1.000 Prozent über Funding-Ziel: Das Bike der Zukunft kommt aus dem 3D-Drucker

Wer New Mobility auch nur aus dem Augenwinkel verfolgt, wird mitbekommen haben, dass gestern eine der interessantesten Indiegogo-Kampagnen zu Ende gegangen ist. Der Hersteller Arevo hat für Superstrata, sein Next-Generation-E-Bike, fast 900.000 Dollar eingesammelt – und ist damit sage und schreibe 1.000 Prozent über dem Funding-Ziel gelandet.

Arevo-CEO Sonny Vu blickt deswegen auch etwas verschlafen in den Zoom-Call. Sein Team und er haben einen letzten Allnighter hingelegt, damit am Launch-Tag alles rund läuft. Vu sagt, dass er selber überrascht von der Nachfrage ist, die in den letzten Wochen und Monaten per Pledges reingekommen ist. Und jetzt hat er es geschafft. Einen superleichten Rahmen aus einem Guss (bzw. 3D-Druck). Ganz ohne Nähte oder Klebeverbindungen oder andere Schwachstellen. Fünf mal härter als Titan soll die Verbindung sein, außerdem leichter als Aluminium – gerade mal 1,3 Kilo wird das Gerät wiegen.

Das Superstrata. Quelle: Arevo

Jetzt muss man sagen, dass im Jahr 2020 gefühlt jeder an der E-Revolution im Verkehrswesen teilhaben will. Die Citys sind verstopft und versmogt; Corona hat die Last-Mile-Delivery nochmal zunehmen lassen und den ÖPNV zeitweise zum No-Go gemacht. Jeder ist sensibilisiert. Da ist es fast schon erfrischend, wenn ein Player sich nicht die Lösung der Plage auf die Fahne schreibt, sondern den Ball angenehm flach hält. Das Superstrata soll vor allem eines sein: ein verdammt gutes Bike.

CEO Vu sagt, dass ihm Bike-besessene Freunde zwar immer wieder Fahrräder entgegenhalten, die lediglich 800 Gramm wiegen mögen. Bloß werden die nicht wirklich gefahren, „es sind eher Ölgemälde, die im Haus sicher verschlossen aufbewahrt werden“, sagt Vu. „Das erste was meine Freunde mir über ihre Bikes erzählen, ist der Preis.“ Vu wollte mit dem Superstrata hingegen eher ein alltagstaugliches Bike für alle machen. Etwas, was man nutzt und „auch mal gegen einen Baum fahren kann“, wie er sagt.

Das Bike als Leuchtturmprojekt

Und der Fokus ist dabei tatsächlich auf den Kernmarkt „alle“ – jedes Superstrata schlüpft an die jeweiligen Körpermaße angepasst aus dem 3D-Drucker. Das Versprechen: ganz egal, wie geformt der Mensch ist, der 3D-Druck soll es möglich machen, dass sich das Fahrerlebnis maßgeschneidert anfühlt.

Nun ist Arevo nicht nur ein Bike-Hersteller, sondern vor allem ein Unternehmen, das ultraleichte Carbon-Produkte herstellt (Claim: „The weight is over“). Vu hat als eines seiner ersten Anordnungen als CEO darauf geachtet, als Leuchtturm ein Produkt zu schaffen, das Menschen emotional mitnimmt und der Technologie einen nahbaren Anwendungsfall gibt – etwas, was jeder versteht und idealerweise gerne nutzen will. Vu sagt: „Wir konnten nicht darauf warten, dass die Welt versteht, dass sie 3D-Drucker will, wir mussten den Bedarf anheizen.“

Dementsprechend soll auch das Pricing nicht für Kostendeckung sorgen. 2.799 Dollar wird die günstigste Version des Superstrata kosten. Das ist weniger als die meisten anderen Anbieter verlangen. Aber es handelt sich ja auch um einen Beweis, um beste Werbung für den 3D-Druck. Aber Marketing-Maßnahme hin oder her, der CEO will trotzdem einen Big Seller auf die Straße bringen.

Gespür für den Endverbraucher

Vu hat nachweislich ein Händchen für Consumer Products: Er hat vorher Misfit gegründet, einen Hersteller von Fitness-Trackern, der 2016 für 260 Mio. Dollar vom Uhrenhersteller Fossil übernommen wurde. Anschließend war er für Fossil für das Segment Connected Devices verantwortlich; seit 2018 investiert er stark in Deeptech-Startups – und jetzt pusht er eben sein Next-Generation-E-Bike voran. „Als ich ein Kind war, habe ich immer gedacht, wie toll es wäre, auch so ein teures Fahrrad zu haben“, sagt er. Jetzt hat er nicht nur selber (mindestens) eins, sondern auch genügend Backer, die ungeduldig auf die Auslieferung der ersten Modelle Ende des Jahres warten.

Kein Kleber, keine Nähte und fünf Mal härter als Titan. Quelle: Arevo

Vu sagt: „Unser Prozess bestand darin, dass wir einfach Sachen gedruckt und die dann immer wieder verworfen haben. Was sieht gut aus, was nicht?“ Vu sagt, dass Mockups für ihn nicht funktionieren, „man muss was in der Hand halten.“

Beim Design war bei Arevo unter anderem ein Ingenieur beteiligt, der Fahrräder entworfen hat, auf denen anschließend die Tour de France gewonnen wurde. Vu erinnert sich, dass er von einem Mitarbeiter zur Seite genommen und gefragt wurde, ob er wisse, wen er da eingestellt hat: „Ich wusste es nicht – erst später hat man mir gesagt, dass unser Ingenieur an drei Tour-Siegen mitgewirkt hat.“

Für den Außenstehenden wirkt Next-Level-3D-Druck immer noch wie die große Wunscherfüllungsmaschine. Daher natürlich die Frage, was Vu in seiner Rolle als Magier als nächstes für Produkte auf den Markt für Endverbraucher werfen wird. Der CEO schüttelt den Kopf, noch nicht sicher. Aber man druckt und druckt und druckt und schaut halt, was sinnvoll wäre.

Vu überlegte übrigens zuerst, anstatt eines E-Fahrrads einen Elektro-Scooter auf den Markt zu bringen. Doch der erwies sich als zu teuer, um einen ausreichend großen Kreis an Endverbrauchern anzusprechen – 5.000 Dollar pro Stück sind kein Betrag, auf den im großen Stil die Masse einsteigt. Aber vielleicht ja bald, wenn die Rohstoffe billiger werden. Und wer weiß, vielleicht nehmen Vu und Arevo dann doch das naheliegende Good-Guy-Storytelling mit: nämlich ein bedeutender Teil der Verkehrsrevolution zu sein.


Alexander Langer

Alexander ist Redaktionsleiter bei Business Punk, außerdem Autor und Host der Podcasts "How To Fix It" und "Kampf der Unternehmen"

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