StudiVZ ist back: „Wir bereiten uns auf einen großen Ansturm vor“

SchülerVZ, MeinVZ und StudiVZ galten als im Netz verschollen, doch jetzt sind sie als VZ.net wieder da. VZ-Geschäftsführerin Agneta Binninger hat uns im Interview erzählt, wieso sie das schlafende Netzwerk wiederbelebt hat.

Frau Binninger, die VZ-Netzwerke sind seit gestern wieder online. Im Ernst?

Wir wollten erst am 1. April launchen, aber da habe ich gedacht, dass die Leute im Moment nicht so viel Spaß verstehen.

Sie haben weitestgehend unbemerkt die letzten Jahre MeinVZ und SchülerVZ betrieben. Wird VZ auch so aussehen wie diese Seiten?

Nein. Wir bauen eine komplett neue Seite auf. Meinvz und StudiVZ gibt es seit über 15 Jahren. Das war damals gut, aber das funktioniert wie Facebook: profil- und timelinezentriert. Die Aktivität spielt sich also auf der Timeline ab. Das hat sich aber als weniger sinnvoll herausgestellt, weil bei den VZ-Netzwerken stets die Gruppen die Treiber waren. Als ich 2015 in die Firma Poolworks kam, hatten wir durchaus noch Unique User, mit denen man noch Umsätze generieren konnte. 

Was sind das für Nutzer*innen?

Das war eine Masse an festen Nutzer*innen, die immer noch wegen Datenschutzbedenken nicht auf Facebook gehen wollten. Es sind jetzt eigentlich nur noch Social Gamer, die auf den beiden VZ-Seiten unterwegs sind. Die loggen sich täglich ein, um ihre Langzeitspielstände weiterzutreiben. Aber weder funktional noch inhaltlich ist das eine Seite, die ich weiterpflegen möchte. Auch technisch – wie gesagt, das ist alles schon 15 Jahre alt.

Also sind auch die alten Daten noch vorhanden?

Ja, über 300 Mio. Studentenbilder sind noch vorhanden. Die wollen wir nicht einfach löschen. Wir geben den Nutzer*innen die Möglichkeit, die auf die neue Seite zu portieren. Auch die Spielstände werden auf die neue Seite gehoben, so dass die Gamer dort weiterspielen können. MeinVZ und StudiVZ werden dann in circa drei Monaten gelöscht. Vorher kann man sich aber noch alles anschauen.

Das wird eine riesige Nostalgie-Nummer werden.

Wir bereiten uns auf einen großen Ansturm vor. Auch darum lasse ich VZ nochmal aufleben. Da gibt es zwei Aspekte. Einerseits glaube ich tatsächlich, dass die Nische für ein weiteres Gruppennetzwerk vorhanden ist. Es gibt in der Tat kein richtiges Gruppennetzwerk, auch bei Facebook nicht. Außerdem sind die Leute davon genervt, dass ihre Daten immer nur kommerzialisiert werden. Für Deutschland ist das also ein sinnvoller Launch. Andererseits hat VZ ein großer Wiedererkennungswert und wird viele Menschen neugierig machen, und nur so kann man ein Netzwerk aufbauen: Man braucht die Synergieeffekte. Man will Freund*innen von früher wieder sehen. Dass man sich wieder mit den alten Studentenbildern austauscht, ist ein toller USP. Zusammen macht das Sinn.

Und die Gruppen?

Haben wir wieder aufleben lassen. „Hilfe, mein Frisör ist Schreiner von Beruf“ – so etwas. Das eignet sich natürlich super, und wir wollen die Nutzer*innen anregen, die importierten Bilder auszutauschen und herauszufinden, wer damals die bescheuertste Frisur hatte. 

Die Gruppen gibt es alle noch?

Wir haben auch einen Gruppentyp, der der Channel ist, wo Nutzer*innen gegenseitig Bilder posten können. So etwas gibt es ja eigentlich gar nicht, Instagram ist ja eher eine One-Man-Show und auch Youtube ist eher auf Selbstdarstellung ausgelegt, was ja auch sehr gut für diesen Use-Case funktioniert. Aber wir wollen, dass die Leute sich miteinander austauschen. Bei uns liegt der Fokus auf der Gruppenkommunikation.

Ist der Gedanke auch, dass die Nutzer*innen von damals jetzt selber Eltern sind und nach einem Ersatz für Whatsapp suchen, wo Oma und Opa unkontrolliert lustige Bilder schicken?

Wir sind sicher, dass die Leute das noch interessiert, weil ich merke, dass die bloße Nennung von „VZ“ immer eine Reaktion hervorruft. Ob positiv oder negativ. Das ist genau das, was man mit einer Marke hervorrufen will: Die Leute werden es sich anschauen.

Und dann?

Ob sie dann auch langfristig dabei bleiben ist natürlich die größte Herausforderung. Das muss funktional wie auch inhaltlich passen. Wir gehen während der Quarantänezeit aber zunächst mit einer Beta-Variante an den Start, die wir in den kommenden Monaten mit dem Nutzerfeedback weiterentwickeln wollen. Trotzdem ist es natürlich sehr aufregend: Hier werden gleich sehr viele Menschen zugucken und neugierig sein. Ich hoffe trotzdem, dass die Nutzer*innen uns noch Sympathie entgegebenbringen. Wir sind ein kleines Team und arbeiten wie ein Startup, müssen wahnsinnig viele technische und datenschutzmäßige Aspekte beachten.

Thema Daten: Sie wollen keine algorithmisch getriebenen Anzeigen ausspielen. Wie wird denn dann Geld verdient?

Tatsächlich durch sichtbare Platzierungen von Werbung. Aber die Abgrenzung besteht darin, dass wir keine privaten Daten monetarisieren. Wir scannen keine Nachrichten, wir tracken nicht, was Nutzer*innen außerhalb des Netzwerkes so tun – wie eben andere Netzwerke. Man bekommt Werbung angezeigt, die zu den Interessen passen, die man anfangs angeklickt hat. Ein bisschen wie früher bei Tumblr. Auf VZ bist du nur VZ-Nutzer*in, alles andere interessiert uns eben nicht. 

Auch andere Netzwerke setzen auf den Community-Gedanken, etwa nebenan.de – betrachten Sie die als Konkurrenz? Oder sind das potenzielle Partnerschaften?

Ich bin immer an guten Kooperationen interessiert. Da bin ich überhaupt nicht abgeneigt. Gerade jetzt in der Krise sieht man, dass noch andere Netzwerke abseits der Großen wichtig sind. 

Wie groß ist das Office jetzt?

20 feste Mitarbeiter*innen, viele Freelancer*innen. Ich habe in den letzten fünf oder sechs Jahren viel in der Mitarbeiter-Akquise gelernt, jeder einzelne muss im kleinen Team unternehmerisch denken. Hier wartet niemand, dass jemand anderes die Verantwortung übernimmt. Alle sind lösungsorientiert. Das ist eine schöne Erfahrung – niemand von uns hat bislang ein soziales Netzwerk aufgebaut. Da holen wir uns Expert*innen rein, die uns datenschutzrechtlich beraten, Systemarchitekt*innen – aber alle haben Bock auf Herausforderung und lernen.


Alexander Langer

Alexander ist Redaktionsleiter bei Business Punk, außerdem Autor und Host der Podcasts "How To Fix It" und "Kampf der Unternehmen"

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