Productivity & New Work Unsere Kolumnistin Hanne Horvath findet: „Wie geht’s?“ darf keine Floskel mehr sein

Unsere Kolumnistin Hanne Horvath findet: „Wie geht’s?“ darf keine Floskel mehr sein

Lernen zuzuhören

Das ist natürlich überhaupt nicht einfach. Ich kann es selbst ganz schlecht aushalten, wenn es jemandem in meinem Umfeld nicht gut geht. Es ist eine Kunst weiter da zu sein, ohne sich einzumischen. Vor allem, wenn mir die Person sehr nahe steht, fühle ich in mir so einen inneren Druck irgendwie helfen zu wollen. Ich bin dann ganz schnell mit Ideen und muss mir jedes Mal auf die Zunge beißen, um sie nicht zu teilen. Denn ungefragte Ratschläge sind einfach ein No-Go. Wir wollen ja selbst nicht, dass uns jemand anderes reinredet. Im Allgemeinen nicht und schon gar nicht, wenn wir psychisch belastet sind. Das nervt einfach total und hilft uns überhaupt nicht weiter.

Daran erinnere ich mich oft, um eine bessere Freundin, Partnerin oder Kollegin zu sein. Letztlich geht es darum besser zuzuhören, ohne schon eine Antwort im Kopf zu haben oder eine eigene Anekdote zu teilen und das kann man üben.

Dasein statt Reinreden

Bei uns im Unternehmen ist das „Hey, wie geht’s dir?” keine Floskel, sondern ernst gemeint. Wenn ich das frage, interessiert mich die Antwort wirklich und ich höre genau hin. Wenn mir ein Kollege oder eine Kollegin von einer stressigen Situation erzählt, ist mein erster Impuls oft noch zu sagen: „Ah, verstehe. Dann mach doch mal das und das …”. Aber mittlerweile bekomme ich es ganz gut hin und antworte stattdessen lieber: „Ja, das klingt belastend”. Ich empfinde es als Wohltat, dass ich immer seltener meine, die Probleme von anderen lösen zu müssen.

„Wir neigen manchmal dazu unser eigenes Licht im Gespräch mit Menschen, die gerade struggeln etwas zu dimmen“

Hanne Horvath

Wenn ich ahne oder auch schon weiß, dass jemand gerade durch eine schwere Zeit geht, versuche ich anders da zu sein, beispielsweise mit einer Aufmerksamkeit. Das kann etwas ganz Kleines sein. Es geht um die Geste, die sagt: „Ich bin für dich da, wenn du mich brauchst”. Verschiebe es nicht auf später, sondern setze das am besten gleich um. Lass dich inspirieren vom Tag der Freundschaft, der heute gefeiert wird. Persönlich habe ich mir vorgenommen heute mindestens eine handgeschriebene Karte zu verschicken.

Offenheit ist eine Einladung

Außerdem versuche ich offener damit umzugehen, wenn es mir mal selbst nicht so gut geht. Ich glaube, dann wird es für alle leichter und die Hemmschwelle über psychische Belastungen zu sprechen, wird kleiner und kleiner. Stell dir das mal vor: Keiner hat mehr Angst vor der Frage nach dem Wohlbefinden, weder sie zu stellen, noch sie zu beantworten. Ich finde das klingt richtig entspannt und macht mir persönlich auch wieder mehr Lust meine Kontakte und Freundschaften gut zu pflegen.

Eins noch: Ich teile übrigens auch ganz offen, wenn es mir so richtig gut geht. Wir neigen manchmal dazu unser eigenes Licht im Gespräch mit Menschen, die gerade struggeln etwas zu dimmen. Aber das ist Quatsch. Dein Gegenüber wird es wahrscheinlich spüren, dass du dich verstellst oder zurückhältst und so verhinderst du einen ehrlichen Austausch. Sei mutig. Sag, wie es dir wirklich geht.

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