Leadership & Karriere Lego Serious Play – was taugt die Kreativitätstechnik?

Lego Serious Play – was taugt die Kreativitätstechnik?

„Baut jetzt bitte einen Turm, auf dem oben ein Männchen steht. Dafür habt ihr zwei Minuten Zeit. Ab – jetzt!“, startet Dariz die erste Warm-up-Übung, in der es darum geht, sich mit den Lego-Steinen vertraut zu machen. Die Teilnehmenden stecken die ersten Steine aufeinander. Für einen von ihnen ist es wirklich das erste Mal, er hat als Kind nie mit Lego gespielt. Im Hintergrund läuft Elvis Presley, „A little less conversation, a little more action.“

Bei der anschließenden Betrachtung der Bauwerke fällt auf, dass alle Türme andere Ziele verfolgen: Einer ist kompakt und stabil, einer minimalistisch, ein weiterer fahrbar, einer repräsentativ, und der letzte Turm ist besonders hoch. „Irgendwie lande ich immer bei einem Fahrzeug, auch wenn ich mit meinem Neffen spiele“, sagt der Konstrukteur des fahrbaren Turms. Ein anderer bemerkt, dass er sich selbst Grenzen auferlegt habe, da er auf Symmetrie geachtet habe und darauf, dass die Farben zusammenpassen. „Insgeheim hätte ich nach einem anderen Teil gegriffen. Irgendwie ist man dann doch seinen Zwängen unterlegen“, sagt er.

Metaphorisches Bauen

In Aufgabe zwei geht es darum, das Konzept des metaphorischen Bauens zu erläutern, ein Kernkonzept von Lego Serious Play. Dazu sollen die Berater*innen die eingangs beschriebene Aufgabe erfüllen: in fünf Minuten eine Schildkröte bauen, diesmal nach Anleitung. Danach gilt es, dieser Schildkröte Metaphern zuzuschreiben. Die Teilnehmer*innen nennen Begriffe wie Weisheit, Langsamkeit, Beständigkeit, Schutz und Alter. Diese Übung solle den Teilnehmenden verdeutlichen, dass es bei Lego Serious Play nicht so sehr darum gehe, was gebaut wird und wie es aussieht. Sondern darum, was es für sie bedeutet. Dariz erklärt, dass diese Metaphern die Methode auch zu einem Kommunikationswerkzeug machen, zu einer eigenen Sprache, die selbst kul­tur­über­grei­fend funktioniert.

Dann steht Prototyping auf dem Plan. Die Teilnehmer*innen sollen die Frage „Was macht für mich unser Unternehmen aus?“ mit Lego-Steinen beantworten.

„Denkt mit den Händen!“, fordert Dariz das Team auf und startet zusammen mit der Stoppuhr einen neuen Motivationssong: „Happy“ von Pharrell Williams.

Zugucken ist nicht erlaubt

„Es braucht Struktur“, erklärt Renner. Nur mit einem Haufen Steine loszulegen würde nicht funktionieren, das sei zu frei, zu groß für die meisten Fragestellungen. Daher gibt es bei Lego Serious Play auch klare Spielregeln:

  1. Jede*r Teilnehmende muss unmittelbar von dem Problem betroffen sein. Zugucken ist nicht erlaubt.
  2. Jede*r am Tisch hat eine gleichwertige Stimme, unabhängig von der Hierarchie. Jobtitel werden an der Meetingraumtür abgelegt. Hier zeigt sich, wie demokratisch Lego Serious Play sei.
  3. Es muss einen neutralen „Facilitator“ geben, eine*n Schiedsrichter*in sozusagen. Diese*r sei für die Moderation und das Setzen eines Rahmens entscheidend. Sprich: Aufgaben stellen und die Zeit im Auge behalten. Was innerhalb dieses Rahmens passiert, sei frei: Es gäbe kein Richtig oder Falsch, die Fantasie darf grenzenlos sein.

Wie viele dieser Facilitators es inzwischen gibt, könne „kein Mensch sagen“, so Renner. Ähnlich wie bei Scrum gäbe es kein allgemeingültiges Qualitätssiegel. Lego hat 2010 die grundlegenden Prinzipien von LSP unter einer Creative-Commons-Lizenz öffentlich nutzbar gemacht. „Ich bin überzeugt von der Originalversion“, sagt Renner. Er hat seine Ausbildung 2016 bei der von Robert Rasmussen gegründeten Association of Master Trainers absolviert – der frühere Lego-Mitarbeiter Rasmussen zählt zu den ersten Serious-Play-Trainern und hat mit „Building a Better Business Using the Lego Serious Play Method“ das Standardwerk zum Thema geschrieben.

In Berlin-Adlershof stehen inzwischen fünf neue Lego-Bauwerke auf dem Tisch. Reihum zeigen und erklären die Teilnehmer*innen, welche Steine und Teile sie zur Darstellung ihres Unternehmens verwendet haben: Es gibt drehbare Elemente und verschiedene Arme, die die Vielseitigkeit der Projekte und die Flexibilität der Berater*innenteams symbolisieren. Ein Fackelträger steht dafür, dass Dinge eigenverantwortlich in die Hand genommen werden. Man sieht Home-Bases mit Flaggen, breite Podeste als Repräsentation der Wissensbasis im Unternehmen und Brücken zu einem zweiten Büro in einer anderen Location.

