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Ahmed Chaer: „Wrestling ist die ehrlichste Form des Entertainments“

Ahmed Chaer: „Wrestling ist die ehrlichste Form des Entertainments“
Jan Philip Welchering
Erschienen
Aktualisiert
Lesezeit14 Min · 2.888 Wörter

„Wir sind die dümmsten Manager der Welt“, sagt Hussen Chaer, besser bekannt als Crazy Sexy Mike. Er sitzt auf einer schmalen Holzbank in der Sporthalle einer Schule im Berliner Bezirk Neukölln. Mike und sein Bruder Ahmed trainieren hier Anfänger und Fortgeschrittene im Wrestling und bauen Karrieren auf. Für das Management der Schüler nehmen sie keinen Cent. Deren Erfolg ist für die beiden die Bezahlung. Dumm? Oder nobel?

Durch die Halle tönt ein dumpfer Schlag. Dann noch einer. Und noch einer. Zwischendurch Schreie und lautes Klatschen, als hätte jemand eine Ohrfeige kassiert. Es riecht nach Schweiß. Die holzvertäfelten Wände und der grüne Linoleumboden rufen Turnsport-Traumata hervor. Auf den Sporthallenmatten greifen die Arme und Beine zweier Männer ineinander. Wie beim Spiel „Twister“. Knapp daneben lässt sich jemand seit einer Stunde auf den Rücken fallen.

Erste Wrestling-Schule in Deutschland

Wrestling, erinnert man sich, hatte seine Blütezeit in den 80er- und 90er-Jahren. Muskelbepackte Fleischberge in knappen Glitzeroutfits mit Ringnamen, die nach der ersten eigenen Hotmail-Adresse klingen. The Honky Tonk Man. Rowdy Roddy Piper. The Ultimate Warrior. 1995 gründeten in Berlin auch die beiden Chaer-Brüder ihre erste Promotion, sprich Liga, und Wrestlingschule namens German Wrestling Federation (GWF).

Ihre Leidenschaft fürs Wrestling haben Ahmed und Mike von Bud Spencer und Terence Hill. Sie spielten die Prügelszenen aus den Filmen nach, dann sahen sie mit ihrem Vater eine Wrestlingsendung – und waren begeistert. „Unser Onkel erzählte uns, dass unser Vater im Libanon Wrestler war. Das wussten wir gar nicht. Ab da haben wir ihn genervt, dass er uns alles beibringen soll.“

Die Ringkarriere der beiden begann bescheiden. Sie reisten durch Deutschland und zahlten dafür, als Wrestler auftreten zu dürfen. Denn Ahmed und Mike brachten den US-Stil mit, und sie waren die Ersten in der weniger muskelbepackten Mittelgewichtsklasse. Die war 1994 nicht wirklich gefragt. Was zur Folge hatte, dass die Chaer-Brüder gegeneinander kämpfen mussten. Für die Veranstalter natürlich nicht ideal. Ahmed durfte seinen Namen behalten, Hussen wurde zu Crazy Sexy Mike.

Er spielte im Ring dann den Heel, sprich den Bösen, der das Publikum provoziert. Bunte, knappe Höschen und lang geflochtene Zöpfe machten den Look komplett.

Die Wrestlingklamotten bestellten Mike und Ahmed anfangs noch in den USA, Mexiko und Japan. Alles Maßanfertigungen. Bloß Tank-Tops gab es nicht. Mike bekam den Tipp, in Berliner Sexshop zu suchen. Dort ging er mit einem Kollegen hin – und siehe da: „Ich fragte nach, ob die Tanktops reißfest sind“, sagt er. „Der Verkäufer meinte nur: ,Kommt drauf an, wie hart dein Kollege ist.‘“

In den Sommermonaten, in denen keine Shows stattfanden, verdienten die beiden ihren Unterhalt mit Kirmes-Catchen. 2005 lebte Ahmed dann einen Monat in Amerika bei Dwayne Johnson aka The Rock, dem Wrestler, der mittlerweile in jedem zweiten Kinoblockbuster zu sehen ist. Dort lernte Ahmed, fürs Fernsehen zu wresteln, seine Mimik auf die Kamera auszurichten, nicht aufs Publikum.

