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Shahak Shapira zeigt Deutschland, wie politische Satire funktioniert

Shapira
Kai Müller
Erschienen
Aktualisiert
Lesezeit9 Min · 1.891 Wörter

Auf die Schnauze zu bekommen, war das Beste, was Shahak Shapira passieren konnte. Es war dieser Moment am 1. Januar 2015 gegen 2.30 Uhr in der U6 von Berlin-Kreuzberg Richtung Mitte. Shapira fuhr gerade mit Freunden angetrunken von der einen zur anderen Silvesterparty, als eine Gruppe junger Deutsch-Araber in die Bahn stieg. „Fuck Israel“, riefen sie. „Fuck Juden!“ Shapira, selbst Israeli, griff ein, rief zurück: „Ich bin Jude, habt ihr ein Problem damit?“ Er zückte sein Telefon und begann zu filmen. Dann begannen sie, ihn anzuspucken und zu beleidigen, auf ihn einzuschlagen. Und plötzlich war Shapira in den Schlagzeilen: „Israeli in Berliner U-Bahn attackiert“ und „Eine Tragödie aus Deutschland“ titelten die Zeitungen, „Bespuckt, getreten und geschlagen“. Die Empörung war groß, die Betroffenheit natürlich auch, im Hintergrund immer die bange, deutsche Frage: Ist es wieder so weit? Damit hätte die Geschichte auch schon vorbei sein können: auf der einen Seite das arme jüdische Opfer, auf der anderen Seite die bösen Migranten, eine kurze verlogene Debatte über importierten Antisemitismus in Deutschland – auf zum nächsten Thema.

Aber Shapira ist kein Typ, der einer Auseinandersetzung aus dem Weg geht, fast egal wie heftig sie ist. Er ist keiner, der Bock auf die Rolle als bemitleidenswertes Opfer hat. Vor allem will er, wenn es irgendwie geht, das letzte Wort haben – und den letzten Lacher.

Seit jener Silvesternacht vor knapp zwei Jahren ist der heute 29-Jährige zu einem der nervigsten, witzigsten und klügsten deutschen Comedians und einer politischen Nervensäge geworden – ohne Redaktion, ohne Fernsehsender und ohne Vorgeschichte beim öffentlich-rechtlichen Radio. Eine mittlere Schlägerei, ein Facebook- und Twitter-Profil, viel Talent und Humor machten Shapira zu so einer Art deutsch-israelischer Mischung aus John Oliver und Louis C.K.

Als die drangsaliert Shapira mit großer Zuneigung die AfD, ihr Wehklagen über die mediale Ungerechtigkeit und ihre Bigotterie beim Familienbild. Schließlich sind quasi alle Parteiführer geschieden, während sie angeben, für konservative Werte und Traditionen einzustehen. Noch lieber hackt Shapira nur auf sich selbst herum und inszeniert sich als einsamen, traurigen und sarkastischen jungen Mann, der zu viel Zeit vor dem Rechner verbringt und dort vornehmlich onaniert – weshalb man ihn auch nicht an seinem Arbeitsplatz treffen kann, denn dann läge man ja faktisch in seinem Bett.

Keine Witze mit Barth

Also sitzt Shahak Shapira in einem kleinen Café in der Nähe des Landwehrkanals, direkt an der Grenze zwischen Kreuzberg 61 und Neukölln, die Haare etwas strubbelig, in einem nicht sonderlich lässigen Kapuzenpullover und regt sich erst einmal über deutsche Comedians auf. „Das Problem an erfolgreichen Comedians wie Mario Barth ist ja nicht, dass sie schlechte Comedians sind“, sagt Shapira. „Ich will nicht sagen, dass ich diesen Humor gut finde, aber das Problem ist: Sie sind ziemlich faule Comedians. Sie haben ihre Nische gefunden und erzählen im Grunde seit Jahren den exakt gleichen Witz.“

Shapira, der sich beim Kaffee als vorsichtig und selbstkritisch, fast schüchtern entpuppt, stammt nicht nur aus Israel, wo der Humor seit jeher schwärzer, härter und gnadenloser ist als in Deutschland. Er ist auch mit den großen Comedians aus den USA und Großbritannien aufgewachsen, mit Chris Rock und Louis C.K., mit Jerry Seinfeld und Ricky Gervais. Warum man Bierzelthumor betreiben sollte, ist Shapira jedenfalls maximal unklar. „In Deutschland wollen die Menschen von Comedians belehrt werden“, sagt er. Für ihn nämlich ist Humor kein Instrument zur Unterhaltung der Massen. Sondern eine elegante Technik der Selbstverteidigung.

