Plötzlich ist alles offen: Bye bye, Closed AI
Carsten Puschmann, Seriengründer und Startup-Investor, über Open Source und der Frage, warum dieser Ansatz zur größten Überraschung der aktuellen AI-Ära werden könnte? Aus unserem aktuellen Heft Business Punk 2/2026.
Im Silicon Valley verschiebt sich die Debatte: weg von reinem Software-Hype, hin zu Infrastruktur, privaten Kapitalmärkten und offenen Modellen. Warum ausgerechnet Open Source zur größten Überraschung der aktuellen AI-Ära werden könnte.

Bild: Carsten Puschmann, Seriengründer und Startup-Investor und Podcasthost
Die spannendsten Renditen der AI-Revolution entstehen zunehmend vor dem IPO. Viele der wertvollsten Technologieunternehmen bleiben heute deutlich länger privat als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. OpenAI, Anthropic oder SpaceX erreichten enorme Bewertungen, bevor breite Kapitalmärkte überhaupt Zugang bekamen. Frühere Technologiegiganten wie Microsoft, Amazon oder Google gingen vergleichsweise früh an die Börse. Heute verschiebt sich ein wachsender Teil der Wertentwicklung in private Technologie-Ökosysteme. Dadurch wird Zugang wichtiger: Zugang zu Gründenden, spezialisierten Fonds, Netzwerken und technologischen Ökosystemen. AI verändert Venture Capital damit fundamental. Große Einzelwetten auf lineare SaaS-Skalierung funktionieren schlechter in exponentiellen Technologiezyklen.
Die Antwort darauf ist Portfolio-Logik:
▶ Early-Stage Europa = industrielle Tiefe
▶ Early-Stage USA = Geschwindigkeit und Skalierung
▶ Later-Stage / Pre-IPO = validierte Geschäftsmodelle
Florian Leibert ist Mitgründer des Silicon-Valley-Infrastrukturunternehmens Mesosphere und heute General Partner bei 468 Capital, einem der spannendsten transatlantischen Tech-Investoren an der Schnittstelle von Infrastruktur, AI und Open Source. Ich treffe ihn zum Gespräch. Schnell geht es um einen der vielleicht meist unterschätzten Trends der aktuellen AI-Welt: Open-Weight-Modelle. Lange galt: Die wertvollsten AI-Modelle bleiben geschlossen und extrem teuer. Doch genau diese Logik gerät zunehmend unter Druck. Modelle wie Qwen zeigen, dass sich Leistungsfähigkeit und Kostenstruktur massiv verschieben können. Open-Weight-Modelle ermöglichen günstigere Inference-Kosten und demokratisieren den Zugang zu leistungsfähiger AI. Leibert formuliert es so: „Viele dieser chinesischen Modelle kommen inzwischen in ihren Fähigkeiten mehr oder weniger sehr nah an die Frontier-Modelle heran.“ Besonders spannend sei dabei, so der Unternehmer weiter, dass die Chinesen stark auf offene Modelle setzen: „OpenSource-Software hat schon früher Infrastruktur revolutioniert!“, weiß er.
Nächste AI-Machtverschiebung
Open Source könnte auch die nächste AI-Machtverschiebung auslösen. Der Vergleich erinnert an die Datenbankwelt: „Im Datenbankbereich hattest du früher praktisch nur Oracle. Dann kam MySQL. Und MySQL hat den diesen Markt komplett verändert.“ Genau diese Dynamik könnte sich nun im AI-Markt wiederholen. Gerade kleinere und effizientere Modelle lassen sich inzwischen lokal erstaunlich leistungsfähig betreiben: auf AI-Workstations, Unternehmensservern oder privaten Rechenzentren. Das spart Kosten, schützt sensible Daten und macht Unternehmen unabhängiger von einzelnen Plattformen. Leibert sieht darin eine fundamentale Verschiebung: „Menschen werden Modelle kostenlos lokal auf ihren Laptops betreiben – und diese Modelle werden wirklich sehr gut sein.“
Nebeneffekt dieser Entwicklung: Plötzlich werden auch Hardware, GPU-Server, AI-PCs und Edge-Computing wieder strategisch relevant!
Die sechs wichtigsten Branchenentwicklungen im Tech-Sektor
Wir ersparen allen die stundenlange Recherche. Die haben wir nämlich schon gemacht: Hier kommen die sechs wichtigsten Entwicklungen aus der Tech-Branche im Schnelldurchlauf:
AI bleibt dominant – aber das Geld konzentriert sich brutal Q1 2026 war laut mehreren VC-Trackern das größte VentureQuartal aller Zeiten. Gleichzeitig konzentriert sich das Kapital immer stärker auf wenige MegaPlayer wie OpenAI, Anthropic oder xAI. Viele Investierende sprechen inzwischen offen von einem „topheavy market“.
