Ein US-Navy-Admiral hat uns erzählt, welche essentiellen Eigenschaften durch Krisen helfen

Der Vier-Sterne-Admiral im Ruhestand wurde 2016 unter einer Präsidentin Hillary Clinton als mögliche Nummer zwei der USA gehandelt. Während der Coronakrise gehörte er beratend dem Regierungsstab für Katastrophensituationen an. Die vergangenen Jahre verbrachte Stavridis mit einer Sache, die ihn Zeit seines Lebens begleitet: dem Schreiben und dem Lehren. Wir haben mit ihm über sein neues Buch „Segeln gen Nord“ und die daraus abzuleitenden Führungsprinzipien gesprochen.

Herr Stavridis, erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Kontakt mit dem Meer?

In der US-Marineakademie. Ich bin in einer Militärfamilie groß geworden, aber alle waren Infanterieoffiziere. Ich ging in die Akademie nach Annapolis und kam auf ein Schiff. Wir fuhren von San Diego aus in den Pazifik, segelten in die untergehende Sonne. Ich ging auf die Brücke, und ich fühlte mich wie Paulus auf dem Weg nach Damaskus. Ich war damals 17 Jahre alt und wusste mit einem Mal, dass ich Seemann werden wollte.

Das hat Sie so sehr beeindruckt?

Es ist so ein wunderbarer offener Raum, voller Licht und Wasser. Da wird einem bewusst, dass wir alle auf dieser Welt nur auf der Durchreise sind. Wo das Meer und der Himmel zusammentreffen, erkennt man die Ewigkeit. Das war ein enormer Moment für mich.

Sie schreiben in Ihrem neuen Buch „Segeln gen Nord“, dass diese Eindrücke für Demut sorgen. Wie schafft man das auch ohne Meer?

Es reicht schon eine belebte Straße – es geht darum zu erkennen, dass unser Dasein Grenzen hat. Zeitlich, aber auch in dem, was wir erreichen können. Dass andere vor einem gekommen sind und andere einem nachfolgen. Das wird einem bewusst, wenn man auf den Ozean schaut, aber ich bekomme das auch, wenn ich auf das Brandenburger Tor schaue. Man bekommt eine bestimmte Perspektive.

Und diese Perspektive ist das, was für Führungskräfte essenziell ist?

Ja, die führt zu Bescheidenheit. Und die wiederum führt zu Empathie. Und die ist eine Eigenschaft, die den meisten Admirälen in meinem Buch gemein ist.

Stavridis fühlt sich besonders wohl in der Rolle desjenigen, der Wissen weitergeben kann (Foto: Martin Greeson)

Sie trennen zwischen Führungsvermögen und Charakter. Welche ist die größere Triebfeder?

Ich hoffe sehr, dass der Charakter in jedem Menschen der Antrieb ist. Der Charakter entwickelt sich im Laufe des Lebens. Durch Eltern, die Ausbildung, gute Lehrer*innen. Dazu kommen dann drittens Lebenserfahrungen, die den Charakter formen. Letztlich: Selbst nach abgeschlossener Ausbildung hat man die Möglichkeit, zu lesen und sich mit großen Ideen zu beschäftigen. Das ist ein wichtiger Teil. Es ist eine lebenslange Reise, Führungsvermögen ist nur ein Teil davon.

Der aber in Ihrem Buch der zentrale Teil ist.

Führungsqualitäten sind wichtig, die sind die große Tür, die aufschwingt und andere einlädt – aber sie hängt an sehr kleinen Scharnieren. Diese Scharniere lassen die Tür aufschwingen. Und bei denen handelt es sich um den Charakter. Der beinhaltet Sinn für Ausgewogenheit, ein Sinn für Humor, Aufrichtigkeit und Fairness – das ist sehr viel mehr, als nur in der Lage zu sein, andere zu führen.

„Wir sind als Gemeinschaft miteinander im Gespräch“

Wann haben Sie für sich erkannt, dass Sie Ihre Erfahrungen weitergeben wollen, sei es als Autor, Redner oder auch in der Politik?

Mit 16 Jahren interessierte ich mich in der Highschool für Journalismus. Ich begann, wöchentlich Artikel in unserer Zeitung zu schreiben, und wurde dann Chefredakteur. In der Marineakademie gab es eine Monatszeitschrift, bei der ich dann ebenfalls Chefredakteur wurde. Und ich liebe es, Ideen mit anderen zu teilen. Ich denke, dass wir als Gemeinschaft miteinander im Gespräch sind, und jeder von uns hat eine Stimme und kann beitragen. Es müssen nicht unbedingt die klügsten Ideen sein, aber gemeinsam sind wir doch schlauer als jeder für sich allein.

Ist das eine Erkenntnis, die Sie in Ihrer Zeit als Uni-Dekan gewonnen haben?

Auch. Als ich meine lange Karriere in der US-Marine beendete, wurde ich Dekan der Fletcher School of Law and Diplomacy an der Tufts-Universität. Ich durfte dort eine großartige Fakultät und wunderbare Doktoranden leiten. Das ist ein wichtiger Teil meines Lebens.


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