Mit Vergnügen: Was machen die Veranstaltungsgenies, wenn alle Zuhause sind?

Die große Frage geisterte gestern durch den Slack-Channel von Mit Vergnügen: Ist ein Witz über Corona erlaubt? Matze Hielscher denkt nach und sagt: „Klar, wenn uns einer einfällt.“ Alle anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die dieser Tage im Homeoffice sitzen, waren auch eher dafür. Hielscher sagt, dass er und die anderen gerade alle Gefühle durchmachen: Einsamkeit, Sorgen, aber eben auch Galgenhumor. Also: Witze machen über Corona geht in Ordnung.

Hielscher sagt, dass er vor ein paar Tagen „einen richtigen Scheißtag“ hatte, das auch allen so sagte – und flächendeckend auf Verständnis stieß. Denn dieser Tage wird sein und Pierre Türkowskys Unternehmen Mit Vergnügen zehn Jahren alt – nur will und kann keiner feiern. Das ganze Land steht still. Für ein Online-Eventtipp-Magazin samt Agentur eine Katastrophe: „80 Prozent unseres Contents bestehen darin, dass Menschen rausgehen und mit Freunden die Stadt entdecken sollen – 80 Prozent unseres Contents sind ehrlich gesagt gerade nicht mehr brauchbar“, fasst Hielscher seinen Scheißtag zusammen.

Als wir Ende Februar miteinander für diese Geschichte gesprochen hatten, saßen die beiden in ihrem vollen Büro und freuten sich auf die kommenden Monate randvoll mit Events und Partnerschaften. Jetzt, ein paar Wochen später, erzählen sie am Telefon, dass sie verwundert auf diese Zeit zurückblicken, auf einen „Wohlstand“, wie Hielscher es nennt, womit er nicht die Finanzen meint, sondern den Luxus, einfach nur vor die Tür gehen und Freunde treffen zu können.

Social Distancing dürfte niemandem so schwerfallen wie den beiden Vollkontaktpersonen Pierre Türkowsky (l.) und Matze Hielscher – aber ob es auf diese Weise wirklich leichter fällt (Foto: Yves Borgwardt)

Er und Türkowsky haben in den vergangenen zehn Jahren ein Unternehmen aufgebaut, das sich schnell von den immer elf Tagestipps für Berlin gelöst hat. Die Geschichte ist oft erzählt: Hielscher war Bassist der Popband Virginia Jetzt!, Türkowsky damals Booker für den Magnet Club. (Immerhin nicht ganz so oft erzählt ist, dass zu noch früherer Zeit Hielscher mal Lampen verkaufte und Türkowsky Krankenpfleger an der Berliner Charité war.) Irgendwie war Türkowsky dann auf dem ersten Plattencover von Hielschers Band gelandet, und die beiden blieben immer in Kontakt.

Jeden Tag elf Tipps

Zusammen hatten sie dann Partys in Berlin veranstaltet, die sie nach dem Deichkind-Song „Remmidemmi“ nannten. Die liefen so gut, dass sie vor rund zehn Jahren dann wussten, noch irgendwas on top daraus machen zu müssen – bloß was? Türkowsky sagt: „Wir haben uns dann drei Tage lang in der Küche bei Matze eingeschlossen.“ Heraus kam eine Idee, die auf drei Grundpfeilern fußte: Veranstaltungen, PR und ein Blog. Es ging klein los: Als Hielscher für das Michelberger das Booking machte, kassierte er 1500 Euro. „Ich fragte mich: Soll ich das jetzt mit Pierre teilen?“

Schritt für Schritt wurden nach Berlin noch Redaktionen in Hamburg, München und Köln eröffnet, zuletzt das Reiseformat „Reisevergnügen“. Jeden Tag elf Tipps für jede City. Der Wachstumstreiber war dabei stets, dass man schlau und gezielt mit der Community interagierte: Die Redaktionen schauten mit den Leser*innen oft „Germany’s Next Top Model“ oder trafen sich zum großen MV-Frühstück. Das Ziel: mindestens ein Offline-Event pro Stadt und Monat. Der Claim war immer: Der Freund in der Großstadt. Der wissende Ratgeber. Der Freund, der dich ganz sacht und unaufdringlich an der Schulter berührt, weil er hier und da eine tolle Sache zu zeigen hat.

