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Tesla-Rückruf: Drei Millionen Autos, ein Türgriff-Problem

Tesla kämpft in Deutschland
Erschienen
Aktualisiert
Lesezeit5 Min · 901 Wörter

Fast drei Millionen Tesla wegen tödlicher Türgriffe zurückgerufen, 2,7 Millionen weitere wegen Fahrerüberwachung. China zieht die Notbremse, das Design-Ikonenstück wird zur Kostenfrage.

Ein Türgriff, der bündig in der Karosserie verschwindet, galt lange als Symbol für Teslas futuristischen Anspruch. In China wird genau dieses Detail nun zum teuersten Problem des Herstellers: Fast drei Millionen Fahrzeuge müssen zurückgerufen werden, weil die Notentriegelung im Ernstfall nicht zuverlässig funktioniert. Es ist laut DIE ZEIT die bislang größte Rückrufaktion eines Autoherstellers in China überhaupt. Betroffen sind sowohl in China produzierte als auch importierte Fahrzeuge, das Problem zieht sich also durch die gesamte Modellpalette, die Tesla in seinem wichtigsten Markt außerhalb der USA anbietet.

Das Kernproblem ist simpel und genau deshalb gefährlich: Die elektrisch versenkbaren Griffe brauchen Strom, um aus- und einzufahren. Fällt die Stromversorgung nach einem Unfall aus, funktionieren die Türöffner nicht mehr. Insassen müssen dann auf mechanische Notentriegelungen zurückgreifen, die laut chinesischen Behörden nicht deutlich genug gekennzeichnet sind. Im Ernstfall, wenn Sekunden über Leben und Tod entscheiden, suchen Fahrer und Beifahrer dann nach einem Hebel, den sie im Alltag nie brauchten und dessen Position ihnen nicht geläufig ist.

Tödliche Präzedenzfälle treiben die Regulierung

Der Rückruf kommt nicht aus dem Nichts. Im September 2025 verbrannten bei Schwerte in Nordrhein-Westfalen ein 43-jähriger Fahrer und zwei neunjährige Kinder in einem Tesla, nachdem sich die Türen nach einem Aufprall gegen einen Baum nicht öffnen ließen, wie BILD berichtet. Ein Gutachter stellte damals ein Versagen der automatischen Notentriegelung fest. Bereits 2022 waren in Dobbrikow, Brandenburg, zwei 18-Jährige auf den Rücksitzen eines 670 PS starken Tesla Model S ums Leben gekommen, nachdem nach dem Aufprall ebenfalls die automatische Türentriegelung versagte, wie ein Gutachter feststellte. Diese Fälle zeigen ein strukturelles Muster, keinen Einzelfall. Die deutsche Staatsanwaltschaft schaltete deswegen sogar das Kraftfahrt-Bundesamt ein.

Auch in China gibt es laut SZ.de Medienberichten zufolge mehrere Fälle, in denen Elektroautos in Brand gerieten und Rettungskräfte die Türen nicht öffnen konnten, um Insassen zu befreien. In einem dieser Fälle starb der Fahrer, weil sich die Tür nicht öffnen ließ, allerdings nicht in einem Tesla, sondern in einem Elektroauto der chinesischen Marke Xiaomi. Das Problem versenkbarer Türgriffe betrifft demnach nicht nur einen Hersteller, sondern eine ganze Designphilosophie der Elektroautobranche. China geht nun einen Schritt weiter als Deutschland und macht ernst: Ab kommendem Jahr sollen versenkbare Türgriffe bei neu verkauften Fahrzeugen komplett verboten werden. Peking wäre damit weltweit das erste Land mit einem solchen Verbot. Angekündigt hatten die Behörden dieses Vorhaben bereits Anfang des Jahres, jetzt macht der Rückruf deutlich, wie akut der Handlungsdruck aus Sicht der Marktaufsicht ist. Für Tesla bedeutet das: Was bislang als kalkuliertes Sicherheitsrisiko galt, wird zur gesetzlich erzwungenen Neuentwicklung.

