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Wie das Startup Advocado Rechtsberatung digitalisieren will

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Aktualisiert
Lesezeit8 Min · 1.582 Wörter

Beim Wort Rechtsberatung bekommen viele Menschen Magenschmerzen. Wo kann man sich ersten Input holen? Wie kommt man an gute Anwält:innen? Was kostet das alles? Fragen über Fragen und Paragraphen über Paragraphen. Rechtsberatung ist ziemlich eingestaubt. Nichts, mit dem man sich gerne beschäftigen möchte.

Das Startup Advocado will den Markt digitalisieren und verspricht innerhalb von zwei Stunden passende Hilfe durch Anwält:innen zu bekommen. Man muss nur die Situation schildern, das Match übernimmt der Algorithmus. So bisschen wie bei Tinder. Wir haben mit CEO Andreas Schröteler gesprochen.

Was ist das Problem an der heutigen Rechtsberatung?

Ich würde nicht von einem Problem sprechen, sondern von den Möglichkeiten, die gerade im digitalen Bereich vorhanden sind und die zu wenig genutzt werden. Es gibt sehr viele neue Tools im Legal-Tech-Umfeld, die die Organisation und das Tagesgeschäft einer Kanzlei erheblich erleichtern. Leider scheuen sich nicht wenige noch davor, diese Tools auch zu implementieren, obwohl dadurch auch neue Berufe, wie der des „Legal-Engineers“ entstehen.

Das sind Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die als Schnittstelle zwischen juristischer Arbeit und Informatik fungieren und sich mit der Standardisierung und Automatisierung von juristischen Tätigkeiten beschäftigen. Eine Arbeit, die die Fallabwicklung für Anwälte und Anwältinnen und deren Mandantschaft deutlich beschleunigen kann. Die Branche ist definitiv im Umbruch und es wird Zeit, dass sie sich an die Geschwindigkeit der heutigen digitalen Welt anpasst. 

Wieso eine Digitalisierung?

Digitalisierung ist der Business-Treiber in nahezu allen Lebensbereichen und Branchen. Warum also nicht auch in der Rechtsberatung? Leider sehen viele Juristen und Juristinnen noch immer keine Notwendigkeit, den Anwaltsberuf in Richtung Digitalisierung weiterzuentwickeln; oftmals auch aus einer Art Unsicherheit heraus. Darüber hinaus ist es berufsrechtlich meist sehr schwierig, bestehende Muster aufzubrechen. Wir bemerken aber verstärkt, dass sowohl der Markt als auch die Juristen und Juristinnen und die Mandantschaft sich verändern.

Heute sind wir daran gewöhnt, schnell und digital an Produkte und Dienstleistungen heranzukommen – angefangen bei der Bestellung von Arzneimitteln bis hin zum Abschluss von Versicherungen. Warum sollte man nicht auch eine Rechtsberatung digital anfordern? Dafür kämpfen wir jetzt seit einigen Jahren unter anderem gemeinsam mit dem Legal-Tech-Verband, damit sich die Rechtsbranche weiterentwickelt und aktuelle Trends besser adaptiert. 

Wie ermöglicht ihr den Zugang für alle?

Advocado funktioniert als One-Stop-Plattform. Rechtsuchende geben bei uns auf der Plattform ihre Anliegen ein und werden über unseren eigens entwickelten, daten-basierten und selbstlernenden Matching-Algorithmus mit dem passenden Anwalt oder der passenden Anwältin verbunden. Danach folgt ein kostenloses Telefonat, bei dem der Anwalt oder die Anwältin den Fall mit den Rechtsuchenden bespricht und mögliche Lösungen und anfallende Kosten erläutert. Das erfolgt in der Regel innerhalb von zwei Stunden.

Wenn sich Rechtsuchende dann entschließen, den Fall anzugehen, können sie den jeweiligen Anwalt oder die jeweilige Anwältin über die Plattform damit beauftragen. Aber nicht nur die Kontaktaufnahme, sondern auch die gesamte Kommunikation per Video-Chat, der Dokumentenaustausch und die Zahlungsabwicklung finden einfach, schnell und sicher digital statt.

