Nguyen-Kim: „Ich bin dafür, dass der Mittagsschlaf in Büros etabliert wird“
Mai, Chemie wird von vielen ja eher gefürchtet. Was fasziniert dich an dem Fach?
Dass wir alle aus Molekülen bestehen. Wenn du es wissenschaftlich genau nimmst, sind du und ich nur zwei Haufen von Molekülen, die gerade über Moleküle kommunizieren. Das ist schon fast spirituell.
Das ist eine interessante Perspektive.
Es gibt einfach so viel cooles chemisches Wissen. Zum Beispiel: Obwohl Luft zum größten Teil aus Nichts besteht, hat jedes Luftmolekül eine Masse. Alle Luftmoleküle gemeinsam wiegen so viel, dass wir unter einer Last von einem VW-Polo sitzen. Dieses Wissen hat dein Leben jetzt zwar nicht verändert, aber es hat einen Wow-Effekt.
Du hast Chemie nicht nur studiert, sondern darin auch promoviert. Wieso hast du dich gegen eine wissenschaftliche Karriere entschieden?
Es war weniger, dass ich die Wissenschaft aktiv verlassen habe, sondern eher, dass ich mit Überzeugung in den Journalismus rein bin. Für mich war schon immer klar, dass über Wissenschaft zu reden und Leute aufzuklären genauso wichtig ist wie Forschung im Labor zu machen. Ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass die Forschung im Labor wertlos ist, wenn sie nicht aus dem Labor rauskommt. Und dazu gehört auch, dass man sie vermitteln kann.
Wieso ist es so wichtig, dass das Wissen den Elfenbeinturm verlässt?
Wenn ich überlege, was momentan an Technologien in unser Leben reinkommt – zum Beispiel autonomes Fahren und Gentechnik. Das sind Sachen, die sind real. Menschen müssen da politische und juristische Entscheidungen treffen. Nur auf welcher Basis treffen sie die? Sind die Leute gut informiert? Ist da genug Austausch? Da sehe ich meine Verantwortung als Wissenschaftlerin im Journalismus an den gleichen Stellen, wie im Labor.
Wie bist du auf die Idee gekommen Youtube-Videos zu machen?
Zum einen durch meine nerdige Freude an der Wissenschaft, die ich mit anderen Leuten teilen möchte, und weil ich schon immer viel über meine Arbeit gesprochen habe. Zum anderen, weil jede Wissenschaft eine schöne Metaebene hat. Wer sich mit Chemie auseinandersetzt, setzt sich automatisch mit einem wissenschaftlichen Denken auseinander. Dazu gehören die Suche nach Beweisen, eine gesunde Skepsis – auch gegenüber der eigenen Meinung, eine Offenheit für neue Erkenntnisse und auch eine gewisse Sachlichkeit. Aufklärung statt Aufregung. Das ist eine schöne Grundhaltung, die man überall in der Gesellschaft gebrauchen kann.
Wie entstehen deine Videos dazu?
Ich schaue immer was öffentlich diskutiert wird. Ich muss auch herausfinden, was Leute bereits wissen und wo vielleicht Missverständnisse kursieren. Wenn ich beim Googlen auf widersprüchliche Aussagen stoße, kann ich davon ausgehen, dass die Leute für eine ordentliche Aufklärung dankbar sein werden. Das heißt, neben der wissenschaftlichen Recherche, gehört für mich auch normales Googeln dazu.
Chemische Phänomene zu erklären ist ja schon anspruchsvoller als Schminktipps zu geben. Wie schaffst du es die Inhalte verständlich herunterzubrechen?
Das Wichtigste bei Kommunikation generell ist, dass man immer vom Publikum aus denken muss. Das klingt banal, aber das vergessen wir tatsächlich oft. Vieles ist Perspektivenwechsel. Je besser ich mich in jemand anderen hineinversetzen kann, desto besser kann ich Inhalte rüberbringen.
Was glaubst du, welchen Stellenwert hat die Wissenschaft in der Gesellschaft momentan?
Ich bin da etwas ambivalent. Einerseits scheint alles ein bisschen düster mit „Fake News“, Wissenschaftsskeptikern und Verschwörungstheorien. Durch meinen Youtube-Kanal merke ich aber immer wieder, dass die Leute es doch genau wissen wollen. Meine Strategie ist ja eigentlich nur den Leuten mehr zuzutrauen. Klassischerweise steigt man in den Medien bei komplexen Themen nie zu tief in die Materie ein. Aber bei einem Youtube-Video, auf das die Leute extra drauf klicken, um etwas zu erfahren, da laber ich die schon mal 20 Minuten lang mit wissenschaftlichen Details voll – und die Leute schauen es sich an!