Und es gibt offene Fragen: „Seht ihr unser Unternehmen wirklich so, oder habt ihr das Unternehmen gebaut, das ihr gerne hättet?“, möchte ein Berater von seinen Kolleg*innen wissen. Anhand der bunten Lego-Bauten werden die unterschiedlichen Perspektiven sichtbar. „Inspiriert vom Wissen anderer, bauen wir selbst Wissen auf. Es geht darum, alle Ideen, Meinungen und Ansichten von allen Teilnehmenden aus dem Kopf und auf den Tisch zu bekommen“, so Renner.

Illustration: Sina Müller

In diesem Prozess gibt es verschiedene Baustufen, die aufeinander aufbauen und zunehmend komplexer werden: Auf individuelle Modelle, die persönliche Gedanken und Gefühle ausdrücken, bauen gemeinsame Modelle auf, die als Gruppe konstruiert werden und ein kollektives Verständnis der jeweiligen Fragestellung entwickeln sollen. Ihr Ziel ist es, den Status quo in ein Lego-Modell zu übersetzen.

Darauf folgen sogenannte Systemmodelle, die die Simulation von verschiedenen Zukunftsszenarien möglich machen. Man betrachtet dabei Ist- und Soll-Zustand, kann Verbindungen lösen oder schaffen, Prozesse verändern und Optionen „durchspielen“. So eigne sich Lego Serious Play auch für größere Strategiemodelle und Chancen-Risiken-Bewertungen, sagt Kathrin Dariz. Bevor es zum gemeinsamen Modell geht, sollen die Berater*innen noch drei Einzelaufgaben lösen – natürlich mit Lego-Steinen: Was machen wir zukünftig anders? Was zeichnet unsere interne Zusammenarbeit aus? Und: Was ist mein persönlicher Beitrag dabei?

„Ich bin die Eule oben auf der Sat-Schüssel“, erklärt einer der Teilnehmer seine Rolle im Unternehmen. Dies stünde dafür, dass er sich zunächst einen Überblick über die Zusammenhänge verschaffe, um dann da „hinzufliegen“, wo seine Expertise am besten passe. Elemente wiederholen sich. Einige der Berater*innen haben Schatzkisten verwendet, um das Wissen im Unternehmen darzustellen. Ein Teilnehmer hat eine große Mauer aus weißen und blauen Lego-Steinen gebaut. Er erklärt, dass das ein Bildschirm sei, der für die neue Arbeitswelt stehe, für eine digitalisiertere Art der Zusammenarbeit. Seine Kollegin hat die zunehmende Vernetzung offensichtlicher dargestellt: mit einem Netz. „Es ist wichtig, dass ihr zuhört, was eure Kolleg*innen erzählen“, erinnert Dariz die Gruppe zwischendurch. Aber nicht nur das Hören und Lernen ist wichtig. Sondern auch das Bauen und Anfassen.

Über Hand und Hirn

„Die Hand-Hirn-Verbindung ist stark“, erklärt auch Renner die Psychologie hinter Lego Serious Play. Unsere Hände sind mit einem Großteil unserer Gehirnzellen verbunden. Denkprozesse, die in Verbindung mit physischen Aktivitäten stehen, führen – Studien zufolge – zu einem tieferen und länger anhaltenden Verständnis der Umgebung und ihrer Möglichkeiten. Komplexe Fragestellungen werden durch das metaphorische Bauen „begreifbar“, wodurch Inspiration und Vorstellungskraft gefördert werden.

Renner sagt: „Wenn ich nicht weiterweiß, baue ich manchmal alleine vor mich hin, bis ich auf einmal die Antwort in der Hand halte, ohne zu wissen, wie das gekommen ist.“ Darüber hinaus helfe Renner zufolge das Bauen mit Lego-Steinen dabei, auf solches Wissen zuzugreifen, von dem man gar nicht wisse, dass man es hat. „Tacit knowledge“ lautet der englische Fachbegriff dafür und bezeichnet ein Können, das wir nicht konkret in Worte fassen können.

Nach der Mittagspause räumen die Unternehmensberater*innen in Adlershof die Stühle und Kaffeetassen zur Seite, eine große, graue Lego-Grundplatte wird in die Tischmitte gelegt. Nun geht es darum, in 15 Minuten die zuletzt gebauten Einzelmodelle auf einen Nenner zu bringen, um ein gemeinsames Modell der Unternehmensvision für 2022 zu bauen, mit dem alle gut leben könnten. „Wir machen jetzt Visionsarbeit! Dafür ist der Konsens aller Teilnehmenden wichtig“, sagt Dariz.

Die Gruppe legt los: Die Zahnräder einer Kollegin sind direkt gekauft, als Symbol für eine reibungslose Zusammenarbeit mit dem Kunden. Genauso das Netzwerk, das sich in den Einzelmodellen wiederholt hatte. Auch der „Screen“ kommt als Sinnbild für die neue Arbeitswelt auf die Platte, zusammen mit der Wissens-Schatztruhe. Die Dialoge werden skurril: „Ich fand diese komischen Lampen hier gut“, sagt einer. „Das sind Potenziale!“, antwortet eine andere. Es wird etwas lauter. Die Zeit rennt.

Seite 2 / 3
Nächste Seite

Das könnte dich auch interessieren

Post von Czaja: Worauf es bei Bewerbungen ankommt Leadership & Karriere
Post von Czaja: Worauf es bei Bewerbungen ankommt
Zeitmanagement-Profi rät: „Beschäftigt euch nicht, sondern seid produktiv“ Leadership & Karriere
Zeitmanagement-Profi rät: „Beschäftigt euch nicht, sondern seid produktiv“
Aktion: Wir machen dich LinkedIn-fit
Anzeige
Aktion: Wir machen dich LinkedIn-fit