Nachdem Shapira, der selbst in Neukölln lebt, in die Schlägerei an Silvester geraten war, wollte er nicht zum Opfer gemacht werden. Genauso wenig wollte er sich vor irgendeinen politischen Karren spannen lassen, schon gar nicht von Rechtsradikalen für deren Islam- und Ausländerhass, auch nicht von solchen aus seinem Heimatland Israel. Also setzte sich Shapira wieder an den Rechner, öffnete Facebook und schrieb: „Berlin ist immer noch fantastisch. Ich würde jederzeit furchtlos mit einem goldenen Davidstern an meinem beschnittenen jüdischen Schniedel durch die Gegend laufen, wenn ich auf so was stehen würde. Stellt erst mal sicher, dass euer Land weniger rassistisch wird.“

Dann ging alles ganz schnell: Die „Süddeutsche Zeitung“ wollte ein Interview, der „Spiegel“ schrieb Shapiras Familiengeschichte auf, israelische Tageszeitungen wunderten sich über den irgendwie patzigen, irgendwie witzigen Israeli ohne Angst, und als die „Bild“ das Statement mit dem beschnittenen Schniedel veröffentlichte, kommentierte Shapira: „Endlich berichtet die ,Bild‘ über etwas Sinnvolles: meinen Penis.“ Aber Shapira war immer noch nicht fertig: Eine Woche nach der Schlägerei postete er: „Okay, also habe ich nur noch ein paar Stunden, bis mein neu erworbener Ruhm für die paar eingesteckten Schläge abnimmt, und ich habe noch kein Geld aus dieser ganzen Sache gemacht“ – dazu ein Bild von einem T-Shirt mit der Aufschrift „I was attacked by Anti-Semites and all I got was this lousy shirt“. Ein paar Wochen später hatte Shapira nicht nur einen Buchvertrag unterschrieben, er hatte vor allem Zehntausende Fans auf Facebook und Twitter.

Wollte man einen Durchbruch als Comedian in Deutschland generalstabsmäßig planen, man hätte es kaum zielführender anstellen können. Und tatsächlich kann man Shapiras Leben vor der Schlägerei im Rückblick fast als eine Art Trainingslager für den Ernstfall verstehen.

Shapira, blond, blaue Augen, mittelgroß, ist 1988 in Israel geboren. Aufgewachsen in einer Art Hippie-Siedlung in der Westbank, erlebte er dort im Alter von zwölf die zweite Intifada hautnah mit. Dann zog er mit seiner Mutter und seinem jüngeren Bruder in ein Dorf in Sachsen-Anhalt. „Der erste Mensch, den ich da in Laucha gesehen habe, war ein Typ auf einem Fahrrad mit ganz vielen Piercings in seinem Gesicht, einer kurzen Hose und tätowierten Beinen – und am Knöchel hatte er ein Hakenkreuz tätowiert“, fasste Shapira seinen ersten Tag in Deutschland einmal zusammen. „Und ich dachte: geil. Das wird ein interessantes Leben, das ich jetzt führe.“

Zunächst wurde es nicht nur interessant, es wurde vor allem demütigend, erzählt Shapira. Wie er sich von überschaubar smarten Leuten im als NPD-Hochburg bekannten Laucha für dumm verkaufen lassen musste, weil sein Deutsch noch nicht gut war. Wie er merkte, dass er hier nie wirklich dazugehören würde, selbst als er mit 17 bereits Websites für Autohäuser baute und damit Geld verdiente.

Als Shapira mit der Schule fertig war, bewarb er sich an der renommierten Miami Ad School, wurde sofort genommen, zog direkt nach Berlin und tat, was dort eigentlich alle tun: Er arbeitete als Creative Director, drehte kleine Filmchen, versuchte sich an Musikvideos, legte unter dem DJ-Alias Shap im Ritter Butzke und anderen Clubs auf, produzierte zum Vergnügen eine Reihe überraschend eingängiger wie alberner Deep-House-Remixe – unter anderem von der Jahr-2000-Crossover-Hymne „Butterfly“ von Crazy Town und dem Schmuserockhit „Otherside“ von den Red Hot Chili Peppers.

Nachdem Zeitungen in Deutschland, Israel und auch die „New York Times“ einmal über die Schläger an Silvester berichtet hatten, konnte Shapira zwar eine Fanbase und gute Kontakte zur Presse vorweisen, doch es gab ein Problem: Er war jetzt „der lustige Jude“. Zwar ist das zutreffend und auch nun kein grundsätzliches Problem, aber auf ausschließlich diese Rolle hat Shapira exakt gar keine Lust. „Ich spreche gerne über Politik“, sagt er. „Aber doch nicht immer!“

Also entscheidet sich Shapira erst einmal, den unpolitischsten Quatsch überhaupt zu verbreiten, und startet 2015 den Youtube-Channel „90’s Boiler Room“. Dort lädt er Mash-ups aus Trash-Hits und den damals wahnsinnig beliebten Boiler-Room-Mitschnitten hoch, bei denen DJs und ihr Publikum scheinbar zufällig in höchster Ekstase gefilmt werden – was natürlich ein eitles Schmieren-theater-stück-chen ergibt, das all denjenigen, die nicht dabei waren, das unangenehme Gefühl verleihen soll, gerade richtig etwas zu verpassen. Shapira legt also unter die Videos bekannter DJs einfach die größte 90er-Schrottmusik: Richie Hawtin tanzt dann mit schwarz-rot-goldener Blumenkette lachend zu „Barbie Girl“ von Aqua, Sven Väth reckt freudig den Finger in die Luft, während die Backstreet Boys „Backstreet’s Back“ singen – Kulturkritik-Kleinodien, die die Lächerlichkeit des DJ-Startums und bräsig inszenierter Mitte-Feierei vorführen.