Ein neuer Aufwind

Und jetzt? „Wrestling erlebt wieder einen Boom“, sagt Mike. Der ist auch am Markt zu erkennen. Erst im Februar widmete „Bloomberg“ die Titelstory Tony Khan, Nepo-Baby und Gründer der Promotion All Elite Wrestling (AEW). Die steht in den USA in direkter Konkurrenz zu der wohl größten Liga überhaupt: der World Wrestling

Entertainment (WWE). Khan gab seit der Gründung 2019 Dutzende Millionen aus, um die Liga aufzubauen und Stars aus der WWE zu engagieren. Er rekrutierte aber auch Wrestlingtalente aus Nachtclubs und Bingohallen. „Wenn ein Millionär eine Gegenpromotion zur WWE aufbaut und mit Wrestling Geld machen will, zeigt das, dass viel Potenzial in diesem Markt liegt“, sagt Ahmed.

„Wrestling ist die ehrlichste Form des Entertainments“

Ahmed Chaer

Im letzten Jahr nahm die AEW mehr als 100 Mio. Dollar ein, die WWE 1,2 Mrd. Dollar. Beides Rekordzahlen. Außerdem gehört der Youtube-Channel der WWE mit mehr als 93 Millionen Abonnentinnen und Abonnenten zu den zehn größten der Videoplattform. „Bei der AEW gibt es viele Wrestler, die auf Leistung abzielen und nicht wie typische Wrestler aussehen“, sagt er. „Die WWE hingegen will nur Leute, die nicht wie Menschen aussehen.“ Der WWE wirft man vor, überaus kommerziell zu sein. Superstars seien wichtiger als gute sportliche Technik. „The Rock ist aber ein super Wrestler, der nicht viele Moves braucht,“ sagt Ahmed. Daher würden Schüler das Repertoire auch schnell beherrschen.

Doch dank Herausforderern wie der AEW kann der Markt wachsen. Der Druck für Wrestler und Wrestlerinnen, gut zu performen, sei heute größer als damals, sagt Mike. In den Neunzigern gab es hauptsächlich US-Wrestling. Mittlerweile existieren in jedem Land mehrere Promotions und Athleten, die alle körperlich an ihre Grenzen gehen. „Es gibt nur einen Sport, der noch undankbarer ist als Wrestling, und das ist Bodybuilding“, sagt Mike. „Ist der Hype um den Wrestler vorbei, muss er sich wieder von unten hochkämpfen.“ Sex, Drugs und Rock ’n’ Roll sollte man also eher bleiben lassen. Mike kennt viele Wrestler, die noch im hohen Alter im Ring standen. „Nicht weil sie wollten, sondern weil sie wegen ihres Partylebens keine Kohle hatten.“ Die jetzige Generation sei da anders, nehme Wrestling ernster.

Zwischen Ring und Filmset

Zudem ist der Sport offener geworden. Athleten, die nicht dem Muskelklischee entsprechen, haben heutzutage gute Chancen. Übrigens auch Wrestlerinnen. Und auch die Shows selbst haben sich weiterentwickelt. Wie gut gescriptete Serien leben sie mittlerweile von ausgeklügeltem Storytelling.

Dafür ist bei der GWF Ahmed zuständig. Er entscheidet, wer gegen wen in den Ring steigt. Bei der Entwicklung der Storys achtet er auf das Können der eigenen Talente, bucht aber auch internationale Stars dazu. Die Storylines sind ein Balanceakt zwischen Überraschungen und Fanservice. „Wrestling macht man fürs Publikum“, sagt er. „Es ist die ehrlichste Form des Entertainments, die es gibt. Zuschauer bekommen, was sie erwarten: überzogene Charaktere, die sich in spektakulärer Art und Weise als Gut gegen Böse auf die Schnauze hauen.“

Die Shows, die Ahmed und Mike veranstalten, sind der größte Teil ihres Geschäftsmodells und damit auch ihre größte Einnahmequelle. Zudem gab es mal eine Paid-Membership über Patreon, mittlerweile sind die Inhalte – wie die Serie „Machtkampf“ – aber über den Youtube-Kanal frei zugänglich. Für 10 Dollar kann man Member werden. Hinzu kommen noch Erlöse aus Merchandise und gelegentliche Kooperationen mit Werbepartnern sowie die Einnahmen aus ihrer Wrestlingschule.