Bei Fragen und Problemen steht zusätzlich unser Service-Team zur Verfügung. So ermöglichen wir eine orts- und zeitunabhängige Rechtsberatung durch unsere Partner-Anwälte und Partner-Anwältinnen. Es ist doch so: Die Themen Anwalt und Rechtsfälle sind für viele erst einmal Neuland oder sie scheuen sich vor dem Gang in eine Kanzlei. Wenn es mal so weit ist, dass Menschen zum ersten Mal einen Anwalt oder eine Anwältin brauchen, wissen sie gar nicht, an wen sie sich wenden sollen. Dazu kommt die Sorge vor hohen Anwalts- und Prozesskosten oder den falschen Anwalt für seinen Fall zu wählen. Wir wollen ihnen diese Hürden nehmen und damit allen zu ihrem Recht verhelfen.

Welche Hürden zeigen sich für euch, eine relativ eingestaubte Branche zu digitalisieren?

Generell tut sich die Rechtsbranche oftmals noch schwer mit Veränderungen. Das liegt auch daran, dass der Markt stark reguliert ist. In der traditionellen Anwaltschaft herrscht immer noch die Angst, dass Legal-Tech-Anbieter ihnen eventuell die Mandantschaft und Fälle wegnehmen. Dabei könnten beide Seiten voneinander profitieren. Seit dem 1. Oktober diesen Jahres ist das sogenannte „Legal-Tech-Gesetz“ in Kraft getreten. Offizieller Name: Gesetz zur Förderung verbrauchergerechter Angebote im Rechtsdienstleistungsmarkt.

Dieses Gesetz ist ein erster wichtiger Schritt, denn es ist an der Zeit, dass sich die Regularien an die aktuellen Entwicklungen und Bedürfnisse der Rechtsuchenden anpassen. Das „Legal-Tech-Gesetz“ erlaubt Anwälten und Anwältinnen unter anderem, Inkassodienste oder Erfolgshonorare anzubieten. Im außergerichtlichen Verfahren können diese ohne Begrenzung, im gerichtlichen Verfahren bis zu einem Wert von € 2.000 erhoben werden.

Gerade bei kleineren Fällen macht das einen Unterschied. Die neue Regelung zu Erfolgs-Honoraren ermöglicht es erstmalig, Risiken für die Mandantschaft abzufedern – insbesondere bei kleineren Streitwerten. Das Gesetz bringt also nicht nur Legal-Tech-Anbieter und Anbieterinnen, sondern auch Anwälten, Anwältinnen sowie deren Mandantschaft viele Vorteile.

Spielen wir das mal durch: Ich bin Mitarbeiterin und schreibe eine schlechte Google-Bewertung über meinen Arbeitgeber, der mich dafür anklagen will. Ich wende mich an Advocado. Was muss ich machen und was passiert dann?

Du schilderst auf Advocado.de mit wenigen Klicks dein Rechtsproblem, in diesem Fall also die Klage deines ehemaligen Arbeitgebers gegen deine negative Bewertung. In Teilen deiner Bewertung hast du dich sehr kritisch gegen das Vorgesetztenverhalten, den Umgangston innerhalb deines ehemaligen Teams und die Gehälter geäußert.

Über unser Matching-System finden wir den passenden Partner-Anwalt oder die passende Partner-Anwältin für dich. Diesem schilderst du den Vorgang, idealerweise auch mit Beweismaterial wie E-Mails oder Gesprächsnotizen. Der Anwalt oder die Anwältin klärt dich innerhalb von zwei Stunden nach deiner Anfrage in einer kostenlosen Ersteinschätzung über die Optionen und Erfolgschancen in deinem Fall auf. Danach erhältst du für die Klärung deines Anliegens ein Festpreisangebot.

Der Partner-Anwalt überprüft anschließend, ob deine Bewertung gegen geltendes Recht verstößt. Nur wenn dies tatsächlich der Fall ist, kann dein Arbeitgeber sich gegen die Äußerung wehren und sie löschen lassen. Wenn deine Bewertung allerdings der Wahrheit entspricht, du dies auch belegen kannst, kann dein Anwalt oder deine Anwältin dafür sorgen, dass die Bewertung bestehen bleibt. Parallel dazu kann dein Anwalt oder deine Anwältin dich gegenüber der Gegenseite vertreten und unberechtigte Forderungen, zum Beispiel Schadensersatz oder andere Sanktionen, zurückweisen.

Was kostet mich ein Anwalt oder eine Anwältin, ist es günstiger über eure Plattform oder gar teurer, weil noch Provision an euch geht?

