Leadership & Karriere Wagniskapital-Fonds Visionaries Club: „Pitches gibt es bei uns nicht mehr“

Wagniskapital-Fonds Visionaries Club: „Pitches gibt es bei uns nicht mehr“

Es beginnt gleich mit zwei Tests, wenn man sich beim Visionaries Club in Berlin als Besucher ankündigt: mit einem für die Intelligenz. Denn das luftige, loftige Büro des Venturecapital-Fonds von Robert Lacher und Sebastian Pollok liegt ein wenig versteckt in der obersten Etage eines Berliner Hauses mit mehreren Höfen. Der zweite Test ist dann die Treppe, die gewisse körperliche Anforderungen stellt.

Die beiden Investoren sind bekannte Figuren in der Berliner Startup-Szene. Pollok gründete gemeinsam mit Lea-Sophie Cramer den Erotik-Lieferdienst Amorelie. Lacher verkaufte 2016 eine Modeplattform an Zalando. Mit seinem Seed-Fund hat er bereits in mehrere Dutzend Geschäftsideen investiert. Name des Fonds: La Famiglia.

Und damit hätten wir auch schon die perfekte Überleitung zur Idee hinter Visionaries Club: Der Fonds will nämlich die die Crème de la Crème der europäischen Familienunternehmen mit erfahrenen Startup-Veteran:innen zusammenführen. So trifft dann ein Viessmann- oder Bitburger-Spross auf eine Lea-Sophie Cramer. Und gemeinsam sucht dieses Team die vielversprechendsten Ideen für neue Investments.

Sebastian Pollok
Robert Lacher

Der Fokus liegt dabei auf B2B-Startups, also Angeboten für andere Firmen, nicht für Endkundinnen und -kunden. Ein paar der Namen im Portfolio haben es trotzdem schon über die Businesszirkel hinaus zu Bekanntheit gebracht. Etwa Personio, eine Softwarelösung für Personalfragen. Oder Choco, das tatsächlich ein bisschen was mit Schokolade zu tun hat: Es ist eine Bestellplattform für die Gastro. Sozusagen Amazon für die Pizzeria um die Ecke.

Herr Lacher, viele Kinder wollen Feuerwehrleute oder Tierärztinnen werden. Aber VC-Chef, wie kommt man darauf?

Lacher: Ich bin Wirtschaftsingenieur und habe im Studium viel Zeit in den USA und England verbracht. Eigentlich wollte ich auch im Bereich Technologie bleiben. Aber dann habe ich in den USA zum ersten Mal den Begriff „Venture Capital“ gehört. Ich war 22. Es klang nach dem spannendsten Job der Welt: jeden Tag neue Innovationen anschauen. Und mit den Menschen arbeiten, die ihre Erfüllung darin finden, genau diese Ideen umzusetzen.

Herr Pollok, auch Sie waren erst auf einem ganz anderen Trip, sagen wir, dem typisch deutschen.

Pollok: Ich habe an der WHU in der Nähe von Koblenz studiert. Mittlerweile eine der besten Universitäten für Gründerinnen und Gründer in Europa, zu meiner Zeit allerdings noch nicht. Damals sind die Absolventinnen und Absolventen klassisch entweder in die Beratung, ins Banking oder in einen Konzern gegangen. Ich hatte auch schon das Angebot einer Unternehmensberatung auf dem Tisch. Dann aber hat mich ein Freund überredet, hier in Berlin ein Praktikum zu machen, 2009. Bei Rocket Internet, das kannte damals noch niemand so richtig. Wir saßen in der Saarbrücker Straße 21, mit den Samwer-Brüdern, ein winziges Büro. Das war eine wahnsinnige Dynamik. Ich bin deshalb anschließend für ein paar Jahre zu einem Venturecapital-Fonds ins Silicon Valley gegangen und wollte dann selbst gründen – daraus ist 2012 Amorelie geworden.

Ein VC investiert in viele Ideen mit hohem Risiko, aber dabei hohem Gewinnpotenzial. Was zeichnet Sie gegenüber anderen Fonds aus?

Pollok: Selber Gründer gewesen zu sein, das ist uns wichtig. Zu wissen, wie es sich auf der anderen Seite des Tisches anfühlt.

Gab es da etwa Überheblichkeit?

Pollok: Ein Beispiel: Manche Investoren setzen sich den ganzen Tag mit dir hin und machen einen Workshop zu Onlinemarketing. Dabei waren sie gar nicht so konkret in die Abläufe eingeweiht. Aber du sagst deinen Investoren in so einem Fall ja auch nicht: Nee, lasst mal, das wissen wir selber besser. Am Ende haben aber beide Seiten nur viel Zeit verloren.

Lacher: Wir sind die Antithese zu so etwas wie den Pensionskassen, die in der Vergangenheit oft die Hauptinvestoren in Venturecapital-Fonds waren. Die sind zwar wichtige Kapitalgeber für VCs, aber interessieren sich überhaupt nicht für dich als Gründer. Wir wollten das auf den Kopf stellen: Investoren, die Know-how und Erfahrung mitbringen.

