Life & Style Wie sich ein Big-Wave-Surfer auf einen Weltrekord vorbereitet

Wie sich ein Big-Wave-Surfer auf einen Weltrekord vorbereitet

Mini-Mensch trifft Welle

In seinem Buch „Range – Why Generalists Triumph in a Specialized World“ beschreibt der US-Sportpsychologe David Epstein genau dieses Prinzip: Topsportler*innen rücken ab vom Prinzip des Geniekults, von spezifischer Frühförderung. Nur wer schon früh die verschiedensten Eindrücke auch aus anderen Disziplinen aufgesogen hat, kann sich aus einem gut bestückten Regal an Fähigkeiten bedienen. Fazit: Wer mehr weiß und mehr kennt, hat ein größeres Arsenal an Intuitionen, die sich zu völlig neuen Höchstleistungen zusammensetzen lassen. Glaubt man der Theorie von Epstein, dann ist Steudtners Werdegang nicht vollkommen absurd. Sondern in seiner Streunerigkeit vollkommen logisch.

Nur: Das passt nicht unbedingt zum Ethos des Surfens. Von meditativ im Wasser verbrachten Stunden, in denen gewartet wird. Und gewartet. Und gewartet. Bis sie kommt, die eine Welle. Die dann auch als leicht heilig begriffen wird. Man surft sie ja des Surfens willen. Und nicht um zu zeigen, dass man es besonders gut kann. Hinter der Welle ist der Mensch ein Niemand.

Jemand, der diese Erfahrung von Mini-Mensch und Riesenwelle bereits hinter sich hat, sitzt ebenfalls in der Runbase am Tisch: Maya Gabeira. Die brasilianische Surferin hatte 2015 in Nazaré einen spektakulären und fast tödlichen Surf-Unfall, und zwar eben beim Versuch, einen Weltrekord aufzustellen. Gabeira isst still ihre Bowl und nippt kurz an einem pinken Shake von Steudtner, der ihr aber nicht schmeckt. Versunken sitzt sie am Tisch, offensichtlich vom Fitnessprogramm des Vormittags mitgenommen.

Erst mit 16 Jahren kam der Deutsche zum Surfen, war dafür dann aber umso mehr all-in. Auf Hawaii wurde er einst von seiner damaligen Gastfamilie in die Feinheiten des Sports eingeführt. (Foto: Tobias Heuser)

Steudtner weiß natürlich vom Unfall. Und bereitet sich auf den Ernstfall vor. Es ist beinahe eine buddhistische Übung: Wie müssen Körper und Geist beschaffen sein, um bereit zu sein für diesen Moment, der von außen aussieht wie die Essenz von Leben und Fühlen selbst? Und von innen nur Millimeter entfernt ist vom Tod?

Als unser Reporter Andrzej Rybak im Jahr 2015 Gabeira traf, um mit ihr über ihren Unfall zu sprechen, erzählte sie ihm ganz offen, dass sie ihren Versuch zu früh startete und nicht vorbereitet genug war. Das soll Steudtner auf gar keinen Fall passieren, dazu setzt er seinen Körper gezielten Maximalbelastungen aus. Steudtner erklärt: „Im Prinzip kann man sich eine Batterie vorstellen. Die wird mit der Vorbereitung voll aufgeladen.“

Das sportwissenschaftliche Prinzip dahinter: Von 60 auf 100 Prozent geht es recht fix. Aber von 30 auf 50 braucht man schon fünfmal so lange, von null auf zehn sogar zehnmal. „Deshalb ist es so wichtig, dass die Batterie voll ist“, sagt Steudtner. Technisch gesprochen: Seine Recovery beträgt rund zehn Minuten, dann kann er wieder an die Grenzen gehen. Djukic ergänzt lapidar die Pointe: „Jemand anderes würde nicht zehn Minuten, sondern drei Tage brauchen.“ Steudtner sagt: „Ich erhole mich schneller von Wipeouts. Andere nehmen fünf Wellen und sind im Arsch. Das ist mein Wettbewerbsvorteil.“

