Wie sich ein Big-Wave-Surfer auf einen Weltrekord vorbereitet

Eine Begegnung mit Sebastian Steudtner, ein Besessener, bei dem selbst die Profis des Waghalsigkeitsjournalismus die Luft anhalten.

Du weißt, dass du etwas richtig machst, wenn der Superlativ auf dich angewendet wird. Wenn die Menschen auf Facebook innehalten, wenn auf ominösen Klickseiten, mal wieder, Rekordzeit ist. Wenn Leute im Büro vom Rechner aufschauen, vielleicht sogar aufstehen, um zu ihren Kolleg*innen zu gehen und zu fragen: „Hast du das gesehen?“

So wie Sebastian Steudtner, der neulich folgende Headline aus einem Journalisten herausleierte: „This guy surviving a 95-foot wave is the scariest sports video I have ever seen.“ Die große Adrenalin-Adelung. Das Gold der sozialen Netzwerke. Das bist du. Weil, über die Reichweite und Irrsinnigkeit des Videos hinaus, diese Headline von einem Menschen kommt, der sich für das amerikanische Sportblog-Netzwerk SB Na­tion hauptberuflich waghalsige Sportvideos anschaut. Wenn die Profis des Waghalsigkeitsjournalismus, die Tag ein, Tag aus, das Absurde, Kaputte und Verrückte in die Welt pushen, die Luft anhalten, dann weißt du: Du hast es geschafft.

Und damit ist der Alltag von Sebastian Steudtner eigentlich schon ganz griffig zusammengefasst: Kurz Dinge tun, die dem Rest der Welt den Atem stocken lassen, Erholungsphase, am nächsten Tag ein gutes Frühstück – und dann das Ganze noch einmal. Steudtner schüttelt den Kopf. So einfach ist es nicht.

Profitipp Nummer eins: Fescher Wetsuit ist die halbe Miete (Foto: Thomas Burblies)

Wir treffen Steudtner in der Runbase in Berlin. Nahe der Spree, direkt nebenan oder um die Ecke sind die Berliner Ausgeh-Institutionen Birgit & Bier, Chalet und Badeschiff. Steudtner hat einen Lunch-Teller vor sich, auf dem sich ausschließlich vom Körper maximal verwertbares Zeug befindet: Sprossen, Rote Beete, Lachs. Neben ihm sitzt Radosav Djukic, sein Arzt, der ihn seit zwölf Jahren betreut und außerdem die Ski-Nationalmannschaften mehrerer Länder. Dass Steudtner seinen Arzt und die Pressetermine auf ein und dasselbe Mittagessen gelegt hat, ist typisch. Alles muss auf einmal passieren. „Surfen findet weit weg von Deutschland statt“, sagt er. „Wenn ich einmal hier bin, liegt es nahe, vieles miteinander zu verbinden.“

Steudtners Berlin-Stopp ist nur eine klitzekleine Etappe auf dem Weg zu einem großen Ziel, einem sehr, sehr großen, mächtigen und nassen Ziel: Steudtner will den Weltrekord im Big-Wave-Surfen holen, nicht weniger. Er hat schon oft genug am Titel geschnuppert – jetzt, 2020, soll es endlich so weit sein. Und dazu bereitet er sich jetzt seit Monaten minutiös auf den Angriff vor und gibt Einblicke in das rigorose Programm.

Zuerst einmal beginnt es mit der Location, die Steudtner als Wahlheimat auserkoren hat. Er lebt in Nazaré am Atlantik, dem portugiesische Big-­Wave-Paradies. Professionell gesurft wird dort seit 2012, unter den Surfern vor Ort galt die Welle zuvor als unsurfbarer Witwenmacher. Aber die Infrastruktur lockt: Nazaré ist gerade mal zwei knappe Autostunden von Lissabon entfernt. Steudtner hält es für möglich, dass woanders die Gegebenheiten der Natur durchaus noch besser sein können – Japan, Kamtschatka, die Kapverden vielleicht. Aber Nazaré hält den klaren Vorteil, einigermaßen zentral zu liegen, besonders wenn man wie Steudtner immer mal wieder für Marketingtermine in eigener Sache zum Flughafen und irgendwohin muss.

Programm der Champions

Steudtner erzählt von dem Fitnessprogramm, das ihn an die Weltspitze führen soll: Boxen, Intervalltraining, gezielte Übungen zur Sprungkraft. Djukic hat es für ihn zusammengestellt, dabei sei Steudtner selber inzwischen fast der bessere Arzt, sagt der Arzt. Was er will, ist klar. Maximale Belastung üben, aushalten, durchstehen. Und in diese bedeutungsvolle Spannung, sagt Steudtner, den letzten Brownie vom Teller greifend, dass ihm der Weltrekord überhaupt gar nicht wichtig sei. Im Ernst?

Ihm selbst nicht, ja. Aber „im Business ist das schon superwichtig“, sagt er. Er sagt auch, dass es für die Fairness der Branche mitentscheidend sei – immerhin wird auf den Wellen eine schier übermenschliche Leistung abgerufen. Und dafür wird dann eben auch ein Award vergeben.

So lässig die Videos aussehen: Die Vorbereitung und der Tag X sind harte Arbeit. Sehr harte Arbeit: „Ich bin bei zwölf Grad im Wasser“, sagt Steudtner. „Mit Sicherheitsweste und Wetsuit hab ich zehn bis zwölf Kilo Extragewicht drauf. Und ich muss an einem Tag, von dem ich das Datum vorher nicht kenne, acht Stunden meine Leistung abrufen.“

Willkommen in der Welt des professionellen Surfens, die weit, weit entfernt von romantischer Sonnenuntergangsstimmung und ausgewaschenen Muschelketten um den Hals ist. Steudtner sagt aber auch: „Surfen ist mein Leben. Mir macht alles, was mit Wasser zu tun hat, unglaublich Spaß.“

Aber allein, wie das klingt: Big-Wave-Surfing! Tollkühne Menschen auf Plastikbrettern! Die Motodrom-Boys und -Girls des neuen Jahrtausends! Die Verrückten eines Zirkus, der auf deinem Smartphone stattfindet. Aber hey: Image und Klischee, das ist beim Surfen doch nur für die wichtig, die gerne Surfer wären. Und nicht denen, die Surfer*innen sind. Wenn die oft genug verlachten Windsurfer*innen noch unter den Nichtschwimmer*innen quasi die Amöbe der Surf-Hierarchie darstellt, sie die Big-Wave-Rider die Löw*innen. Das Interessante an Steudtner ist auch, dass er diese beiden Welten bestens kennt.

Denn mit dem Windsurfen kam er überhaupt zum Sport. Er war damals 16 Jahre alt, vergleichsweise alt für jemanden, der später in dieser Disziplin mal in Weltbestenlisten geführt werden wird. Steudtner, jetzt Mitte 30, ist damals via Schüleraustausch auf Hawaii, zu Gast bei einer Familie, die ihn für die Welt am Wasser begeistert. Steudtner sagt, dass er Sport generell faszinierend findet. Einer, der eben auch beim Tischtennis der Beste sein will und dazu stundenlang Youtube-Videos guckt. Man muss dieses Mindset vielleicht ganz esoterisch erklären: Solche Menschen gibt es eben,

Steudtner ist so einer. Und damals, beim Schüleraustausch, am Strand vor Hawaii, traf ein Wettbewerbsspirit auf ein Element, das ihn für immer einnehmen sollte.

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