Female Entrepreneurship Erster Ehren-Oscar für eine Schwarze Frau: Euzhan Palcy im Interview

Erster Ehren-Oscar für eine Schwarze Frau: Euzhan Palcy im Interview

Viola Davis ist gerührt, als sie die Laudatio auf Euzhan Palcy hält: Sie habe die Mächtigen mit der Wahrheit konfrontiert, übersehene Geschichten erzählt.

Es ist der 19. November 2022 und Filmemacherin Euzhan Palcy erhält als erste Schwarze Frau in der Geschichte des Preises den Ehren-Oscar. So oft in ihrer Karriere war sie die erste, dass auch EGOT-Gewinnerin Davis in ihrer Rede sagt, sie werde versuchen das Wort „first“ nicht zu oft sagen.

Euzhan Palcy am Set mit Donald Sutherland Foto: JMJ INTERNATIONAL PICTURES

Palcy hatte ihren Durchbruch mit „Sugar Cane Alley“, einer Geschichte der Ausbeutung Schwarzer Arbeiter:innen auf Martinique. Die Insel in der Karibik ist Palcys Heimat und gehört zu Frankreich. Palcy kämpfte mit Leidenschaft für ihr erstes Projekt wie auch für die späteren, musste sich immer wieder gegen Widerstände und Rassismus wehren.

Wir haben die Filmemacherin in Berlin zum Interview getroffen.

Madame Palcy, Sie kommen gerade von einem Screening Ihres Film „Sugar Cane Alley“ mit Schüler:innen. Was raten Sie jungen Kreativen?

Für mich ist sehr wichtig zu sagen: Ihr habt alle eine Kamera auf euren Smartphones. Nutzt sie! Und redet mit euren Großeltern. Hört ihre Geschichten an. So habe ich es auch gemacht, befragte meine Großmutter, als junge Studentin in Martinique. Die Aufnahmen habe ich später auf DVD überspielt und sie allen aus der Familie geschenkt. Auf dem Cover ist ein Foto meiner Großmutter.

Was riet Ihnen diese Mentorin?

Ich stand ihr sehr nahe und sie hatte viele Ratschläge für mich. Sie sagte: Lass dich von niemandem aus der Bahn werfen, um deine Träume zu verfolgen. Und wenn dir jemand sagt, du kannst das nicht tun, weil du zu jung bist, weiblich, weil du Schwarz bist, das ist ein Zaun, den sie um dich errichten. Weißt du was: Spring über den Zaun und fliege. Erinnere dich immer daran, wo du herkommst und warum du all das tust, was du tust.

Am Filmset von „A Dry White Season“ Foto: David James MGM

Sie haben es nicht vergessen.

Meine Kamera ist meine wundersame Waffe. Ich schieße nicht, ich heile. Filmemachen war für mich Überlebensfrage. Und wenn du eine Mission hast, dann kann dich nichts aufhalten. Wir bekamen damals ja keine Geschichten zu hören, in denen es um uns ging. Keine Bücher, keine Poesie, in denen es um Afrika ging oder um die Karibik. Um unsere Welt. Aimé Césaire, der berühmte Schriftsteller, wurde mein spiritueller Vater. Er sagte: „Wenn die Menschen kein Wissen darüber haben, wo sie herkommen, wer sie sind, dann sind sie verstümmelt, démembré, sagen wir auf Französisch.“

In „Sugar Cane Alley“ gibt es eine Figur namens Flora, die sich komplett von ihrem Schwarzsein lossagt.

Sie sagt: Ich bin vielleicht Schwarz, aber ich habe die weiße Mentalität. Aber gebt nicht ihr die Schuld: Sie ist ein Kind des Systems, in ihrer Sprache ist das Schwarzsein etwas Schlechtes. Schrecklich, so etwas zu sehen. Ich wollte das auf die Leinwand bringen. Wenn man über Jahrhunderte kolonisiert wurde, wenn man sich nie in einem Film wiedererkennt… Dann siehst du deine eigene Schönheit nicht, du siehst nicht, wie klug du bist. Schwarze Figuren waren bloß immer in denselben herbwürdigenden Rollen zu sehen. Das demütigt, es tut weh.

Sie haben 2022 den Ehren-Oscar erhalten. Als erste Schwarze Frau in der Geschichte des Preises. Eine späte Anerkennung.

Besser spät als nie! Sogar der Chef der Oscar-Academy sagte mir am Telefon, als er mir die Nachricht überbrachte: Für uns ist das eine Ehre, denn es ist absolut überfällig. Er sei ein harter Typ, ein Castingdirektor mit jahrelanger Erfahrung. Aber er sei so bewegt gewesen, als die Entscheidung einstimmig fiel. Und ich antwortete: Ich bin glücklich und sehr demütig. Hoffentlich wird Mr. Oscar jetzt die Tür öffnen.