Was möchtest du mit deinen Videos erreichen?
Einen wissenschaftlichen, respektvollen Umgang mit Themen. Weg von den emotionalisierten Debatten und wieder zurück zu den Fakten. Nebenbei finde ich es ganz schön, dass ich viele Frauen und Mädchen erreichen kann. In meinem Kanal sind 40 Prozent der Zuschauer weiblich. Wenn man das mit anderen naturwissenschaftlichen Formaten vergleicht, dann ist das wirklich viel.
Dein Promotionsthema waren Polymere, was den meisten von uns als Plastik bekannt ist. Was kann die Chemie denn für mehr Nachhaltigkeit tun?
Chemie ist nicht immer giftig und schlecht. Viele Chemiker versuchen sich an der Natur zu orientieren und beschäftigen sich damit, was für eine Art von Chemie man beispielsweise in Pflanzen findet und wie man sie einsetzen und nachbauen kann. Und ja, die Chemie hat uns Plastik geschenkt, aber sie ist jetzt auch dabei abbaubares Bio-Plastik herzustellen. Man kann die Chemie natürlich dazu einsetzen, um Profit zu machen, man kann sie aber auch nutzen, um eine nachhaltigere Welt zu gestalten.
Hast du ein Beispiel aus dem Alltag, wie mit Chemie Profit geschlagen wird?
Ich habe mal ein Video zu Mizellen-Produkte gedreht. „Mizellen“ ist im Grunde genommen nur ein fancy Wort für Seife. Letztendlich werden wir da schon ein wenig verarscht. Wenn wir keine Ahnung von Chemie oder Naturwissenschaften haben, kann das mit cleverem Marketing natürlich geschickt ausgenutzt werden.
Gibt es denn auch in der Arbeitswelt solche Mythen, die wissenschaftlich gesehen keinen Sinn ergeben?
Ja, da fällt mir spontan Multitasking ein. Das gibt es in diesem Sinne gar nicht. Das Gehirn kann nicht zwei Sachen gleichzeitig machen. Man kann nur schnell zwischen verschiedenen Tasks hin und her switchen. Es ist auch nachgewiesen, dass Multitasking zu Ineffizienz führt. Auch “Work hard, play hard” geht medizinisch gesehen nicht ganz auf, wegen des Schlafmangels. Wir bilden uns zwar ein, wir könnten uns an Schlafmangel und ein hartes Arbeitsleben gewöhnen, aber misst man die Dinge wie Aufmerksamkeit oder Konzentration physikalisch, so geht die Leistungsfähigkeit mit jedem Tag Schlafmangel einfach nur bergab.

Wie sieht es dann aus mit dem Early-Bird-Modus, den viele so anstreben, um die Produktivität zu steigern?
Es ist tatsächlich so, dass jeder Mensch eine eigene innere Uhr hat, die genetisch bedingt ist. Und je nachdem wann die aktiv ist, bin ich eher ein Früh– oder Spätaufsteher. Viele von uns sind aber eher Spätaufsteher. Doch Frühaufsteher haben den Ruf fleißig zu sein, und das ist Quatsch, weil man kann gegen seine Gene wenig machen.
Wenn man genetisch bedingt Spätaufsteher ist, sich morgens aber früh aus dem Bett quält, kann man sich auch nicht “umerziehen”. Denn man wird abends trotzdem nicht früher müde. Die Folge ist chronischer Schlafmangel. Ich bin nachgewiesenermaßen ein Spätaufsteher. Es gibt eine Forschungsgruppe in Berlin, die haben eine neue Methode entwickelt, da konnte ich das messen lassen.
Hast du denn Tipps gegen Müdigkeit im Büro?
Ich bin absolut dafür, dass der Mittagsschlaf in Büros etabliert wird. Das wäre richtig gut. Die Funktion von Schlaf ist, dass das Gehirn Pause machen kann. Mit einem kurzen Nap kann das Hirn sich kurz rechargen.
Und wie steht es um den guten alten Kaffee?
Koffein funktioniert. So viel ist sicher. Letztendlich hat das was mit Hirnchemie zu tun. Ob ich müde werde oder nicht, sagt uns unser Gehirn. Je mehr Energie wir verbrauchen, desto mehr entsteht von einem Molekül namens, Adenosin. Und für Adenosin haben wir in unserem Gehirn Rezeptoren und je mehr davon blockiert sind, desto müder fühlen wir uns. Koffein kann die Adenosin-Moleküle verdrängen. Und deswegen denken wir, wir sind fit.
Last but not least: Was ist deiner Meinung nach das Beste, das die Wissenschaft hervorgebracht hat?
Der Staubsaugerroboter.