„Berühmtsein ist scheiße“ – Rapper Mavi Phoenix im Interview über sein Debütalbum

Bekannt wurde Mavi Phoenix noch als Frau, doch inzwischen lebt der 24-jährige Österreicher als Mann. Mit seiner erstaunlich international klingenden Mischung aus Hip-Hop und Pop hat er das Potenzial, es auf die ganz großen Bühnen zu schaffen.

Am 03. März brachte Mavi Phoenix sein Debütalbum „Boys Toys“ heraus. In unserer aktuellen Ausgabe sprechen wir mit ihm über die neue Platte, seinen Karriereaufstieg und sein Coming-out als Transgender.

Mavi, du sagst, du wolltest schon immer ein Star sein? Was hast du dir davon versprochen?

Ich glaube, Freiheit. Ich habe Berühmtsein immer mit coolen Leuten verbunden, die machen, was sie wollen. Irgendwie wollte ich immer schon alles aus dem Leben rausholen und erreichen, was geht. Das war fast schon eine Art Zwang. Inzwischen glaube ich aber, Berühmtsein ist scheiße, das macht nicht glücklich. Ich habe ja ein kleines Stückchen Berühmtheit bekommen, und da habe ich schon gemerkt, dass das nicht immer geil ist. Wenn ich auf der Straße erkannt werde, ist das oft cool, aber in manchen Situationen bin ich voll angespannt, wenn ich merke, mich schaut jemand an. Das ist schon ein extremer Druck.

Deine erste EP ist 2014 erschienen, aber der Erfolg blieb erst mal aus. Hattest du in der Zwischenzeit schon resigniert?

Doch, ja. Ich hatte alles, was ich kann, in diese EP gesteckt, und die haben zwar ein paar Leute gefeiert, aber es passierte nichts. Ich wollte auf jeden Fall weiter Musik machen, aber ich dachte dann: Na gut, dann studiere ich nach dem Abitur halt irgendwas mit Medien. Im Endeffekt sehe ich voll, warum das so lange gebraucht hat: weil ich mich damals selber überhaupt nicht kannte, nicht wusste, was ich will, was ich geil finde. Wenn ich mir vorstelle, dass ich in diesem State bekannt geworden wäre, dann wäre es jetzt sicher schwierig, zu mir selber zu finden.

Foto: BEBISHOOTA

Den entscheidenden Push erhielt deine Karriere letztlich durch die Band Bilderbuch, nachdem sie einen deiner Songs entdeckten.

Ja, ich habe gerade für meine Geografie-Matura gelernt, da ruft mich irgendeine unbekannte Nummer an: „Hallo, Maurice hier. Wir spielen heute in Steyr, hast du nicht Lust, bei uns auf der Bühne einen Part zu rappen?“ Das war total crazy, ich kannte die ja gar nicht persönlich. Ich erinnere mich noch so gut: Als ich auf die Bühne kam, haben alle geschrien und gefeiert, obwohl niemand wusste, wer ich bin, das war mega nice. Und danach haben Bilderbuch mich mit auf Tour genommen. Für mich als Performer war es voll wichtig, diese Erfahrungen zu sammeln, also ins kalte Wasser geschmissen zu werden und direkt vor Tausenden von Leuten zu spielen.

Jetzt kommt dein erstes richtiges Album: „Boys Toys“. Warum hat das so lange gebraucht?

Vielleicht hängt das mit meiner Generation zusammen, mit Spotify und Streaming, aber mir war es nie wichtig, ein Album rauszubringen. Es ging mir immer nur darum, einen coolen Song zu machen. Das war aber auch dem geschuldet, dass mir ein Thema gefehlt hat. Ich wollte auf keinen Fall ein Album machen, auf dem einfach zwölf Songs zusammengewürfelt werden. Aber dann ging es ganz schnell. Im Sommer 2019 habe ich mich als Transgender geoutet, und da habe ich gemerkt, dass so viele Sachen kommen, über die ich auf einmal schreiben kann. Sachen, die mir wichtig sind, die jetzt rausmüssen. So entstand plötzlich ein Album.

Das neue Album ist also deine persönliche Aufarbeitung des Transgender-Themas?

Schon, aber gar nicht bewusst. Als ich mich als Transgender geoutet habe, habe ich noch offengelassen, welches Pronomen ich verwende, obwohl ich für mich selber schon wusste, dass die Endhaltestelle das männliche Pronomen ist. Aber privat und öffentlich passierte alles zeitgleich, darum habe ich mich noch nicht getraut, das zu sagen. Nachdem das aber irgendwann raus war, hat auf einmal jeder neue Song davon gehandelt. Das ist einfach ein wichtiges Thema für mich. Und dann war diese Idee geboren, dass „Boys Toys“ mein Alter Ego ist. Der kleine Junge in mir, der nie so richtig rauskommen konnte. Aber das eigentliche Thema des Albums ist Selbstfindung. Im Endeffekt geht es darum: Wer bin ich? Ich glaube, diese Frage stellt sich jeder.

Wie ist das, wenn man als öffentliche Person so etwas verkündet? Muss man da nicht mit vielen Anfeindungen rechnen?

Die meisten Reaktionen waren positiv, aber ein paar üble Nachrichten habe ich schon bekommen. Und mir sind über 500 Leute entfolgt, damit habe ich aber kein Problem. Wenn die sich vor dem Thema verstecken wollen, sollen die das machen, aber ewig wird das nicht gehen, denn es kommen immer mehr Leute damit raus, dass sie trans sind. Und wenn sich jemand aus dem näheren privaten Umfeld outet, dann kannst du auch nicht davor wegrennen. Aber so ehrlich muss ich sein: Ein bisschen tat mir das schon weh, weil es durchaus ein Gedanke von mir war, dass ich mit dem Outing vielleicht alles kaputt mache, was ich mir die letzten Jahre aufgebaut habe. Das ist aber so weit in den Hintergrund gerückt. Es geht ja um die Essenz meines Seins. So etwas Krasses wie die Notwendigkeit, das zu kommunizieren, habe ich noch nie verspürt. Da war mir alles andere egal.


Die neue Ausgabe ist da! Heißt: die perfekte Lektüre für die Tage und Abende daheim. Dieses Mal widmen wir uns dem Thema Karriere: In seltsamen und unübersichtlichen Zeiten hört man auf den Rat der Weisen, und das sind in unserem Fall 50 nachweislich erfolgreiche Menschen, die überraschende, inspirierende und sehr persönliche Tipps für den Weg nach oben haben – von Lindsey Vonn über Frank Thelen zu Sabine Leutheuser-Schnarrenberger, von Tony Hawk über Lea-Sophie Cramer zu Micaela Schäfer. JETZT AUSGABE SICHERN!


Tanja Lemke

Tanja ist ehemalige Print-Redakteurin bei Business Punk. Wenn sie nicht gerade über Startups oder Musik schreibt, tingelt sie mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit durch irgendein asiatisches Land.

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