Typ mit Crossfit-Insta oder Vorbereitung auf Surf-Weltrekord? Letzteres. Steudtner geht bis an die Grenzen der Belastbarkeit, um Tag X zu meistern

Dass er sich so vorbereitet, hat auch mit einer Schmähung zu tun. Steudtner erinnert sich: „Ich war im vergangenen Jahr mit zwei Wellen im Finale, einmal für die beste Performance und einmal für die größte Welle. Das Video davon wurde über 400 Millionen Mal gesehen, und die Szene war sich einig: Das war ganz klar die größte je gesurfte Welle.“ Der Weltrekord wurde aber an einen Brasilianer vergeben. Gemunkelt wurde: Weil der Markt Brasilien für die WSL wichtig ist – Deutschland nicht. „Ich bin alles in allem in dem Bereich der erfolgreichste Surfer. Wäre ich Amerikaner, wäre ich Australier, hätte ich wahrscheinlich jedes Jahr abgeräumt.“ Steudtner geht es also darum, Fairness herzustellen, objektive Maßstäbe, damit es ein fairer Sport wird. Die WSL sagt seiner Wahrnehmung nach gewissermaßen, dass sie bei Entscheidungen einfach rät.

Tech zur Hilfe!

Dazu entwickelt Steudtner – und das ist das andere faszinierende Projekt – mit zwei noch nicht genannten Partnern eine neue Methode, die die Größe der Wellen objektiv messen soll. Das sei nicht nur für Surfer*innen relevant, sondern für die gesamten Ozeanwissenschaften. In der Saison 2020/21 soll es an den Start gehen. Die Juryentscheidungen haben Steudtner so lange genervt, dass er nicht nur die gesamte Bandbreite der Wissenschaft nutzt, um seinen Körper zu optimieren, sondern auch, um eine komplett neue Methode der Messung zu etablieren.

Die andere Form der Vorbereitung findet dann nicht im Boxring statt, sondern zwischen den Ohren. Auch wenn Steudtner im Wasser von einem riesigen Stab an Zuarbeiter*innen und Ärzt*innen umgeben ist, am Ende muss er sich auf den Wipeout vorbereiten. Steudtner sagt: „Ich habe die besten Jetskifahrer*innen, teste etwa 100 Surfbretter pro Jahr, eine gute Teamkonstellation, habe die besten Militärärzt*innen am Strand.“ Und hier wird es interessant: „Wenn es mich brutal erwischt und ich merke, dass ich gleich bewusstlos werde, dann bin ich ganz entspannt. Weil ich weiß: Die holen mich da raus.“

Profitipp Nummer zwei: Eine breite Auswahl an Boards ist wichtig (Foto: Thomas Burblies)

Aber wie kommt man mit dem Moment klar, gleich die Kontrolle über das Bewusstsein zu verlieren? „Ich trainiere nur für den positiven Fall, habe schon vor zehn Jahren aufgehört, den Wipeout zu simulieren. Alles, was ich mache, ist für Performance und positive Erlebnisse.“ Macht Sinn: Boxer*innen lassen sich auch nicht zur Übung k.o. schlagen, Motorradfahrer*innen trainieren keine Stürze bei Tempo 200.

Steudtner schafft es mittlerweile, sechs Minuten lang die Luft anzuhalten. Das ist ein Wahnsinnswert. Wer sich jemals selber dabei getestet hat, muss allein vor dieser Leistung alle verfügbaren Hüte und Helme ziehen. Die Einsamkeit, die Konzentration müssen unfassbar sein.

Also was? Ist die Big Wave am Ende doch ein Kampf gegen sich selber? Steudtner schüttelt den Kopf, völlig falsche Annahme: „Überhaupt nicht. Es ist kein Spiel, schon gar kein Kampf.“ Was ist es dann? Interessant: Steudtners Antwort ist dann auch keine direkte Antwort, sondern eine Prozessbeschreibung: „Die Kunst liegt darin, so vorbereitet zu sein, dass du einfach loslassen kannst, wenn die Welle kommt.“ Und da hat er das Schlüsselwort wohl einfach aus Versehen und im Vorbeigehen genannt: Kunst.


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