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AI for All: Südkoreas Gratis-KI verspricht mehr, als die Chips hergeben

KI für alle als Grundversorgung in Südkorea.
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Lesezeit3 Min · 694 Wörter

Gratis-KI für 52 Millionen – die Rechenkapazität reicht für 51.000

Ein Staat verspricht unbegrenzten KI-Zugang für alle Bürger. Die zugeteilten Chips reichen rechnerisch für einen Bruchteil der Bevölkerung gleichzeitig. Genau dieser Abstand macht Südkoreas Projekt „AI for All“ zum interessantesten KI-Realitätstest des Jahres. Eine Einordnung.

Am 28. August hat das südkoreanische Wissenschaftsministerium aus sechs Bewerbern drei Konsortien ausgewählt: eines unter Führung von SK Telecom, eines unter KT, eines unter Kakao. Ihr Auftrag: kostenlose, öffentliche KI-Chatbots ohne Nutzungslimits. Die Verträge sollen im September unterschrieben werden, nach einer Beta-Phase ist der Start für Ende 2026 geplant. Damit setzt Seoul ein Zeichen, das weit über den eigenen Markt hinausreicht. Kaum eine andere Regierung hat bisher versucht, KI wie Strom oder Wasser zu behandeln – kostenlos, flächendeckend, ohne Deckel.

Drei Konzerne, drei Wetten auf die Gewohnheiten der Bürger

SK Telecom setzt auf einen aufgabenorientierten Assistenten, der eine Anfrage von der Planung bis zur Ausführung durchzieht – erreichbar per App, Web, Telefon und SMS. Das schließt ausdrücklich Menschen ohne Smartphone-Routine ein, ein Punkt, der in einer alternden Gesellschaft politisch schwer wiegt.

KT verschmilzt öffentliche und kommerzielle Dienste in einem einzigen Gespräch, mit Zugängen über Daum, Partnerplattformen wie Musinsa und Zigbang sowie eigene Telekom- und IPTV-Kanäle. Kakao macht KakaoTalk zur zentralen Anlaufstelle für Reservierungen, Anträge und Zahlungen, ergänzt um Spezialagenten für Pflege, Steuern, Gesundheit, Finanzen, Bildung und Beschäftigung.

Der Fachdienst Implicator beschreibt den gemeinsamen Nenner: Der Schwerpunkt liegt auf dem Abschluss konkreter Aufgaben – Einkauf, Wohnungssuche, Behördengang –, nicht auf dem bloßen Beantworten von Fragen. Drei Ökosysteme, drei Wetten darauf, wo die Bürger ihre digitale Zeit ohnehin schon verbringen.

Der Chip-Deal: großzügig auf dem Papier, eng in der Rechnung

Für 2026 stellt der Staat den drei Betreibern insgesamt 512 Nvidia-B200-GPUs bereit. Ab 2027 soll der Haushalt einen Teil der Betriebskosten übernehmen. Die Summe: offen.

Und hier wird es sportlich. Eine Kapazitätsrechnung vom 17. Juli beziffert die Leistung eines Betreibers mit 256 B200-Chips auf rund 51.000 gleichzeitige Nutzer. Verteilt über einen ganzen Tag ergibt dieselbe Rechnung theoretisch 18,4 Millionen Nutzer. Selbst wenn man das auf alle 512 Chips hochzieht, steht eine sechsstellige Zahl gegen 52 Millionen Bürger.

Wichtig für die Einordnung: Das sind Annahmen, keine gemessene Leistung. Sie unterstellen schlanke, hochoptimierte Modelle, kurze Anfragen und keinen plötzlichen Nachfrageschub. Und sie stammen aus der Zeit vor der Betreiber-Auswahl. Welches der drei Konsortien den größten Chip-Block bekommt, hat das Ministerium bislang nicht mitgeteilt – ein Detail, das über die reale Belastbarkeit des Systems mitentscheidet.

Die Zahl, die im Ministerium niemand nennt

Mehr als 20 Millionen Südkoreaner nutzen nach Schätzung der Regierung bereits kostenlose Generative-KI-Angebote. Ein Zielwert, wie viele davon auf die staatlichen Dienste umsteigen sollen, existiert nicht.

Das ist für ein Projekt dieser Größenordnung bemerkenswert. Eine Regierung baut Infrastruktur und sagt nicht, wie viele Menschen sie am Ende tragen soll. Gesamtkosten: nicht festgelegt. Finanzierungsmodell ab 2027: nicht festgelegt. Adoptionsziel: nicht festgelegt. Wer so plant, hat entweder sehr viel Vertrauen in die Nachfrage – oder sehr wenig Interesse daran, später an einer Zahl gemessen zu werden.

Die Quote, die aus Sozialpolitik Industriepolitik macht

Der eigentliche Hebel steckt im Kleingedruckten der Juli-Regeln. Mindestens die Hälfte der Modellnutzung jedes Dienstes muss von unabhängigen koreanischen Basismodellen kommen, weitere dreißig Prozent von heimischen Entwicklern außerhalb des Lead-Betreibers. Ausländische Modelle dürfen begrenzte Funktionen übernehmen, bekommen dafür aber keine staatliche Förderung.

Damit ist „AI for All“ nur an der Oberfläche ein Bürgerservice. Darunter liegt ein Nachfrageprogramm für die heimische KI-Industrie, finanziert über einen kostenlosen Endkundendienst. Der Staat kauft nicht Chatbots, er kauft Auslastung für koreanische Modelle.

Auf einen Blick

  • Südkorea wählte SK Telecom, KT und Kakao aus, um kostenlose KI-Basisdienste ohne Nutzungslimits für alle Bürger aufzubauen.
  • Der Staat stellt den Konsortien 2026 insgesamt 512 Nvidia-B200-GPUs bereit, ab 2027 soll er einen Teil der Betriebskosten mittragen.
  • Eine Juli-Kalkulation beziffert die Kapazität eines Betreibers mit 256 Chips auf rund 51.000 gleichzeitige Nutzer, bei täglicher Verteilung theoretisch auf 18,4 Millionen Nutzer.
  • Die Gesamtkosten des Programms, das Finanzierungsmodell nach 2026 und ein Adoptionsziel sind bislang nicht festgelegt.

Quellen: Implicator

Portrait Uli Weißgerber

Uli Weißgerber

Seit über 25 Jahren bewegt er sich an der Schnittstelle von Medien, Marketing und Technologie. Stationen? Sport1, ProSiebenSat.1, Bertelsmann – er war beim Start von Sport1.de dabei hat unter anderem die erste Affiliate-Kampagne in Polen ausgerollt hat. Später hat er mit getperformance das erste TV-Performance-Tracking entwickelt und Marken wie Trivago ins Fernsehen katapultiert. Als Gesellschafter von Promipool wurde er Publisher und baute ein starkes, unabhängiges Content-Portfolio auf. Heute bringt er mit seinem Team und Partnern eigene, komplexe KI-Workflow-Lösungen in Verlage und Agenturen, die mehr können als Buzzwords – unter anderem steuern sie die komplette digitale Plattform von Business-Punk.com.