Personal Finance Marlene Engelhorn: „Ich darf reden, weil ich Geld habe – das war’s“

Marlene Engelhorn: „Ich darf reden, weil ich Geld habe – das war’s“

Über Geld spricht man nicht? Und ob. Geld ist überall und auf vielen Kanälen zum Dauerthema geworden. Wir haben mit sieben schlauen Menschen dazu gesprochen. Mit dabei: Marlene Engelhorn.

Marlene Engelhorn wird, das dürften die meisten Menschen mittlerweile mitbekommen haben, in nicht allzu ferner Zukunft viel Geld erben. Schätzungen gehen von einer zweistelligen Millionensumme aus. Wer es doch noch nicht mitbekommen haben sollte, den macht die Wienerin selber gerne auf diesen Umstand aufmerksam.

Engelhorn ist Gründerin der Initiative Taxmenow, die für Änderungen im Steuersystem sorgen will. Kurz zusammengefasst: Menschen, die über das Lotterieglück „reiche Vorfahren“ zu großen Vermögen kommen, sollen via Erbschaftsteuer davon an die Allgemeinheit abgeben: „Nichts wird so ins Gewicht fallen wie die Geburt. Und das kann nicht sein“, sagt sie. „Es kann auch nicht sein, dass private Interessen die Interessen des Allgemeinwohls derart aushebeln können.“

„Ich habe noch nicht einmal einen Titel, man kann mich nicht einmal als Expertin für irgendwas vorstellen.“

Marlene Engelhorn

Engelhorn ist eine starke Rhetorikerin, man lässt sich gerne von ihr vereinnahmen. Von ihrer präzisen Wortwahl, den scharfen Formulierungen. Man hört, dass sich die Germanistin ausführlich Gedanken über die Wirkung von Sprache gemacht hat. Dass ihre Gedanken keine Unexaktheiten zulassen. Wobei, Germanistin? Noch studiert sie, wie sie selber zu bedenken gibt: „Ich habe noch nicht einmal einen Titel, man kann mich nicht einmal als Expertin für irgendwas vorstellen“, sagt sie. „Ich darf reden, weil ich Geld habe – und das ist alles. Das ist das Ende meiner Qualifikation.“

Engelhorn baut auf einem lange schwelenden Unbehagen auf. Spätestens seit der US-Soziologe Thorstein Veblen vor rund 120 Jahren sein Buch „Theorie der feinen Leute“ vorgelegt hat, beäugt man die „leisure class“ zwiegespalten: Sind Menschen, die generationenübergreifenden Reichtum schaffen, Inspiration und Ansporn für uns nette Normalos? Oder saugen sie und ihre Nachfahren so viel Macht an, dass kein regulärer Wettbewerb mehr möglich und eine immer größer werdende Allgemeinheit für alle Zeiten abgehängt ist?

Vermögen neu verteilt

Engelhorn warnt vor Letzterem. Sicher, dass die Schere zwischen Arm und Reich in eigentlich allen Ländern der Erde weiter auseinandergeht, ist kein neues Phänomen. Sie sieht aber auch Hoffnung in Form von Graswurzelbewegungen, die in Krisenzeiten entstehen. Sie sagt: „Es gibt wunderbare Lösungsansätze. Menschen, die von sozialen und ökologischen Problemen betroffen sind, haben in der Regel sehr gute und konkrete Vorschläge dafür, was sie brauchen.“ Graswurzelbewegungen wie eben ihre Initiative Taxmenow, die mit einer neu gedachten Verteilung von Vermögen das gesellschaftliche Vermögensgefälle wieder ausgeglichener gestalten wollen.

Noch mal zurück zu Veblen: Der Soziologe sah um die vorletzte Jahrhundertwende einige wenige Privilegierte dem nachgehen, was er „demonstrativen Müßiggang“ nannte. Gibt es natürlich bis heute, wenn auch in anderer Ausprägung. So beschreibt Soziologin Elizabeth Currid-Halkett, auf Veblen aufbauend, den „demonstrativen Konsum“, der den Müßiggang ersetzt hat. Also Vegan-Label und nachhaltiges Yoga-Retreat statt Pferderennstall und Cabrio; bewusster Verzicht statt Völlerei. Nicht nur das finanzielle, durch Vererbung geschaffene Gefälle innerhalb der Gesellschaft ist enorm, auch Kaufentscheidungen und kulturelles Kapital sind Ausweis einer neuen Elite, die nur noch schwer einzuholen ist.

„Echte Freiheit bedeutet, dass ich Verantwortung im politischen Sinne übernehme – aber auch, dass ich sie im politischen Sinne überlasse.“

Marlene engelhorn

Doch welcher Mächtige lässt sich schon freiwillig etwas wegnehmen? Wer gibt vom Vermögen ab, lässt Fremde vom Lebenswerk profitieren? Engelhorn sagt: „Echte Freiheit bedeutet, dass ich Verantwortung im politischen Sinne übernehme – aber auch, dass ich sie im politischen Sinne überlasse.“

Veränderung durch Überzeugung

Was bei Engelhorns Reden und Auftritten in der Öffentlichkeit auffällt, ist der große Ernst, mit dem sie Ideen und Anliegen vorträgt. Engelhorn sagt, dass dies daher rührt, dass es sich im Kern um eine Frage von Macht dreht. Flapsigkeit kann sich nur derjenige erlauben, der Macht hat. Der Ohnmächtige könne sich von seiner Ohnmacht bestenfalls so weit distanzieren, dass er darüber steht. Da ist sie wieder, so eine schöne Engelhorn-Formulierung.

Sie sagt weiter: „Ich sage diese Dinge aus Überzeugung. Ich hoffe, dass ich damit einen sinnvollen Beitrag leisten kann zum Diskurs.“ Engelhorn will keinen flächendeckenden Beifall. Sie will Veränderung in einem System bewirken, mit dem man sich in der westlichen Welt immer eine blutige Nase geholt hat – bislang. Im Austausch zu ihrem Anliegen will sie Ehrlichkeit: „Ich hoffe, dass ich die Kritik bekomme, die mir klarmacht, wo ich mich zurückzuziehen habe.“

Doch in Zeiten, in denen immer mehr Themen zu immer ernsthafteren Diskursen und Auseinandersetzungen zwingen und durchaus anstrengend sein wollen: Erreicht man damit die Menschen überhaupt? Verträgt dieses Thema gar keine Flapsigkeit? „Ich glaube, Humor muss es unbedingt vertragen“, sagt Engelhorn. „Es ist eine der wenigen Möglichkeiten, wie man nicht verzweifelt. Bloß bin ich kein sehr lustiger Mensch.“

Dieser Text stammt aus unserer Ausgabe 4/22. Auch Gregor Gysi und Claudia Obert haben darin mit uns über Geld gesprochen. Außerdem haben wir Streetwear-Legende Karl Kani getroffen und unseren Reporter Dolce Vita auf der Modemesse Pitti Immagine Uomo genießen lassen. Hier geht es zur Bestellung – oder ihr schaut am Kiosk eures Vertrauens vorbei.

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