Sie waren die erste Frau, die als Regisseurin mit Marlon Brando arbeitete. In Ihrem Film „A Dry White Season“. Wie kamen Sie in Kontakt?

Das schaffte ich über MGM. Mit Hilfe meiner Produzentin Paula Weinstein. Ohne die hätte ich meinen Film nicht machen können, sie ist auch Aktivistin. Und sie hat mich sehr unterstützt. Paula Weinstein sagte: Lass uns mit dem MGM-Vizepräsidenten Jay Kanter reden. Er war früher Brandos Agent. Sie waren wie Brüder.

Eigentlich war Brando schon im Ruhestand, damals Ende der 80er. Sie holten ihn zurück.

Er war schon neun Jahre im Ruhestand. Aber als ich ihn am Telefon hatte, machte er Witze auf Französisch, ein wunderbares Gespräch. Und ich sagte: Diesen Film habe ich gepitcht und deshalb brauche ich Sie dafür.

Er sagte Ja und spielte einen Anwalt in Zeiten der Apartheid. Später gab es eine Oscar-Nominierung dafür.

Ich erzählte ihm, wie ich undercover nach Südafrika gereist war. Ich interviewte dort Menschen, die Opfer der Apartheid waren.

Sie nahmen die Rolle einer Musikerin an, um unter den damaligen Bedingungen vor Ort recherchieren zu können.

Ich gab mich als Sängerin aus, auf der Suche nach so schönen Stimmen wie von Ladysmith Black Mambazo. Ich hatte mal ein Album veröffentlicht. Es war also keine Lüge, als ich mich als Musikerin tarnte. Bei den Recherchen half mir Nthato Motlana, der Freund und Arzt Nelson Mandelas. Wir hatten uns in Paris getroffen und er sagte mir: Die werden dich umbringen. Ich antwortete: Das ist mir egal. Ich bin bereit, zu sterben. Ich muss diesen Film machen, konnte das nicht ertragen. Keine Schwarzen in Filmen zu sehen, das schmerzte. Und dann gab es dieses Land, das sie ermordete und folterte.

Und das ist nur wenige Jahrzehnte her!

Gott! Die Soweto-Aufstände von 1976, eine Tragödie! So viele Kinder zu töten, zu foltern, um Informationen von ihnen zu erpressen. Ich musste den Film einfach machen! Sagte meinen Eltern, dass es meine Mission ist, weiterzumachen, auch wenn ich sterbe. Wenn ich tot bin, dann werdet ihr weinen. Aber seid stolz auf mich. Sagt den Leuten: Sie wusste, was sie tat. Und meine Eltern entgegneten: Du hast recht. Wir werden für dich beten. Gott wird dich beschützen. Und das tat er.

Euzhan Palcy 2022 in Paris Foto: Thomas Padilla

Später bekamen Sie eine Einladung von Nelson Mandela.

Als der Film in die Kinos kam, war Nelsona Mandela noch im Gefängnis. Einige Monate später kam er endlich frei. Er wollte mich treffen und ich habe eine Woche mit ihm verbracht. Wünschte sich, mich als die Regisseurin von „A Dry White Season“ kennenzulernen. Für mich war es das größte Kompliment von jemandem, der so gelitten hatte. So viele Jahre seines Lebens opferte. Jahre, die ihm gestohlen wurden.

Das könnte dich auch interessieren

Wie Frauen sich nicht länger unter Wert verkaufen Female Entrepreneurship
Wie Frauen sich nicht länger unter Wert verkaufen
Studie zeigt: Kind und Haushalt ist noch immer Frauensache Female Entrepreneurship
Studie zeigt: Kind und Haushalt ist noch immer Frauensache
Die Teilzeitfalle: Wieso sich für arbeitende Mütter etwas ändern muss Female Entrepreneurship
Die Teilzeitfalle: Wieso sich für arbeitende Mütter etwas ändern muss
Mütter wollen mehr arbeiten, Väter weniger – Der Spagat zwischen Arbeit und Kind Female Entrepreneurship
Mütter wollen mehr arbeiten, Väter weniger – Der Spagat zwischen Arbeit und Kind
Macht-Ohnmacht Spiralen – toxisches Beziehungsmuster zwischen Männer und Frauen Female Entrepreneurship
Macht-Ohnmacht Spiralen – toxisches Beziehungsmuster zwischen Männer und Frauen