Life & Style Ist das eRockit wirklich das schnelleste Fahrrad der Welt?

Ist das eRockit wirklich das schnelleste Fahrrad der Welt?

Erst zur Frage, warum man ein Motorrad mit Pedalen braucht: „Das Ganze ist so leicht wie Fahrradfahren“, sagt Zurwehme – und eben so schnell wie ein Motorrad. Das eRockit sei also ein Fahrzeug, dessen Handling jeder, der schon einmal auf einem normalen Fahrrad saß, bereits kennt. Die Zielgruppe, die die drei Gründer erreichen wollen, ist auf den ersten Blick unerschöpflich. Vor allem aber: „Wir glauben fest an individuelle Mobilität“, sagt Haupt.

Indien: 900 Millionen Zweiräder

Und sie glauben daran, dass der Verbrenner ausgedient hat, dass er ausgedient haben muss. Und dass es eigentlich nur noch eine Frage der Zeit ist, bis die Elektrizität sich in ganz großem Stil durchsetzen wird. Klar, die Apostel der elektrischen Mobilität prophezeien das Ende des fossilen Zeitalters gefühlt seit Äonen. Aber etwas hat sich verändert. Etwas Entscheidendes: ein funktionierender Markt, eine rege Nachfrage.

Zurwehme sagt: „Schon 2014 haben die Menschen von E-Mobility geredet. Aber nur weil jemand E-Mobility schreit, heißt das noch nicht, dass auch ein Markt da ist.“ Jetzt ist er eben da. Ein Event zeigt das: Der Besuch der indischen Botschafterin, die in ihrem Land einen Usecase für Geräte wie das eRockit sieht.

In Indien gibt es 900 Millionen Zweiräder mit Verbrennern. Man kann sich vorstellen, was die in den Städten verursachen. Kein Wunder also, dass Indien das weltweit größte Förderprogramm für elektrische Mobilität ausgerufen hat. Und bei der Menge an Menschen, die in Indien am Verkehr teilnehmen, ist es auch kein Wunder, dass die dortigen Hersteller*innen mit der Produktion kaum hinterherkommen. Zudem habe Corona den Menschen gezeigt, wie Städte ohne Abgase aussehen, riechen und sich anfühlen können.

Das internationale Potenzial ihrer Idee ist für die Gründer*innen jedenfalls vorhanden: „Mit dem eRockit kommt man durch jede City“, sagt Zurwehme. Ob Moskau, L.A. oder Peking. Wer aber im Dunstkreis Berlins produziert, hat meist zuerst mal den hiesigen Markt im Blick. Etwa 11 000 Gemeinden gibt es in Deutschland. Und wirklich weit entfernt sind die meisten nicht voneinander.

„Wenn die Freundin zwölf Kilometer entfernt wohnt, der Sportverein 20 Kilometer weit weg ist und die Schwiegermutter noch mal zehn Kilometer weit weg wohnt, sind das alles Distanzen, die man mit dem eRockit machen kann“, sagt Zurwehme – emissionsfrei, versteht sich. Mit einem Schmankerl obendrauf: Man hält sich fit. Denn man bewegt sich dabei wie auf einem Fahrrad.

Bisher haben die Pedale noch keinen Widerstand, denn sie treiben das Gefährt ja nicht direkt an, sondern triggern nur den Motor, der dann für den Schub sorgt. Aber in Zukunft soll die Kraft, die man braucht, einstellbar sein. Was das eRockit von anderen Elektrogefährten abhebt, ist, dass es schneller ist als die meisten. „Mit einem Roller, der auf 45 km/h beschränkt ist, bin ich auf vielen Straßen ein Verkehrshindernis“, sagt Bruch.