Als im Mai 2016 Shapiras Buch „Das wird man ja wohl noch schreiben dürfen – wie ich der deutscheste Jude der Welt wurde“ erscheint, steht sein Plan: Nur mit lustigen Social-Media-Posts und einem Buch soll es das nicht gewesen sein mit dem Auscashen seines Schlägereiruhms. Shapira will jetzt richtig Comedian werden, auftreten, ein Mann und ein Mikrofon und ein halbes Dutzend Pointen. Er will nicht nur auf Twitter die großen Debatten über Hashtags befeuern, nicht bloß mit halbwegs ahnungslosen Rappern über Politik sprechen – sondern überall und von jedem ernst, aber nicht zu ernst genommen werden. Also schaut sich Shapira einmal genauer an, was die ganzen jugendlichen Touristen am Denkmal für die ermordeten Juden Europas eigentlich so treiben. Er findet heraus: Unfug, herz- und kopflosen Unfug, der Shapira, dessen Großvater die Schoah als Einziger der ganzen Familie nur knapp überlebte, wütend macht. Er legt hinter die absurd albernen Instagram-Fotos, auf denen Jugendliche vor den Mahnmal-Stehlen posieren, Bilder aus Konzen-trationslagern, Fotos ausgemergelter Körper und von Leichenbergen. Der Titel der Arbeit: Yolocaust, ein Kofferwort aus dem Akronym Yolo, kurz für „You only live once“, und Holocaust. Die perfekte Provokation.

Die Debatte lässt nicht auf sich warten: Es ist eine Mischung aus Entsetzen und Verblüffung, aus Verunsicherung und Ablehnung. Doch das ungute Verhalten am Mahnmal, der Umgang mit der Erinnerung an die Verbrechen des Drittens Reichs überhaupt werden weltweit Gesprächsthema. Die ARD und die BBC berichten, in der „FAZ“ gibt Shapira ein langes Interview, absolut ernsthaft. Aber natürlich kommt der Vorwurf, er habe mit dem Schockeffekt nur sein Buch in die Bestsellerliste gebracht, mehr aber auch nicht.

Provokation als Option

Kann man so sehen, doch Shapira, den vor etwas mehr als zwei Jahren noch kein Mensch kannte, hat sich ein Image gezimmert, eines, das ihn in keiner Weise einschränkt. Er hat den Ruf, auch die härtesten gesellschaftlichen und politischen Themen so verpacken zu können, dass vom abgebrühten Teenager bis zur intellektuellen Feuilletonistin jeder sofort dazu eine Meinung und Haltung haben muss. Es kann also losgehen.

Für 2018 ist das erste Mal eine Stand-up-Comedy-Tour angekündigt, 15 Abende „German Humor“ sind aktuell geplant. Wenn alles gut geht, wird Shapira dann auch das erste Mal regelmäßig im Fernsehen auftreten. Und schon Mitte August erscheint sein neues Buch: „Holyge Bimbel: Storys vong Gott u s1 Crew“. Gott, die Schöpfungsgeschichte, der ganze heilige Krempel in SMS-Trash-Lingo. Natürlich kompletter Unsinn, der weder mit Shapiras Politsatire noch mit jener Silvesternacht irgendwas zu tun hat. Und genau das ist der Punkt für Shapira: Wenn er will, kann er den ganzen Politikquatsch machen, muss er aber nicht. Was eben auch geht: vollkommen ernst zu sein. „Ich hoffe, dass ich im Herbst das erste Mal wählen kann“, sagt Shapira. Es wird eine der teuersten Stimmen der Bundestagswahl sein. Denn um die deutsche Staatsbürgerschaft zu kriegen, musste Shapira fast 1 500 Euro in Anwälte, Tests und Dokumente investieren. „Aber ich dachte, ich kann ja nicht die ganze Zeit Witze über die AfD machen und dann nicht zur Wahl gehen.“

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Der Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe 04/2017. Titelgeschichte: FDP-Chef Christian Lindner und der radikale Relaunch seiner Partei. Mehr Infos gibt es hier.

Portrait Daniel Erk

Daniel Erk

Daniel Erk hat Politikwissenschaften und Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation in Göttingen und Berlin studiert. Er arbeitet als freier Journalist, wohnt in Berlin und schreibt, neben Business Punk, unter anderem auch für ZEIT Campus, Neon und DIE ZEIT.