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Any: Angriff auf den Kofferraum

Any: Angriff auf den Kofferraum
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Lesezeit3 Min · 683 Wörter

Europas Städte hängen am Auto – auch weil Einkauf, Gepäck und Familienkram irgendwo hinmüssen. Das belgische Startup Any will genau dieses Argument zerlegen und baut mit dem LUV1 ein elektrisches Zweirad mit 120 Litern Stauraum und bis zu 100 km/h Spitze.

Wer in europäischen Städten das Auto ersetzen will, muss mehr liefern als einen Elektromotor und ein grünes Gewissen. Any setzt deshalb nicht auf Verzicht, sondern auf Nutzwert: Das Zweirad soll möglichst viel von dem können, wofür Menschen heute noch selbstverständlich den Autoschlüssel greifen.

Das Motorrad mit Kofferraum

Die Idee hinter Any klingt simpel: Zweiräder müssen für das echte Leben gebaut sein. Einkäufe, Reisetaschen oder Arbeitszeug verschwinden schließlich nicht, nur weil jemand vom Auto aufs Motorrad umsteigt. Genau diese Lücke soll der LUV1 schließen. Das modulare Elektromotorrad kombiniert bis zu 120 Liter Stauraum mit 100 km/h Höchstgeschwindigkeit und soll damit die Ladekapazität eines Cargo-Bikes mit der Flexibilität eines Motorrads verbinden.

120 Liter gegen die Auto-Ausrede

Die Größe des Stauraums orientiert sich laut Any daran, was Menschen während einer normalen Woche tatsächlich transportieren: Lebensmittel, Wochenendgepäck, Koffer und all die Dinge, die sonst im Auto landen. Käufer können zwischen einem offenen Rahmen und verschiedenen Verkleidungen wählen – etwa für Hund, Arbeitsausrüstung oder Campinggepäck. Dazu kommen Optionen wie Windschutzscheibe, Gepäckträger und Regenponcho. Aus einem Fahrzeug sollen so Pendler-Mobil, Familienhelfer und Freizeitmaschine werden.

Pininfarina-DNA fürs Startup

Hinter dem Design steckt Lowie Vermeersch, ehemaliger Designchef von Pininfarina und Gründer von Granstudio. Schon bei der Präsentation des Prototyps während der Milan Design Week sorgte der LUV1 für Aufmerksamkeit. Vermeersch verantwortet nicht nur die kreative Ausrichtung von Any, sondern ist auch Investor. Gemeinsam will das Team eine neue Fahrzeugklasse etablieren: „Life Utility Vehicles“ – daher der Name LUV1.

7000 Euro statt Kleinwagen

Der Einstiegspreis soll bei rund 7000 Euro liegen – deutlich unterhalb eines Autos und ungefähr auf dem Niveau hochwertiger elektrischer Cargo-Bikes. Gleichzeitig soll lediglich ein A1-Führerschein erforderlich sein. Der endgültige Preis hängt von der Ausstattung ab, die Kunden online konfigurieren können. Das Interesse ist bereits da: Innerhalb der ersten 100 Tage kamen laut Mitgründer und CCO Erik de Winter mehr als 600 Reservierungen zusammen. Die Reservierungsgebühr von 49 Euro wird auf den Kaufpreis angerechnet und ist vollständig erstattungsfähig.

Millionen für die neue Fahrzeugklasse

Investoren wetten ebenfalls auf das Konzept. Any sammelte zunächst 1,5 Millionen Euro ein und legte im Mai weitere 1,25 Millionen Euro nach – insgesamt flossen bislang 2,75 Millionen Euro. CEO ist der frühere Venture-Capital-Investor Pieter Van de Velde. Zusätzliche Industriekompetenz kommt von Head of Engineering Alessandro Mangano, der zuvor unter anderem für Aprilia, Ferrari und die Piaggio Group arbeitete.

Zwei Akkus, 140 Kilometer

Zwei austauschbare Batterien sollen dem LUV1 eine Reichweite von bis zu 140 Kilometern ermöglichen. Damit trifft Any auf einen Markt, in dem Hersteller wie Piaggio längst elektrisch aufrüsten. Der europäische Motorradherstellerverband erwartet, dass Zweiräder in Europa bis 2030 größtenteils elektrisch unterwegs sein werden. Ein Elektromotor allein reicht deshalb kaum noch als Verkaufsargument – Any setzt stattdessen auf den Stauraum als entscheidenden Unterschied.

Nicht nur für Motorradfahrer

Der LUV1 soll ausdrücklich Menschen erreichen, die bislang gar kein Motorrad fahren. Pendler und Familien gehören ebenso zur Zielgruppe wie Gewerbekunden. Auch Unternehmen aus der Last-Mile-Logistik haben laut de Winter bereits Interesse signalisiert. Langfristig will Any deshalb nicht bei einem Modell bleiben, sondern ein ganzes Fahrzeugportfolio entwickeln – darunter könnte auch ein Dreirad entstehen.

Jetzt fehlen noch zehn Millionen

Bevor Any eine neue Fahrzeugklasse etablieren kann, muss allerdings die Produktion hochgefahren werden. Dafür sucht das Startup rund zehn Millionen Euro oder mehr in einer Series-A-Runde, die möglichst bis Jahresende abgeschlossen werden soll. Die Wette dahinter ist größer als ein neues Elektromotorrad: Any glaubt, dass viele Europäer gar nicht am Auto selbst hängen, sondern an dessen Bequemlichkeit. Wenn 120 Liter Stauraum, 140 Kilometer Reichweite und 100 km/h reichen, könnte ausgerechnet der Kofferraum zum stärksten Argument gegen den Kofferraum werden.

Günther Suchy

Günther Suchy ist bei Business Punk Head of Digital Editorial. Daneben ist er Professor für Kommunikation und Journalismus an der Duale Hochschule Baden-Württemberg am Campus Ravensburg – also einer, der die Medienwelt nicht nur lehrt, sondern lebt. Der promovierte Volkswirt kennt den Journalismus und die digitalen Medien jenseits des Elfenbeinturms: Er leitet das Hochschulradio „Das kleine U-Boot“, baut crossmediale Ausbildungs- und Produktionsformate auf und hält dabei immer den Finger am Puls der Branche. Bevor er an die Hochschule nach Ravensburg kam, war Suchy unter anderem in der Unternehmenskommunikation von MAN und in leitenden Funktionen digitaler Medienprojekte tätig – sowie als Online-Redaktionsleiter der Automotive-Formate bei Motorvision (DSF). Seine Lehr- und Forschungsprojekte bringen ihn immer wieder in die Welt hinaus: Nach China, Chile, Marokko oder Bhutan, wo er 2024 und 2025 am Royal Thimpu College lehrte und das Nationale Olympische Komitee zum Thema „Nachhaltigkeitskommunikation im Sport“ beriet. An der Universität Durban in Südafrika gibt er Seminare zum Thema "Green Startups". Zwischen Subkultur, Startup-Mindset und System fühlt er sich zu Hause – und genau aus dieser Perspektive schreibt er für Business Punk.