Zweiter Rückruf trifft die gleiche Flotte

Parallel zum Türgriff-Problem muss Tesla in China rund 2,7 Millionen weitere Fahrzeuge wegen mangelhafter Fahrerüberwachung zurückrufen, wie SZ.de dokumentiert. Die bisherige Kontrolle über das Lenkraddrehmoment erkennt demnach bei aktivierter Fahrassistenz nicht zuverlässig, ob Fahrende den Blick von der Straße abwenden. Tesla will künftig zusätzlich die Innenraumkamera zur Überwachung einsetzen. Ein großer Teil der Fahrzeuge dürfte von beiden Rückrufen gleichzeitig betroffen sein, da China für Tesla sowohl größter Absatzmarkt außerhalb der USA als auch zentraler Produktionsstandort ist. Zwei technische Kernkomponenten, Türsicherheit und Fahrassistenz, stehen damit gleichzeitig unter behördlicher Beobachtung.

Tesla reagiert bislang mit Software-Updates und zusätzlichen Warnhinweisen. Die betroffenen Fahrzeuge sollen neue Markierungen erhalten, außerdem soll ein Update dafür sorgen, dass sich nach einem Unfall automatisch die Fenster öffnen lassen. Ob das reicht, um das Grundproblem zu lösen, bleibt offen: Die Vorschrift ab 2027 zwingt Hersteller ohnehin zu einer technischen Kehrtwende, bei der mechanische Zuverlässigkeit wieder vor futuristischem Design stehen dürfte. Für Musk und sein Unternehmen ist das eine unbequeme Botschaft aus dem größten Automarkt der Welt: Design-Ikonen, die im Ernstfall versagen, werden künftig schlicht nicht mehr zugelassen.

Business Punk Check

Zwei parallele Rückrufe mit zusammen fast sechs Millionen betroffenen Fahrzeugen sind kein PR-Problem, sondern ein Systemfehler. Das Design-Feature, das Tesla jahrelang als Innovationsbeweis verkaufte, entpuppt sich als Sicherheitsrisiko mit Todesfolge, belegt durch zwei Unfälle in Deutschland allein.

Die unbequeme Wahrheit: China handelt hier schneller und härter als deutsche Behörden, die trotz Todesfällen bislang nur ermitteln statt zu regulieren. Das ist eine Machtverschiebung. Nicht Musk bestimmt das Tempo der Sicherheitsstandards, sondern Pekings Marktaufsicht.

Für Early Adopters bedeutet das: Software-Updates lösen ein mechanisches Grunddesign nicht. Wer auf ein bündiges Türgriff-Design setzt, kauft ein Konzept, das ein ganzes Land per Gesetz für obsolet erklärt hat. Die Kamera-Nachrüstung bei der Fahrerüberwachung zeigt zudem, dass auch andere Assistenzsysteme unter Nachbesserungsdruck stehen.

Auf einen Blick

  • Tesla ruft in China fast drei Millionen Fahrzeuge wegen mangelhaft gekennzeichneter mechanischer Notentriegelungen bei versenkbaren Türgriffen zurück.
  • In Deutschland kamen 2022 in Dobbrikow und 2025 bei Schwerte insgesamt fünf Menschen ums Leben, weil sich Tesla-Türen nach Unfällen nicht öffnen ließen.
  • China verbietet als weltweit erstes Land elektrisch versenkbare Türgriffe bei Neuwagen ab kommendem Jahr.
  • Ein zweiter Rückruf betrifft rund 2,7 Millionen weitere Tesla-Fahrzeuge wegen unzureichender Fahrerüberwachung bei aktivierter Fahrassistenz.

Quellen: Bild, ZEIT, Sueddeutsche, Deutschlandfunk

Martin Wald

Tech & Security

Martin Wald analysiert die Schnittstelle zwischen Geld, Macht und Alltag. Seine Themen reichen von Rente, Sozialstaat und Gesundheit bis zu Wirtschaft, Märkten und technologischen Umbrüchen. Er zerlegt politische Entscheidungen, Urteile und Trends auf ihre ökonomischen Folgen und macht sichtbar, wer gewinnt, wer verliert und wo Risiken liegen. Der Blick ist pragmatisch, pointiert und nutzenorientiert. Keine Wohlfühltexte, sondern Einordnung für Menschen, die verstehen wollen, wie Systeme funktionieren und was das für ihre Entscheidungen bedeutet.