Zuletzt floss das Geld nicht mehr ganz so üppig in Gründungen, wie wir es 2021 gesehen haben. Auf welchem Weg befindet sich Europa als Startup-Kontinent?

Lacher: Es gab nie eine bessere Zeit, um zu gründen. Wir haben uns hier lange extrem schlechtgeredet. Teilweise zu Recht. Consumer-Internet ist nicht unsere Stärke – deshalb ist hier auch kein Google oder Facebook entstanden. Die DNA unserer Wirtschaft, das sind die Hidden Champions aus der Industrie. Und die besten technischen Unis der Welt haben wir auch. Wenn man das zusammennimmt, ist da ein riesiges Digitalisierungspotenzial. Das üppige Geld der letzten zwei Jahre hat ein Momentum geschaffen. Die erste Generation gibt ihr Wissen jetzt an den Unis weiter. Mehr Kapital und Expertise auf einmal, das gab es hier noch nie.

Viel Geld ließ auch Bewertungen explodieren.

Pollok: Geld gibt es für jede halbwegs gute Idee im aktuellen Markt. Spannender ist für uns die menschliche Komponente: Wissen weiterzugeben, Kontakte zu schaffen.

Angenommen, ich habe eine Idee und will Ihr Investment. Einfach eine Mail schreiben?

Pollok: Aus dem Blauen schreiben, das geht schon. Für Gründungswillige sind wir immer ansprechbar. Aber besser klappt es über Kontakte. Oder auf einer Konferenz. Wir bekommen Tausende Ideen im Jahr. Es ist wie mit der berühmten Nadel im Heuhaufen.

Lacher: Außerdem noch wichtig zu wissen: Pitches, die gibt es bei uns nicht. Das Wort haben wir getilgt. Gute Ideen brauchen manchmal einfach mehr Erläuterung. Wir wollen einen unternehmerischen Austausch. Und zwar als gegenseitiges Kennenlernen von Sparringspartnern auf Augenhöhe.

Sparringspartner können aber auch das Blaue vom Himmel herunter versprechen, wenn es um Geld geht, oder?

Lacher: Es kann nur mit einem ehrlichen Austausch funktionieren. 50 Prozent müssen die Gründer uns überzeugen – aber wir sie eben genauso, das sind die anderen 50 Prozent. Natürlich führen wir unsere Due Diligence durch …

… eine sorgfältige Prüfung des Unternehmens …

… und sprechen mit Referenzpersonen. Manchmal sogar mit den Eltern, das sind die lustigsten Gespräche.

Eltern sind eher dafür bekannt, ihre Kinder toll zu finden.

Lacher: Zwischen den Zeilen hört man aber doch sehr viel Hilfreiches heraus.

Angenommen, ich hätte 10 000 Euro auf der hohen Kante. Kann ich sie bei Ihnen anlegen?

Pollok: Es geht erst bei 200 000 los. So will es die Bafin. Sehr schade, so kann ich als Kleinanleger nur in Immobilien und Aktien investieren.

Nur ein paar Ideen starten durch. Wo haben Sie sich mal verschätzt?

Lacher: Das gehört als Seed-Investor absolut dazu! Es gab dazu zum Beispiel eine Idee, die so etwas wie Amazon für Handwerksbetriebe sein sollte. Mit Choco funktioniert das gut für die Gastro. Aber nicht im Handwerk. Die Leute wollen weiter selbst zum Baustoffhändler fahren. Zum Glück hat das Team das nach fünf Monaten gemerkt. Ein Großteil der Finanzierung war noch da, und sie sind mit einer neuen Idee sehr erfolgreich durchgestartet.

Pollok: Ich habe da auch eine Geschichte. Früh in meiner Karriere, im Silicon Valley, kannte ich einen gewissen Kevin. Er hat eine Foto-Sharing-App gegründet. Sie hieß Burbn, Kevin war Whiskey-Fan. Aber Fotos von Whiskey mit Filtern? Das leuchtete mir nicht ein.

Kevin und Foto-Sharing … Kevin Systrom, der Gründer von Instagram?

Pollok: Jahre später las ich in der „FAZ“, dass Facebook für 1 Mrd. Dollar eine Foto-App gekauft hat. Es war Kevins Projekt. Nur, dass es mittlerweile nicht mehr Burbn hieß. Sondern Instagram.

Dieser Text stammt aus unserer Ausgabe 3/22. In unserem Dossier dreht sich dieses Mal alles um das Thema Climate-Tech. Auch mit dabei: Wie der Head of Hiphop dem Streamingriesen Apple Music endlich eine junge Zielgruppe zuführen soll. Außerdem: Was passiert im Super Startup Adventure Camp Barcelona? An welcher veganen Alternative arbeitet das Food-Tech-Startup Perfeggt? Und vieles mehr. Hier geht es zur Bestellung

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