Life & Style Warum die G-Klasse bis 2024 ausverkauft ist

Warum die G-Klasse bis 2024 ausverkauft ist

Ein Gespenst geht um in Europa. Das Gespenst des Hedonismus. Inmitten der großen öffentlichkeitswirksamen Verzichts- und Büßerbewegungen gibt man sich wieder gerne den schönen Dingen hin.

Aber nicht nur auf dem alten, depressiven und bürokratieverliebten Kontinent geht das Gespenst um. Ein Blick in andere Weltregionen zeigt, dass es sich noch viel größerer Lebendigkeit erfreut: Es wird wieder fröhlich geprasst, geprotzt und hergezeigt, als wären die Neunziger nie zu Ende gegangen. Zwei Jahre Pandemie und Dauerausnahmezustand haben Kraft gekostet. Zeit, so wohl der Gedanke, sich dementsprechend kräftig zu belohnen.

Das spürt die Luxusgüterindustrie mit Wohlbehagen: Von einer „V-Shaped Recovery“ im Jahr 2021 ist in einer Studie von Bain & Company für den Sektor die Rede. Ein Prozent Wachstum gegenüber dem letzten Vorpandemiejahr 2019, bis 2025 wird mit einem jährlichen Wachstum von sechs bis acht Prozent gerechnet. Gerade sehr junge Kunden sind die Treiber hinter dem erstarkten Haben-Wollen: 70 Prozent der Käuferschaft von Luxusgütern gehören zur Gen Z und zur Altersgruppe der Millennials. Und allein diese Tatsache erscheint im Jahr 2022 mächtig verstörend.

Denn hat man nicht in den letzten Jahren immer wieder gehört, dass gerade diese Menschen völlig andere Sachen fordern, völlig davon abweichende Ansprüche stellen? Unternehmen überbieten sich bei der Außenkommunikation darin, das Lob der Genügsamkeit zu feiern. Es soll die Peinlichkeit übertüncht werden, dass man, na ja, leider nun mal eine irgendwie profitorientierte Körperschaft ist – und nicht ausschließlich der große Motor eines wunderbar selbstlosen Change for Good.

Sieht man nun die Ergebnisse von Befragungen sowie Umsatzanalysen, muss man sich amüsiert eine Reihe Fragen stellen: Kann es sein, dass die ganzen schönen Selbstlosigkeits-Kampagnen und Corporate-Achtsamkeitsübungen völlig ins Leere laufen? Und man sich eigentlich andauernd bloß artig gegenseitig gratuliert? Dass große Teile der Wirtschaft derzeit einen Erziehungsauftrag verfolgen, der von der Käuferschaft höchstens achselzuckend registriert wird? Dass Menschen in diesem neuen Jahrzehnt – wie bereits vor 100 Jahren – eine neue Vergnügungssucht entwickeln, genießen und auf Teufel komm raus erleben wollen, was noch zu erleben ist? „Lieber tot als langweilig“ steht seit ein paar Wochen von irgendwem an eine Berliner Häuserwand gesprüht.

Eigentlich passt diese Bewegung. Denn bei der Bundestagswahl Ende 2021 wurden viele überrascht: Der Nachwuchs will zu großen Teilen raus und erleben, setzt auf die Währungen Verwirklichung und Eigenverantwortung. Junge Menschen sagten vor laufender Kamera, dass sie beim London-Aufenthalt selbstverständlich zu Harrods gehen.

Wir bekommen es bei Business Punk in der Wirtschaftsblase mit: Die Privatschulen und Privatunis, wo die Welt der Wirtschaft von morgen gedacht und geprägt wird, bauen auf eigene Memes und Inside-Jokes und Influencer. Und die setzen auf tatsächlich alte Konzepte vom guten Leben. „Unfuck the Economy“ galt lange Zeit als irgendwie progressive Lösung, wenigstens als lauter Claim. An seine Stelle ist „Aus dem Weg, Geringverdiener!“ getreten.

Sicher: Einerseits wandelt sich die Definition von Luxus, irgendwann wird Nachhaltigkeit in Blingbling eingebacken sein. Doch Stand jetzt orientiert man sich weiter oben offenbar am Alten. Andererseits kann es durchaus passieren, dass es einer neue Wirtschaft gelingt, die Käuferschaft zu erziehen. Wenn man sich anhört und ansieht, mit welch heiligem Ernst und Willen zum Change in den letzten Jahren eine junge Gründergeneration angetreten ist, ist das nicht ausgeschlossen.

Muss man das alles denn gut finden? Oder eher mit der Medien- und Twitter-Brille urteilen: unangenehm, peinlich, neureich? Ach. Es gehört zum Phänomen Luxus, dass die, die ihrer Ausschweifungen wegen nicht goutiert werden, dies in der Regel gar nicht mitbekommen. Oder es schlicht nicht wichtig finden, was jemand so denkt, meint und schreibt, der es in seinem Leben nicht zum Privatjet gebracht hat. Dies dürfte übrigens die höchste Form von Luxus darstellen: komplett auszublenden, was einem nicht wichtig ist. Hier kommt es dann zum Hufeisenschluss der Prasser und der Habenichtse: Echten Luxus kann man offenbar doch nicht im Laden kaufen.

Also Ohren auf Durchzug, Austernfinger abwischen und ungeduldig bis 2024 auf die Auslieferung der nächsten G-Klasse warten.

Das ist ein Text aus unserer Ausgabe 1/2022: In unserem Dossier beschäftigen wir uns mit dem Comeback des luxuriösen Lifestyles: reisen, speisen, residieren. Wir haben außerdem die Königsklasse der Fin-Meme-Bubble Papas Kreditkarte und Hedgefonds Henning zum Doppelinterview getroffen. Und mit Sony Musics GSAs CEO über seine Wurzeln, Dante Alighieri und darüber was ein Plattenlabel ausmacht, wenn es gar keine Platten mehr gibt. Hier gibt es das Magazin zum Bestellen.

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