Und da sind wir schon beim Problem in diesem Frühjahr. Denn momentan will absolut niemand berührt werden. Jedenfalls nicht physisch. Und zu zeigen gibt es draußen gerade auch nichts. Unternehmen, die davon leben, dass Menschen zusammenkommen, trifft es eben härter als andere. Womit das Geschäftsmodell Hielscher und Türkowsky ziemlich im Eimer ist. „Der persönliche Kontakt war für uns immer zentral wichtig“, sagt Hielscher. Auch das: auf absehbare Zeit vollkommen undenkbar.

Bereits vor zwei Jahren, als wir uns zum ersten Mal mit Hielscher und Türkowsky unterhielten, sagten die beiden, dass sie unternehmerisch vorsichtig sind und behutsam ausprobieren. Sie hatten keinen richtigen Businessplan, auch kurz zuvor erst angefangen, einen Einjahresplan zu machen. Als sie damals über ihre Agentur redeten, sagten sie, dass sie eher pull seien als push, im Gegensatz zu vielen anderen im lauten Business.

Der Letzte klappt den Laptop zu: Alle anderen sind schon lange im Homeoffice (Foto: Yves Borgwardt)

Allerdings waren sie da schon seit fünf Jahren ein richtiges Medienhaus, hatten einen Lead Award gewonnen. Türkowsky sagt: „Wir mussten uns richtig professionalisieren.“ Die beiden Dudes mit der Idee vom Küchentisch hatten plötzlich ein richtig großes Unternehmen, das alle Mittel der herkömmlichen Unternehmensführung verlangte. Hielscher hielt an der zurückhaltenden Ausrichtung fest: „Wir machen unser Ding, keine lauten Pitches und Zaubershows.“ In der Agenturbranche, die zwecks Kommunikation gerne mal mit beiden Füßen fest aufstampft, nicht selbstverständlich. Beide sagen, dass sie sich lieber mit Herzensprojekten beschäftigen, Türkowsky fasst es so zusammen: „Organischer als wir kann man gar nicht wachsen.“

Aber nach oben ging es so oder so. Aus Menschen im Praktikumsverhältnis wurden Festangestellte, ein neues Office in Berlin-Mitte musste her. Und da haben sie jetzt ihren Hauptsitz, passend ruhige, unaufgeregte Lage im Hinterhof. Jetzt sitzen Pierre und Matze dort alleine. Alle anderen sind längst im Homeoffice und vermeiden jeden Kontakt. Na ja: „Keine Probleme, nur Herausforderungen“, sagt Hielscher jetzt am Telefon. Er hat es in den vergangenen Tagen sicherlich öfter gesagt.

Türkowsky hingegen sagt, dass sie bei Mit Vergnügen schon immer eine besondere Herangehensweise hatten: langfristig planen, aber keine konkreten Ziele dabei verfolgen. Diese Zufälle und Plötzlichkeiten könnten ihnen jetzt in dieser Situation zupasskommen. Als Laie kann man denken: Wer zehn Jahre des Wachstums und der Expansion hinbekommen hat, ohne dabei allzu sehr auf Nachkommastellen zu schauen, dem wird sicherlich auch etwas für eine unsichere Zukunft einfallen. Türkowsky sagt aber auch, dass er derzeit die Kosten betrachtet: Was kann man sparen? Und er guckt sich jetzt andere Formen der Finanzierung an, wo sind Fördertöpfe und Fonds, die infrage kommen? Wo bieten sich Partnerschaften, die man vorher noch nicht bedacht hatte? Er fragt sich, wie es weitergeht, wenn jetzt jeder wie er die Budgets durchforstet. Erstens, weil es sonst nichts zu tun gibt, zweitens, weil es angesichts der wirtschaftlichen Lage nötig ist.

Verständlich: Ist Mit Vergnügen von der Event-Ausrichtung her nicht ein Phänomen des Bullenmarkts? Einer wirtschaftlichen Situation, die zehn Jahre lang nur Wachstum kannte und keine Korrektur? „Wir müssen jetzt andere Marken erreichen, die aus dem Zuhause-Umfeld“, sagt Türkowsky.

