Innovation & Future Glück Auf, der Steiger kommt! Und Bochum erst recht!

Glück Auf, der Steiger kommt! Und Bochum erst recht!

Ob man in Berlin von Ost nach West fährt oder im Ruhrgebiet von einer Stadt in die nächste, sei ja auch egal. Das mag zuerst natürlich trivial klingen, aber beim War for Talents macht es einen entscheidenden Unterschied: Wer Hannover, Stuttgart, Nürnberg oder Dresden nicht mag, kann sich nicht einfach eine dezent andere Stadt in Pendelentfernung aussuchen. Somit profitieren Unternehmen, die auf dem Arbeitsmarkt auf einmal globalen Prozessen ausgesetzt sind, einfach davon, dass im Ruhrgebiet sehr viele Menschen leben.

Brutalistisch: Architektur der Bochumer Uni. Foto: Jana Sabeth

Die Unternehmen und die Region selbst sind also schon lange Teil eines großen Prozesses, in dem es heißt, sich als Player etablieren zu müssen. Schütt beobachtet etwa, dass es in einigen Berufsgruppen immer noch schwer ist, Talente zu finden. „Data-Scientists findet man eher in Berlin“, sagt er. Wie schafft man es als Standort, sich da zu verbessern, wenn es so starke Konkurrenz gibt? Talent zieht weiteres Talent an, Unternehmen ziehen weitere Unternehmen an. Nur geht das nicht innerhalb von ein paar Jahren, Dinge brauchen Zeit: „Das Silicon Valley ist auch nicht über Nacht entstanden, sondern über 60 Jahre“, sagt Schütt. Und Bochum sei in seinen Vorzeigebranchen inzwischen ein Standort mit Valley-Potenzial. Nicht nur in Deutschland haben die Bochumer einen Ruf, sondern in ganz Europa. Das Ganze könnte also wirken wie ein Schwungrad: Wenn man es einmal ordentlich anschiebt, dreht es sich immer schneller. So jedenfalls die Hoffnung der Bochumer.

Wenn Bürgermeister Eiskirch davon spricht, dass er das, was es in der Stadt jetzt schon gibt, nicht mehr verstecken will, dann meint er damit auch, dass er zeigen will, welche Branchen hier schon groß geworden sind. So groß, dass sie längst mehr als nur das Potenzial mitbringen, Kohle und Stahl zu beerben. Sie könnten der Stadt langfristig ein neues Gesicht geben: Cybersecurity ist so ein Feld, und Medizintechnik ist inzwischen eines der größten Reservoirs für Arbeitsplätze geworden. Um die Hochschulen und Universitäten hat sich ein Wissenschaftsnetzwerk entwickelt, das jedes Jahr neue Leute auf den Markt bringt, das eng mit der Wirtschaft verwebt ist. Vielleicht baut einer davon das ersehnte Unicorn, von dem in der Region alle träumen? Das Opel-Gelände ist einer dieser Orte, an dem das Ganze jeden Tag passiert. Aber die Stadt investiert auch in ihr Zentrum. Gegenüber dem Rathaus entsteht etwa gerade ein Haus des Wissens. Die alte Postzentrale soll zu einem Begegnungszentrum zwischen den Menschen der Stadt und der Wissenschaft werden.

Heike Kehlbeck ist die Vizepräsidentin für Hochschulentwicklung an der Technischen Hochschule Georg Agricola, kurz: THGA, einer 1816 ursprünglich als Bergschule zur Ausbildung von Steigern und mittleren Grubenbeamten gegründeten Hochschule. Seit es in Bochum keinen Bergbau mehr gibt, ist für die Stadt die Ausbildung von Bergleuten irrelevant geworden. Aber die THGA zeigt, wie man sich aus dieser Falle befreien kann. „Wir versuchen heute hier, an den Standort angepasste Gründungen zu forcieren“, sagt Kehlbeck. Seit dem vergangenen Jahr gibt es die Initiative StartING@THGA. „Uns war lange gar nicht bewusst, dass unsere Studierenden so viele Ideen haben“, sagt Kehlbeck. „Aber wenn man sie fragt, dann sprudelt es richtig.“ In der Initiative geht es darum, diese Ideen zu kanalisieren und zu strukturieren. Denn die beste Idee bleibt am Ende nur eine Idee, wenn sie niemand umsetzt. Und dafür gibt es an der Georg Agricola nun eben Hilfe. „Welche Schritte sind wichtig? Kann man ein Stufenmodell entwickeln? Welche Kontakte brauchen die Leute?“

Echte Arbeitermentalität

Die meisten Absolventen sind Ingenieure. Die haben es auf dem Arbeitsmarkt oft leichter als andere – es ist schwer, diesen Talentpool zum Gründen zu motivieren. „Unsere Studierenden haben gute Jobs“, sagt Kehlbeck. Und wer gute Arbeit habe, habe eben weniger Motivation, sich selbstständig zu machen. Auch wenn die THGA ihre Starthilfe für Gründer erst seit dem Jahr 2020 auf der Spur hat, sagt Kehlbeck, dass sich die Initiative bereits in ein tragfähiges Netzwerk anderer Projekte einfügt. „Die Region braucht gute Initiativen“, sagt Kehlbeck. Denn wie Eiskirch sagt auch sie, dass vieles in Bochum sich immer noch versteckt. „Ich habe in Berlin und in Hamburg gelebt. Und ich kann aus Erfahrung sagen, dass Bochum anders ist als diese Orte“, sagt Kehlbeck. Das liege daran, dass der Bochumer an sich das Herz eben nicht auf der Zunge liegen habe und dass, auch wenn der Bergbau lange verschwunden ist, die zurückhaltende Arbeitermentalität trotzdem noch da sei. „Als ich hierhergekommen bin, dachte ich ja auch, dass Bochum eine Arbeiterstadt ist“, sagt sie.

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