„Wrestler müssen arbeiten wie Influencer“

Mike Chaer

Für das Management ihrer Talente nehmen sie wie erwähnt kein Geld. Dazu kümmern sich die beiden um die Buchung der Schüler bei Promotions, verschicken deren Fotos, übermitteln Kleidergrößen, übernehmen Gehaltsverhandlungen für sie, bringen ihnen bei, wie man sich in diesem Biz verhält, und vermitteln sie letztlich noch als Stuntmen ans Fernsehen. Dahin hat die GWF gute Kontakte und ist die einzige Promotion in Deutschland, die das bieten kann. Die Aufträge reichen von Hollywoodproduktionen bis zur Serie „4 Blocks“, in der zwölf Schüler mitgespielt haben. Und auch Ahmed und Mike arbeiten immer wieder als Stuntmen. Ahmed hat bei „The Matrix Resurrections“, „Gunpowder Milkshake“ und „Babylon Berlin“ mitgespielt. „Je mehr man unsere Wrestler im TV sieht, desto höher wird ihr Marktwert und der unserer Promotion”, sagt Mike. Nichts Ungewöhnliches: Schauspieler wie Hulk Hogan, John Cena und eben Dwayne Johnson begannen ihre Karrieren im Ring.

Side-Hustle im Ring

Außerdem ist es für die Wrestler gut verdientes Geld. Die meisten Promotions gehören zum Independent Wrestling, bei dem die Wrestler pro Show gebucht werden und dafür eine Gage bekommen. Feste Jahresverträge gibt es nur bei der WWE und AEW. „Der Großteil der Wrestler bekommt im Monat so viel wie bei einem Minijob“, sagt Ahmed. „Nur wenige können ausschließlich vom Wrestling leben.“ Wrestling als Side-Hustle also. Ein Side-Hustle, der unheimlich viel Zeit fürs Training in Anspruch nimmt und deswegen nur schwer mit einem Bürojob zu vereinbaren ist. Nebenbei müssen die Wrestler auch noch Personal Branding betreiben. Jedes Talent ist seine eigene Marke und muss auf Social Media präsent sein. „Wrestler müssen arbeiten wie Influencer“, sagt Mike.

Der Selbstversuch zeigt: Jemanden einfach nur in den Schwitzkasten zu nehmen reicht nicht. Mit der linken Hand schnellt man an den Nacken des Gegners, zieht ihn im gleichen Tempo an die Brust und schiebt sofort den rechten Arm unter sein Kinn, sodass die Hände ineinandergreifen, ohne sich zu verhaken, sonst können sie leicht brechen. Letztlich hebt man das Kinn des Gegners mit den Daumen an, damit der sein schmerzverzerrtes Gesicht dem Publikum zeigen kann. Für einen selbst gilt: Brust raus. Das Gefühl der Dominanz in diesem Moment ist schon ganz geil. Wird man selbst in einen beliebigen Griff genommen, muss man es geschehen lassen und Positionen aushalten, bei denen es im Arm oder Bein zieht. Frühestens nach einem Jahr Training darf man in den Ring.

Let the Show begin

Ein Sonntag im März im Festsaal Kreuzberg beim „Light Heavyweight World Cup ’23“ . Acht Wrestler kämpfen um den Titel. In der Mitte des Saals der Ring. Davor die Bühne, auf der sich die Wrestler vor dem Kampf präsentieren. Rechts davon sitzen Techniker an Laptops, Angestellte bereiten die Getränkebar vor. Links Lounges mit roten Ledersofas. Unmittelbar hinter, vor und rechts neben der Bühne stehen schon die Stühle für die Zuschauerinnen und Zuschauer bereit.

„Wrestler waren für mich wie reale Superhelden“

LJ Cleary

Mit einem Klemmbrett unter dem Arm bespricht Ahmed mit den Wrestlern grobe Abläufe und gibt Anweisungen. Die Stimmung ist entspannt. Evil Jared, bekannt als Bassist der Rockband Bloodhound Gang und Kotz-Koryphäe bei Joko und Klaas, läuft vorbei und grüßt. Überhaupt: Alle grüßen. „Auch Backstage müssen sich Wrestler einen Namen machen“, sagt Mike. „Ich würde immer den respektvollen und weniger talentierten Wrestler einem Arschloch vorziehen und empfehlen.“ Im Ring besprechen Wrestler aufwendige Moves. Verständigt wird sich nämlich in „Wrestlingsprache“, viele Bewegungsabläufe sind festgeschrieben.