Heute kein Tagestipp

Alles, was Mit Vergnügen bislang gemacht hat, wenn eine neue Stadt eröffnet wurde, passiert jetzt für zu Hause – mit komplett neuem Content. Und nach ein paar Tagen sieht man auf der Startseite die Auswirkungen: Unter der gewohnten Überschrift „Das geht in Berlin“ steht für heute, morgen und übermorgen seit Tagen das Gleiche: „kein Tagestipp“. Dafür aber eine Kachel, hinter dem sich ein analytisches Stück zu den Folgen der Corona-Krise für das kulturelle Leben in der Hauptstadt verbirgt, außerdem „11 Instagram-Accounts, die unaufgeregt über Corona informieren“, „11 Retro-Brettspiele, für die wir jetzt wieder Zeit haben“ und „11 Einsiedlerhobbys, die jetzt ihr Revival feiern können“ – die Umstellung zum gemütlichen, aber trotzdem informierten Freund, der jetzt eben bei einem im Wohnzimmer abhängt, ist tatsächlich fix gelungen, nachdem man in einem schnell anberaumten Hang-out mit dem Sales-Team und den Redaktionen eine neue Ausrichtung der Marke beschlossen hatte.

Hielscher sagt: „Das Besondere an uns ist, dass wir teilnehmend sind, wir sind immer ein Teil von allem, wir schauen immer durch die subjektive Brille.“ Damit das auch in Online-only-Zeiten gelingt, sind immer Mitarbeiter im Livestream, reden mit der Community, hören zu. Die Nähe reißt also nicht ab.

Pierre Türkowsky dreht ein paar Extraschleifen, um nach neuen Partnerschaften oder Geldtöpfen Ausschau zu halten (Foto: Yves Borgwardt)

Von außen betrachtet muss man aber auch sagen: Wenn es eine Marke gibt, die sich keine Sorgen machen muss, dann doch MV – viel zu ändern gibt es nicht, lediglich das Medium ändert sich. Denn Mit Vergnügen war nie edgy. Nie ironisch, nie verletzend. Hielscher nennt die alte, schöne Regel: „Wenn es nichts Gutes zu sagen gibt, dann sag lieber gar nichts.“ Klar, warum jemandes Zeit verschwenden und ihn auf Dinge hinweisen, die es nicht zu machen oder sehen oder erfahren gilt? Warum nicht das Gute zeigen? Mit dieser Herangehensweise hob sich Mit Vergnügen in den Wildwest-Zeiten des Mitmach- und Klicklisten-Internets ab, in denen Aufmerksamkeit oft mit Drastik gleichgesetzt wurde.

Vielleicht liegt es am Startmoment des Unternehmens. Vor zehn Jahren war gerade die weltweite Finanzkrise einigermaßen überwunden. Hielscher und Türkowsky kann man zutrauen, dass sie wissen, wie man die Menschen nach der Krise bedient. Was sie anspricht, wonach sie suchen. MV hat es bereits geschafft, zur Sehnsuchtsmarke von Millennials zu werden. Jetzt kommt die nächste große Aufgabe: durchhalten und die nachwachsende Generation mit Tipps versorgen – und die ist ohnehin mit Live­stream und Minivideos sozialisiert. Vielleicht wird Mit Vergnügen so zu einer Art Verjüngung gezwungen, die sie in den vergangenen Wohlstandsjahren womöglich etwas rausgeschoben haben.

Man könnte auch gut verstehen, warum. Denn die anderen Projekte liefen sensationell gut. Die von Türkowsky betriebene Partyreihe namens Pierreversion war Pflichtveranstaltung für alle Menschen Ü45, die über die nötige Grandezza verfügen, am nächsten Morgen souverän mit einem Kater umzugehen.