Die Kosten sind von Fall zu Fall verschieden. Bei uns ist die Ersteinschätzung eines Partner-Anwalts immer kostenlos und unverbindlich. Den Rechtsuchenden werden dabei alle möglichen Chancen, Risiken, Optionen, Kosten und Erfolgsaussichten erläutert – transparent und fair. Noch vor der Beauftragung erhalten Rechtsuchende das Festpreisangebot und alle Leistungen aufgelistet. Falls eine Rechtsschutzversicherung vorhanden ist, können die Kosten auf Wunsch darüber abgerechnet werden. Für unsere Leistungen zahlen Rechtsuchende nichts. Auf der Anwaltsseite erhebt advocado Gebühren, bestehend aus einer festen und einer transaktionalen Komponente.

Wie rekrutiert ihr die Anwält:innen und prüft ihre Qualität?

Wir arbeiten mit einem Netzwerk aus mehr als 550 geprüften Partner-Anwälten in Deutschland und Österreich zusammen. Jeden Anwalt und jede Anwältin wählen wir einzeln nach Fachrichtung und Region aus. Unsere Qualitäts-Kriterien sind unter anderem: Spezialisierung, Expertise, Erfahrung, Reaktionsgeschwindigkeit, Freundlichkeit und Verlässlichkeit. Unsere Partner verpflichten sich zur Einhaltung unserer strengen Qualitätsrichtlinien. Die Beratungsqualität unserer Partner-Anwälte und Partner-Anwältinnen wird regelmäßig überprüft.

Wieso ist die Plattform für Anwält:innen lukrativ?

Weil wir Kanzleien im ersten Schritt bei der Mandantenakquise und bei deren Marketingaktivitäten unterstützen. Im zweiten Schritt konzentrieren wir uns darauf, die Daten der Rechtsuchenden zu standardisieren, um mithilfe von Technik Fallstrecken aufzubauen. Unser Ziel ist es, die Fälle so zu standardisieren, dass unsere Partner-Anwälte und Partner-Anwältinnen einerseits schneller arbeiten können und deren Mandantschaft andererseits schneller zu ihrem Ergebnis, also zu ihrem Recht kommen.

Über unsere Plattform werden Rechtsfälle digital abgewickelt. Unsere Partner-Anwälte und Anwältinnen sind vor allem von der digitalen Mandatsbearbeitung überzeugt. Das erspart ihnen oftmals viel Arbeit, sodass sie sich ganz auf die Rechtsberatung für ihre Mandantschaft konzentrieren können. Den Rest übernehmen wir, wie eine Art digitales Sekretariat. Gerade für kleinere Kanzleien bietet unser Service Vorteile, denn der Rechtsmarkt ist weiterhin stark umkämpft. Wir verhelfen zu mehr Online-Sichtbarkeit.  

Wie sieht für euch der Rechtsmarkt der Zukunft aus?

Ich bin der Ansicht, dass sich der Rechtsmarkt in den kommenden Jahren immer weiter digitalisieren wird. Die Pandemie hat uns gezeigt, dass Rechtsberatung auch digital verlaufen kann. Unsere internen Auswertungen bestätigen, dass Menschen gerade in Krisenzeiten nach einer schnellen und zuverlässigen Beratung suchen. Digitale Bearbeitungs- und Abwicklungsmöglichkeiten bieten da einen Vorteil.

Auf dem Rechtsmarkt ist das Potenzial von Technologien noch lange nicht ausgeschöpft. Viele Rechtsfälle werden in Zukunft sicherlich nicht mehr durch Standardprozedere, sondern durch hochspezialisierte Anwendungen gelöst. Durch eine Standardisierung und Automatisierung können teils langwierige Arbeitsabläufe beschleunigt werden.

Auch ein hoher Arbeitsaufwand, Krankheitsfälle in der Kanzlei oder urlaubsbedingte Lücken können so besser abgefedert werden. Das ist ein Vorteil für Kanzleien und Rechtsuchende gleichermaßen. So können sich Anwälte und Anwältinnen komplexeren Fällen widmen, für die Rechtsuchenden bleiben die Kosten durch standardisierte Prozesse überschaubarer. Unser größtes Anliegen ist es, den Rechtsmarkt zu liberalisieren und gemeinsam für die Rechtsuchenden weiterzuentwickeln.

Portrait Nicole Plich

Nicole Plich

Nicole studiert den Klassiker „Irgendwas mit Medien” und hat noch den idealistischen Anspruch mit Wörtern die Welt zu bewegen. Wenn sie im Internet mal nicht nach lustigen Donald Trump-Memes sucht oder Fantheorien zu Game of Thrones liest, interessiert sie sich für Popkultur, Wirtschaft und was im Bundestag so vor sich geht.