren. Hier und da Elemente in der Sonderfarbe HKS7, ein leuchtendes Orange, auf das Storz bestand. An einer Wand hängen die Zertifikate und TÜV-Siegel. Eine Sache sticht aber doch hervor: ein oranges Poster, das hinter Glas geschützt ist. „Investors needed“, steht darauf. Es kommt aus der ganz frühen Zeit des Unternehmens, als Storz eine Phase hatte, in der er seine Idee gar nicht selber verwirklichen wollte.

Storz stand damals auf den Messen und suchte Leute, die seine Idee übernehmen und den Volcano produzieren wollten. Bickel sagt: „Es gab dann aber niemanden, deswegen musste er es selber machen. Er wusste immer, dass er Kund*innen dafür finden wird.“ Ein echter Tüftler eben, für den es keine Option war, die Idee nicht zu realisieren. Trotzdem, denkt man mit Blick auf das vergangene Jahr und den satten Betrag von Canopy Growth, könnte das Poster zur Investor*innensuche nun wirklich mal abgenommen werden. Vielleicht wäre an dieser Stelle dann Platz für einen kleinen Altar zu Ehren von Eagle Bill.

 

Business Punk wird zehn und das feiern wir mit der dicksten Ausgabe ever. Auf 180 Seiten erwarten euch jede Menge Storys: Zehn Jahre nach ihrer ersten Reise besuchen Nikolaus, einer der Erfinder unseres Mags, und sein damaliger Chef erneut für 24 Stunden London. Ritesh Agarwal will seine indische Hotelkette OYO zur größten Hotel-Marke der Welt ausbauen. Deichkind erklären ihr knallhartes Business. Und wir waren in der Toskana, wo uns ein Manager aus Barbados gezeigt hat, wie er gerade einen Steinbruch digitalisiert. Das sowie vieles, diesmal wirklich vieles, vieles mehr in der aktuellen Business Punk. JETZT AUSGABE SICHERN!


Alexander Langer

Alexander ist Redakteur bei Business Punk, wo er vor allem den Teil Play Hard betreut. Vorher hat er sich durch den Berliner Startup-Dschungel gehangelt, war außerdem bei 11Freunde. Noch weiter davor tausend Jobs, von denen er dir gerne mal ausführlich erzählt, wenn du nicht aufpasst.

Zum Autor

Das können wir Dir auch empfehlen

placeholder
placeholder