Hielscher hingegen hat unterdessen mit „Hotel Matze“ einen Podcast geschaffen, der mittlerweile als Referenz gilt, wenn es um interessierte, tiefgehende Gesprächsformate geht. (Derzeit hat er seine Audiopräsenz um „Hotel Quarantäne“ erweitert, in dem er Menschen anruft, um zu hören, wie sie mit Corona umgehen. Sibylle Berg etwa erzählt, wie es bei ihr in Zürich zugeht. Anekdote dazu: Als er ein Logo für „Hotel Quarantäne“ entwerfen ließ, zeigte die erste Version ihn mit Mundschutz. Hielscher hielt es für lustig und angebracht, aber das Team sägte ihm via Slack-Channel die Idee sofort ab: zu naheliegend und auch geschmacklos. „Nee, kannste nicht machen, hieß es“, sagt Hielscher. „Das Team als Korrektiv.“ Es gehen dann also doch nicht alle Witze über Corona.)

Wie dem auch sei: Das ganze Land wird zur Selbstreflexion über das Tun und Wirken gezwungen, und MV macht da keine Ausnahme.

Neben dem Podcast „Hotel Matze“ funkt Hielscher jetzt noch „Hotel Quarantäne“, in dem er aus dem sympathisch improvisierten Zelt heraus anruft (Foto: Yves Borgwardt)

Das Team übrigens trifft sich regelmäßig zu Lunch-Dates vor dem Monitor. Hielscher sagt, dass es wichtig sei, Routinen beizubehalten, Türkowsky hat ein großes, für alle einsehbares Struktur-Doc angelegt, das Sicherheit und Vertrauen spenden soll. Doch Routine soll nicht nur der Produktivität wegen stattfinden, auch um zu unterstützen. „Eine Ausgehsperre wird für viele Menschen richtig hart werden.“

Türkowsky hingegen sagt, dass er mittlerweile mehr Menschen wieder anruft, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen – ohne Businesszweck, einfach so, wie früher. „Es ist eine gute Situation, um Streit beizulegen oder sich mit Menschen zu vertragen, mit denen man sich mal überworfen hat.“ Er sagt, dass er eine für ihn noch nie da gewesene Zeit erlebt und dass man Sicherheit nach innen – in die Firma – und nach außen leben müsse. Hielscher überlegt am Telefon zum Thema Verantwortung: „Mit Vergnügen will ja immer Vorbild sein – wie gesagt, der große Freund in der Großstadt. Deswegen haben wir Veranstaltungen schon früh abgesagt, mit denen wir gutes Geld verdient hätten.“ Das unterscheidet sie zwar nicht von anderen, macht aber deutlich, dass der eingeschlagene Weg dann doch weitergegangen wird.

Und das ist gut: Einer Welt, die gerade den Kopf zu verlieren droht, tut eine aufgeräumte und positive Stimme gut. Neulich war Hielscher auf seiner Morgenrunde laufen. Er gehört zu der wunderbaren Sorte Mensch, die entgegenkommende Jogger*innen leicht anlächelt, „echt immer“. Normalerweise wird er dabei ignoriert. „Aber in den vergangenen Tagen haben alle zurückgelächelt.“ Auch im Business bemerkt er sehr viel mehr Verständnis und Zugänglichkeit. Hielscher spürt, dass die Menschen zusammenrücken. Das Land, das gerade zu Hause bleibt, entwickelt wieder mehr Wärme und Aufrichtigkeit. Die zu bedienen, darin war Mit Vergnügen schon immer verdammt gut. Jetzt gilt es durchzuhalten.

Übrigens: Die Feier zum eigenen zehnjährigen Jubiläum, das im Frühling stattfindet, fällt selbstverständlich auch aus. Aber nicht wegen Corona – sondern weil die Zahl „11“ für die Identität von Mit Vergnügen viel relevanter ist. Deshalb haben die Mitarbeiter schon früh darauf gepocht, erst 2021 die Korken so richtig knallen zu lassen. Ein Glück. Und fast schon wieder typisch, dass Türkowsky und Hielscher auch an dieser Stelle stellvertretend dafür stehen, dass 2021 alles nur sehr viel besser werden kann.


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Alexander Langer

Alexander ist Redaktionsleiter bei Business Punk, außerdem Autor und Host der Podcasts "How To Fix It" und "Kampf der Unternehmen"

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