Ihr Gerät aber sei auch für die Stadtautobahn tauglich. Man kann sich gut vorstellen, wie es dem einen oder anderen bei der Vorstellung, sich mit den Fiat Puntos dieser Welt die rechte Spur zu teilen, in der Wade zuckt. Und noch etwas kommt dem Gerät zugute: die Auffälligkeit: „Wer unsere Bikes in der Stadt sieht, bleibt stehen und guckt“, sagt Zurwehme. Der Reiz des Neuen, Ungesehenen fasziniert die Menschen.

Herausforderung Zulassung

Man darf bei all der Euphorie, die da mitschwingt, nicht vergessen, dass das eRockit trotz der Pedale dann doch kein Fahrrad ist. 120 Kilo, die mit 90 Stundenkilometern bewegt werden, sind eine Wucht. „Da reicht kein Rahmen, den ich mir zu tausend Stück in Thailand bauen lasse“, sagt Zurwehme.

Alles am eRockit hat die Dimensionen eines klassischen Motorrads. Nicht nur Rahmen, auch die Federung, die Bremsen, das Licht. Der Grund dafür ist auch, dass es alles andere als ein Spaß ist, ein Gefährt dieser Klasse überhaupt für die Straße zugelassen zu bekommen. Wer hier Fehler macht, der gefährdet Menschenleben.

Und eine Straßenzulassung für Fahrzeuge vom Bundeskraftfahrtamt und der Dekra zu erhalten ist ein echter Akt. Die beiden kennen keine Toleranz. Misst ein Prüfer an der verbauten Batterie auch nur ein bisschen zu viel elektromagnetische Strahlung, ist die Zulassung futsch, und es muss nachgebessert werden.

„Ein Fehler, und du fängst wieder von vorne an“, sagt Zurwehme – und die Tests sind teuer. Das ist auch der Grund, warum die Gründer darauf verzichtet haben, fremdes Kapital einzusetzen. „Wir wollten zuerst ein fertiges Produkt haben“, sagt Bruch. Eine Falle, in die viele vor ihnen schon getappt seien, die massiv Geld eingesammelt hatten und dann daran gescheitert sind, ein straßentaugliches Fahrzeug zu präsentieren.

Da die drei aus Hennigsdorf diese Hürde aber bereits genommen haben, stehen sie jetzt vor der nächsten Herausforderung: die bestellten Fahrzeuge auch zu produzieren und zu liefern. „Corona hat uns da etwas zurückgeworfen. Aber meckern gilt nicht“, sagt Zurwehme. Ab jetzt wird produziert. Stück für Stück. „Wir hoffen natürlich, dass wir nicht die Einzigen sind, die an einer solchen Idee arbeiten“, sagt Haupt. Ihr Ziel ist es, dass sie einen Teil der Mobilitätswende mitgestalten.

Dabei haben sie das Teil selber, wie gesagt, noch nicht einmal erfunden. Eigentlich kommt das eRockit aus der Berliner Fahrrad-Punk-Szene in Friedrichshain. Die war damals angetreten, das schnellste Rad der Welt zu bauen. Was fehlte, waren das technische Know-how und die Ausdauer, es wirklich auf die Straße zu bringen.

„Das eRockit hatte 150 Bugs, und wir haben es am Ende an 180 Punkten verändert“, sagt Bruch, doch die Idee war da. Und das Know-how haben sie sich an Bord geholt. Der CTO von eRockit war vorher bei einem großen Motorradhersteller. Ein absoluter Profi also, über den Zurwehme sagt: „Klar war: er oder keiner.“ Um die Idee am Ende umzusetzen, hat es vielleicht nur jemanden gebraucht, der nicht mit der berüchtigten Berlin-Mitte-Attitüde rangeht, sondern ganz erdig und geduldig das Hennigsdorf-Game spielt: „Wir wissen, wie man Geld verdient“, sagt Bruch. „Wir bauen ja kein Unternehmen auf wie mit Anfang 20.“ Mag sein, aber sein Produkt dürfte in dieser Altersstufe ohne Ende Faszination schüren.

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