LJ Cleary aus Irland feiert heute sein Debüt beim GWF: lange, lockige, schwarze Haare, trägt eine enge, lange, grün glitzernde Hose mit weißen Streifen auf den Seiten. Auf dem Po sein Gesicht im Comic-Stil. An der Seite steht sein langer Spitzname „It’s a Beautiful Life“. Dazu eine lila-weiße College-Jacke. Sein Auftreten hat etwas von einem Glamrocker ohne Schminke. Der 24-Jährige ist einer der wenigen, die Vollzeit-Profiwrestler geworden sind. „Seit ich drei bin, bin ich besessen vom Wrestling“, sagt er. „Wrestler waren für mich wie reale Superhelden.“

Ein Buch von Wrestler Chris Jericho ermutigte ihn, auch ohne ein übertrieben riesiges Muskelpaket zu sein. Laut Cagematch, einer Wrestlingdatenbank, kämpfte Cleary letztes Jahr in 24 verschiedenen Promotions, hatte insgesamt 74 Matches in Irland, Belgien, Italien, England, Deutschland und Spanien. Dieses Jahr wurde er bereits von acht Promotions gebucht und stand für 14 Shows im Ring. Der Sport selbst sei für Cleary keine Herausforderung sagt er, dafür aber das viele Sitzen in Flugzeugen, Zügen und Bussen sowie die richtige Trainingsbalace zwischen Wrestling und Fitnessstudio. „Muskelkater ist das Schwierigste am Wrestling.“ Was der größte Unterschied zwischen ihm und seinem Gimmick ist? Es gibt keinen, sagt Cleary. Er sei im Ring meistens er selbst. Als Babyface spielt er seine fröhlichste Version, als Heel geht er seinem Gegner auf die Nerven und ist weinerlich. „Ich weiß, dass ich nicht sehr einschüchternd aussehe“, sagt Cleary. „Jemandem drohen, dass ich ihn umbringen würde, wäre unglaubwürdig.“

„Wenn ein Wrestler auf der Bühne steht, hat er Klamotten im Wert von 3 000 bis 4 000 Euro an“

Mike Chaer

Einer seiner Mitstreiter – aber kein direkter Gegner im Ring – ist heute Crowchester. Seine Augen sind mit Kajal umrandet, er trägt eine schwarze, mit Federn besetzte Maske, die eine Art Schnabel hat. Dazu ein enges, kurzes, schwarzes Höschen mit einer Krähe darauf. Seit zwei Jahren bucht ihn die GWF für ihre Shows. Mit Wrestling angefangen hat er erst vor vier Jahren, mit 22 Jahren. Relativ spät, aber er wollte erst mal herausfinden, wie es ist, im Job zu arbeiten, sprach mit befreundeten Wrestlern, die ihm rieten, einen Hauptverdienst zu haben.

Also arbeitet Crowchester als Head of Payment bei einer Bank in Hamburg. Was sein Bürojob und Wrestling gemeinsam haben? „Hierarchien“, sagt er. Wrestling sei stark strukturiert. Der Boss macht Ansagen, die anderen folgen. Sein Gimmick ist inspiriert vom Film „The Crow“ mit Brandon Lee. Und auch wenn sein Auftreten mystisch wirkt, ist er im Ring ein Babyface. „Ich liebe es, der Gute zu sein und mit dem Publikum zu interagieren“, sagt er. „Ich bin auch mehr der akrobatische Wrestler, weil ich früher Parkour gemacht habe. Wenn das Publikum mich bejubelt, habe ich das Gefühl, dass meine Arbeit wertgeschätzt wird.“ Um sich in die richtige Stimmung zu bringen, egal welche, hört er russische Volksmusik oder Metal. Dann geht’s in den Ring.

Auf die Fresse!

Mittlerweile sind 650 Leute im Festsaal Kreuzberg. Die Veranstaltung ist ausverkauft – wie immer. Licht aus, Spotlight an. „Auf die Fresse, auf die Fresse, auf die Fresse“, brüllt das Publikum. Eine Kick-off-Veranstaltung mit weniger erfahrenen Wrestlern und Wrestlerinnen heizt dem Publikum ein. Dann steht das erste Match des Abends an: Crowchester gegen Tim Stübing. Stübing steht auf der Bühne, präsentiert sich von allen Seiten und zerreißt ein Pappplakat von einem Fan mit der Aufschrift: „Keiner mag den Tim.“ Die knappen Outfits haben übrigens einen stolzen Preis: „Wenn ein Wrestler auf der Bühne steht, hat er Klamotten im Wert von 3 000 bis 4 000 Euro an“, sagt Mike. Und dann haben sie gleich mehrere Outfits im Schrank, um etwa auf Reisen ausweichen zu können, falls der Gegner die gleichen Farben tragen sollte. Sonst reist man eher leicht – allein um zu vermeiden, dass das Zeug aus Autos gestohlen wird. „Ist schon oft passiert“, sagt Mike. „Mir nicht, aber Schülern von mir.“

Genau 13 Minuten lang kämpfen Crowchester und Stübing. Ihre Rücken sind vom Fallen knallrot. Während das Publikum Crowchester anfeuert, disst es Tim mit Gesängen: „Keiner mag den Tim, mag den Tim, keiner mag den Tim.“ Plötzlich liegt Crowchester am Boden, Stübing setzt sich mit dem Rücken auf seine Brust, hebt Crows Bein an und streckt die Zunge raus. Der Schiedsrichter schmeißt sich auf den Ringboden, und schlägt dreimal drauf. Ding, ding, ding macht die Glocke. Sieg für Stübing.

