Fed-Poker: Die Märkte wetten auf September
Aktien und Anleihen ziehen in Asien gemeinsam an, während der Yen plötzlich Stärke zeigt. Doch die Erleichterung könnte schnell vorbei sein: US-Arbeitsmarkt, Inflation und die nächsten Signale der Fed entscheiden darüber, ob im September die nächste Zinserhöhung kommt.
Die Panik ist erst einmal vom Tisch, Entspannung sieht allerdings anders aus. Wenige Tage vor den entscheidenden US-Konjunkturdaten handeln die Märkte jedes neue Signal wie einen Hinweis darauf, was die Federal Reserve bei ihrer nächsten Sitzung tun könnte.
Die Erleichterungsrallye läuft
Aktien und Anleihen haben am Donnerstag in Asien eine spürbare Erholungsrallye hingelegt. Gleichzeitig setzte der japanische Yen seine kräftige Aufwertung vom Vortag fort. Anleger warten nun auf frische US-Konjunkturdaten und Aussagen von Notenbankern, die den geldpolitischen Kurs der Federal Reserve im September klarer machen könnten. Das ungewöhnliche Zusammenspiel aus steigenden Aktien- und Anleihekursen zeigt vor allem eines: Nach den jüngsten Turbulenzen wird erst einmal wieder Risiko genommen – allerdings mit angezogener Handbremse.
65 Prozent wetten auf die Fed
Die nächste Zinsentscheidung der Federal Reserve steht am 15. und 16. September an. Das Beige Book der Notenbank liefert dafür ein gemischtes Bild: Die US-Wirtschaft ist zuletzt leicht gewachsen, die Preise sind moderat gestiegen und auch die Beschäftigung hat geringfügig zugelegt. Gleichzeitig berichten Unternehmen von höheren Energiepreisen, politischer Unsicherheit und Belastungen durch internationale Konflikte. An den Finanzmärkten wird die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung im September inzwischen auf rund 65 Prozent taxiert. Noch vor einer Woche waren es lediglich etwa 40 Prozent. Die hawkischen Signale beim Jackson-Hole-Treffen – unter anderem von Fed-Verantwortlichen wie Kevin Warsh – haben die Wetten damit ziemlich deutlich verschoben.
Der Yen meldet sich zurück
Während an den Aktienmärkten vorsichtige Erleichterung herrscht, liefert der Yen die spektakulärere Bewegung. Die japanische Währung hat innerhalb von 24 Stunden eine ihrer stärksten Aufwertungen seit der gemeinsamen Intervention der USA und Japans Ende Juli hingelegt. USD/JPY rutschte zeitweise unter die Marke von 159 Yen pro Dollar. Dahinter steckt vor allem die wachsende Erwartung, dass die Bank of Japan bereits Mitte September die Zinsen erhöhen könnte. Nach Jahren ultralocker Geldpolitik reicht inzwischen schon die Aussicht auf eine etwas straffere Linie, um ordentlich Bewegung in den Devisenmarkt zu bringen.
War Tokio schon im Markt?
Die Geschwindigkeit der Yen-Rallye macht Händler allerdings nervös. Bei der japanischen Währung steht nach abrupten Kursbewegungen schnell die Frage im Raum, ob die Behörden selbst nachgeholfen haben. Japan hat in der Vergangenheit mehrfach gezeigt, dass es extreme Wechselkursbewegungen nicht einfach laufen lässt. Offizielle Hinweise auf einen erneuten direkten Eingriff gibt es bislang jedoch nicht. Damit bleibt als wahrscheinlichster Treiber zunächst die Kombination aus Zinsspekulationen, Positionsabbau und einem Markt, der plötzlich wieder mit einer stärkeren japanischen Währung rechnet.
Jetzt kommen die Zahlen
Die eigentliche Entscheidung über die nächste Fed-Runde fällt ohnehin nicht auf dem Devisenparkett, sondern mit den kommenden US-Konjunkturdaten. Am 4. September steht der Arbeitsmarktbericht für August an, am 11. September folgen die Inflationszahlen. Vor allem die Kerninflation dürfte zum Stimmungstest werden. Fällt sie überraschend hoch aus, bekommt das Lager der Zinsfalken weiteren Rückenwind – und eine Erhöhung im September würde deutlich wahrscheinlicher.
Inflation könnte den Poker entscheiden
Ökonomen rechnen allerdings eher mit einer stabilen Kerninflation von rund 0,2 Prozent gegenüber dem Vormonat. Sollte sich diese Erwartung bestätigen und gleichzeitig der Arbeitsmarkt keine neue Überhitzung signalisieren, könnte die Fed im September noch einmal die Füße stillhalten. Einige Experten halten deshalb eine Zinspause für wahrscheinlicher und sehen den nächsten Schritt erst im Oktober. Genau diese Unsicherheit macht die kommenden Daten so explosiv: Schon kleine Abweichungen von den Erwartungen können Milliarden an den Aktien-, Anleihe- und Devisenmärkten bewegen.
Wall Street sitzt zwischen den Stühlen
Die aktuelle Marktlage passt perfekt zu diesem geldpolitischen Poker. Steigende Aktienkurse und fallende Anleiherenditen signalisieren zunächst Erleichterung. Gleichzeitig bleibt die Volatilität hoch, denn eine überraschend harte Fed könnte die Stimmung innerhalb weniger Stunden wieder drehen. Besonders genau beobachten Investoren deshalb die langlaufenden US-Staatsanleihen. Deren Renditen liegen derzeit bei rund 4,7 Prozent und sind damit eine Art Echtzeit-Seismograf für Inflationsängste, Wachstumserwartungen und die vermutete Richtung der Geldpolitik.
Drei Notenbanken, eine heiße Woche
Und die Fed spielt nicht allein. Neben den amerikanischen Wirtschaftsdaten stehen im September auch wichtige Entscheidungen anderer Zentralbanken an. Die EZB entscheidet am 10. September über ihren weiteren Kurs, die Bank of Japan folgt am 17. und 18. September. Damit treffen innerhalb weniger Tage drei der wichtigsten geldpolitischen Akteure der Welt auf dasselbe Problem: Die Inflation ist noch nicht vollständig erledigt, gleichzeitig wächst die Sorge, mit höheren Zinsen die Wirtschaft unnötig abzuwürgen.
Die Ruhe kann schnell vorbei sein
Für Anleger bedeutet das vor allem eines: Die aktuelle Rallye ist noch kein Freifahrtschein. Wer sich vor Arbeitsmarktbericht, Inflationszahlen und Zentralbankentscheidungen zu aggressiv positioniert, wettet auf Ereignisse, bei denen schon wenige Zehntelprozentpunkte die komplette Marktstory verändern können. Die vergangenen Tage haben gezeigt, wie schnell aus Panik Erleichterung werden kann. Die kommenden könnten zeigen, wie schnell das Ganze auch wieder in die andere Richtung funktioniert.