Life & Style Flavia Fernandes prüft als Subjektivfahrerin Autoreifen

Flavia Fernandes prüft als Subjektivfahrerin Autoreifen

Spurwechsel, Slide, Vollbremsung: Flavia Fernandes spürt als Subjektivfahrerin das Auto als Erweiterung ihres Körpers. Wie lernt man das? Wir gehen mit ihr gemeinsam auf die Teststrecke.

Nebel zieht über die Hügel der Eifel, leichter Nieselregen, echter Herbst. Die ganze Region sieht verwaschen aus, wie eine Werbung für Tee und Daheimbleiben. Auf dem alten Flugplatzgelände in Mendig ist das Einzige, was sich bewegt, die Windhose, die schlaff in der Luft hängt. Nur eine Sache stört dann doch diese Eifel-Idylle: ein weißer Porsche Cayman, der mit hoher Drehzahl über Start- und Landebahn sägt. Auf den Geraden ausbricht, in den Kurven beschleunigt.

Hinter dem Lenkrad sitzt Flavia Fernandes aus der brasilianischen Megacity São Paulo. Seit fast 15 Jahren zu Hause in der Reifenindustrie. Und die Strecke ist ihr Arbeitsplatz – zumindest einer davon. Als Subjektivfahrerin ist Fernandes eine der wenigen Ultra-Expert:innen, die tatsächlich jede haarfeine Rille am Boden wahrnehmen. Die als Fahrer:in ihren Körper derart trainiert haben, dass sie das Auto als Erweiterung ihres Körpers wahrnehmen. Und die auf diese Weise mitbestimmen, welche Reifen an welches Fahrzeug kommen.

Nerds am Lenkrad

Also Reifen. Was weiß man darüber? Viel zu wenig, wie Fernandes findet. Reifen sind die Grundlage für jedes Fahrzeug. Bestimmen Fahrverhalten, Geräuschkulisse, Bremsweg. Außerdem sind Reifen die fast einzigen am Fahrzeug verbauten Teile, auf denen der Herstellername klar sichtbar ist, wo eine ganz klare Identität herrscht.

Kurz: Fernandes’ tägliche Aufgabe besteht darin, von früh bis spät ihre Zeit auf Testrecken überall auf der Welt zu verbringen. Dabei untersucht sie verschiedene Sätze Reifen, oft sechs oder sieben Sets am Tag – ihr Gefühl ist entscheidend, nicht die Datenblätter, die zuvor von Objektivtester:innen angefertigt wurden. Stimmt das auch alles? Fernandes ist die Instanz, die gegencheckt: Läuft der Reifen ruhig? Wie verhält er sich in engen Kurven bei hoher Geschwindigkeit? Was ist mit spontanen Spurwechseln? Wie fühlt sich das alles an?

Fotos: Neven Allgeier

Gemeinsam mit ihren Kund:innen etwa von BMW, Audi oder Mercedes-Benz absolviert sie als fest angestellte Reifentesterin beim Hersteller Hankook Tests, füllt anschließend Protokolle aus. Und sie geht mit dem Kunden auf dem Beifahrersitz ins Gespräch: Haben beide den Widerstand gespürt? Was war das für ein Geräusch in der Kurve? Die Frage ist dabei auch jedes Mal: Was soll ein Reifen an dem jeweiligen Fahrzeug leisten? „Es geht darum, so etwas wie den perfekten Schuh für den Fuß zu finden“, sagt Fernandes. Ein guter Tag ist für sie, wenn sie einen neuen Reifen kennenlernt, der ein tolles Nass-Handling hat.

„Es geht darum, so etwas wie den perfekten Schuh für den Fuß zu finden“

Spannend ist die Aufgabe ja schon. Denn es gilt, Kompromisse zu finden. So hat ein Reifen, der den besten Rollwiderstand aufweist, nicht auch gleich den besten Grip. Die beste Beschleunigung bedeutet nicht das beste Bremsverhalten bei Nässe oder die beste Geräuschentwicklung oder Haltbarkeit. Das alles ist oft widersprüchlich, man kämpft gegen unterschiedliche Vektoren.

Dabei entscheidend: Was wollen die Kund:innen? „Wir suchen dasselbe Gefühl“, sagt Fernandes, „wir haben eine eigene Sprache miteinander entwickelt.“ Bei BMW darf es sich beispielsweise gerne etwas sportlicher anfühlen, bei Mercedes eher komfortabler. Fernandes’ Feedback als mit letzte Instanz vor der Serienbereifung – sie muss driften, damit wir rollen dürfen.

Eine Welt mit unbekannten Superstars

Aber was sind das für Menschen, die sich ausgerechnet für Reifen interessieren? Im ersten Schritt wird einem bewusst, dass es nicht gerade eine große Crowd ist, die als Subjektivfahrer:innen den Lebensunterhalt verdient, eine Handvoll vielleicht. „Man braucht auch nicht wirklich viele“, sagt Fernandes. Es ist auch eine Welt mit unbekannten Superstars.

So bekommt man im Gespräch etwa mit, dass es in der Branche einen Finnen geben soll, eine lebende Legende. Einer, der nur auf Schnee testet, der mit dem Hintern feiner fühlt als andere Menschen mit der Lippe. Es ist aber auch eine Branche, die äußerst wenige Protagonistinnen hat. Fernandes ist eine von nur sehr wenigen Frauen – gelten die Vorstände in der Automobilbranche schon als rar mit weiblichem Führungspersonal besetzt, ist es auf der Teststrecke mindestens ebenso dürftig.

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