Ist es frustrierend, dass Sieg oder Niederlage vorbestimmt sind? „Die Show und die Unterhaltung stehen im Vordergrund“, sagt Crowchester. „Wir werden nicht mit Siegen belohnt, sondern mit Versprechen von Promotern, uns eine Plattform zu bieten. Dann hat sich das Training ausgezahlt.“

„Wenn deutsches Wrestling im TV startet, wird es genauso schnell wachsen wie das amerikanische“

Mike Chaer

Backstage verfolgen die anderen Wrestler die Matches. Es gibt mehrere Räume mit Sofas zum Umziehen und Austausch. Manche gehen im Gang Griffe durch, andere machen auf der Treppe noch ein paar Liegestütze, und wieder andere stehen am Buffet. Es gibt Nudelsalat, Gemüserohkost und Blätterteigtaschen. Ahmed und Mike verfolgen hinter der Bühne auf mehreren Monitoren die Veranstaltung. Jetzt ist LJ Cleary dran. Auch er hat an dem Abend bei seinem Debüt kein Glück. Der Moderator kündigt ihn als „Irish Wrestling MVP“ an.

Cleary legt los: Er reißt seinem Gegner die Cap vom Kopf und wirft sie ihm anschließend vor die Füße. Vom Publikum gibt es dafür Buhrufe. Mit einem zweifachen Salto und Body-Slam beendet Gegner Peter Tihanyi das Match. Trotzdem: Schaut man sich das Ganze nachträglich auf Youtube an, wertet der Kommentator die Performance von LJ Cleary als herausragend. Gelungenes Debüt.

Die Stimmung in der Festhalle Kreuzberg ist mitreißend. Die Fangesänge so eingängig, dass man schneller „auf die Fresse“ brüllt, als einem lieb ist. Immer wieder gerät man ins Staunen, vor allem wenn die Wrestler sich gegenseitig aus dem Ring werfen oder mitten im Publikum kämpfen. Turntraumata werden hier nicht ausgelöst, eher Faszination und Respekt vor der Leistung der Wrestler. Ahmed sagt dazu auch „Live-Action-Movie“. Hier im Festsaal Kreuzberg versteht man GWF.

Am Ende ihrer Ziele sind die Chaers aber noch nicht. Als Nächstes wollen sie ihre eigene Halle, in der sie ihre Schülerinnen und Schüler trainieren können. In Berlin bekommen Ahmed und Mike nur die Sonntage für Shows, die Locations verdienen mit klassischen Partys an den Bars mehr. Und dann wollen sie deutsches Wrestling noch ins TV bringen. Erste Gespräche mit Sendern laufen. Mittlerweile kann man auch von der WWE entdeckt werden, wenn man sich hierzulande einen Namen macht. Denn laut Mike hat die WWE die GWF im Blick. „Wenn deutsches Wrestling im TV startet, wird es genauso schnell wachsen wie das amerikanische“, sagt Mike. Ahmed will Wrestling in Deutschland so etablieren, dass man davon leben kann. Dann müsse auch niemand mehr in die USA auswandern.

Da ist das Ding! Dieses Mal dreht sich in unserem Dossier alles um das Thema Immobilien und den Traum vom Eigenheim. Außerdem haben wir Netflix-Showrunnerin Anna Winger getroffen und die Brüder Ahmed und Mike Chaer, die deutsches Wrestling groß machen wollen. Viel Spaß beim Lesen! Hier gibt es das Magazin zum Bestellen.

Portrait Nicole Plich

Nicole Plich

Nicole studiert den Klassiker „Irgendwas mit Medien” und hat noch den idealistischen Anspruch mit Wörtern die Welt zu bewegen. Wenn sie im Internet mal nicht nach lustigen Donald Trump-Memes sucht oder Fantheorien zu Game of Thrones liest, interessiert sie sich für Popkultur, Wirtschaft und was im Bundestag so vor sich geht.