Der Effekt:
▶ Seed-Investments werden selektiver
▶ Infrastruktur gewinnt gegen reine SaaS-Modelle
▶ Der Application-Layer muss plötzlich echte Margen liefern
▶ Viele klassische SaaS-Geschäftsmodelle gelten intern bereits als „AI-gefährdet
Physical AI wird zum neuen Hype
Der vielleicht größte Shift im Valley: weg von reinen Chatbots, hin zu „AI in der physischen Welt“. Robotics-, Defenseund Autonomy-Deals gehören aktuell zu den aggressivsten Finanzierungsthemen im Markt. Besonders heiß:
▶ industrielle Robotik
▶ autonome Systeme
▶ Warehouse- Automation
▶ militärische DualUse-Systeme
▶ Manufacturing-AI
Isomorphic Labs sackt 2,1 Mrd. Dollar ein
Die DeepMind-Ausgründung Isomorphic Labs hat eine gigantische 2,1-Mrd.-Dollar-Runde abgeschlossen. Das Signal dahinter: AI-Drug-Discovery wird zunehmend als mögliches BillionenThema gehandelt. Viele Investierende glauben inzwischen, dass Pharma einer der ersten Bereiche sein könnte, in denen AI echten wissenschaftlichen Produktivitätsgewinn erzeugt – nicht nur bessere Software
Defense-Tech boomt weiter
Defense-Tech bleibt einer der aggressivsten VC-Sektoren in den USA. Andurilartige Modelle werden inzwischen kopiert für:
▶ autonome Überwachung
▶ Edge-AI
▶ militärische Sensorik
▶ Drohnen- steuerung
▶ Satellitenanalyse
Im Valley hört man inzwischen häufiger Begriffe wie „Palantir-Mafia“ oder „OpenAI-Mafia“, wenn es um die nächste Generation von Defense-Startups geht.
Das neue Buzzword: „Frontier Labs“
VC’s sprechen immer öfter nicht mehr von „AI-Start-ups“, sondern von „Frontier Labs“. Gemeint sind Firmen, die:
▶ eigene Modelle trainieren
▶ proprietäre Daten besitzen
▶ Hardware und Soft ware kombinieren
▶ wissenschaftliche Probleme lösen
▶ Infrastruktur kontrollieren
Nvidia wird zum Schatten-VC des Valleys
Nvidia investiert inzwischen aggressiv in AI-Start-ups weltweit – oft strategisch entlang der eigenen Chip-Nachfrage. Die Strategie:
▶ Beteiligungen an Infra-Playern
▶ AI-Clouds
▶ Robotics
▶ Model Companies
▶ Edge-AI
Damit entwickelt sich Nvidia zunehmend vom Hardwarehersteller zum strategischen Infrastruktur- und Ökosystemspieler.

Bild: Florian Leibert
❝Open-Source-Software hat schon früher Infrastruktur revolutioniert!“
Florian Leibert, Mitbegründer der Mesosphere und General Partner bei 468 Capital. Seine Kernthemen: Kernthemen: Infrastruktur, AI und Open Source
Das nächste große Ding: Quantencomputing
Während aktuell fast jede und jeder über AI spricht, baut sich im Hintergrund bereits die nächste Technologieschicht auf: Quantencomputing. Die USA investieren inzwischen Milliarden Dollar in Quantencomputing-Unternehmen, teilweise sogar gegen direkte Beteiligungen an den Firmen. Es geht längst nicht mehr nur um Forschung, sondern um strategischen Zugriff auf zukünftige Schlüsseltechnologien. Genau wie AI reale Industrie intelligenter macht, könnte Quantencomputing später jene Probleme adressieren, die heutige Rechner an ihre Grenzen bringen: Materialforschung, Chemie, Energieoptimierung oder industrielle Simulationen. Darin liegt auch eine Chance für Deutschland – wenn sie denn genutzt wird.
AI verändert Unternehmensstrukturen
Besonders sichtbar wurde diese Entwicklung zuletzt bei Cloudflare. Das Unternehmen meldete Rekordumsätze und strich anschließend 20 Prozent der Belegschaft. CEO Matthew Prince begründete den Schritt offen damit, dass AI eine ganze Kategorie von Arbeitskräften überflüssig gemacht habe. Es ist ein Beispiel von vielen. AI automatisiert inzwischen nicht mehr nur repetitive Tätigkeiten. Zunehmend geraten auch mittlere Wissensarbeitsbereiche unter Druck: Analyse, Dokumentation, Reporting oder interne Koordination. Nur: Das bedeutet nicht, dass die Arbeit verschwindet. Aber Arbeit verändert sich schneller als viele Unternehmen darauf vorbereitet sind. Gefragt bleiben vor allem Menschen, die Verantwortung übernehmen, verkaufen, bauen und komplexe Entscheidungen treffen können.
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