AI SLOP of the Week
Warum es diese Kolumne gibt
Kreativität war lange das eine, was uns keine Maschine abnehmen konnte. Ein Mensch sitzt vor einem leeren Blatt, hat eine Idee, die vorher niemand hatte, und macht daraus etwas, das andere fühlen. Jetzt gibt es Werkzeuge, die in Sekunden Bilder ausspucken, und plötzlich stellt sich jeder dieselbe Frage: Ersetzt das die Idee oder hilft es ihr?
Meine Antwort ist unbequem einfach. KI ist ein fantastisches Werkzeug, solange sie Werkzeug bleibt. Ein Pinsel malt kein Bild, er hilft einem Menschen, eines zu malen. In dem Moment, in dem die Maschine die Idee ersetzen soll statt sie zu tragen, kommt Slop heraus. Und Slop erkennt inzwischen jeder.
Deshalb diese Kolumne. Alle zwei-drei Wochen klicken wir uns durch die Werbeplattformen, sammeln den KI-Content ein, der uns entgegenspringt, und schauen genau hin: Was die Marke wollte, was die Maschine daraus gemacht hat, und wie das Publikum reagiert. Es geht nicht darum zu verurteilen, dass KI benutzt wurde. Es geht darum zu zeigen, wann sie hilft und wann sie im Weg steht.
Achtung: Dieser Text kann Spuren von Humor enthalten. Wer Werbung für heilig hält, liest besser weg.
Es gibt eine neue Standard-Beleidigung in deutschen Kommentarspalten, und sie ist zwei Wörter kurz: „AI slop“. Früher schrieb man unter miese Werbung „cringe“. Heute schreibt man „ki müll“, und jeder weiß sofort Bescheid. Das Spannende daran ist nicht der Spott. Es ist, dass die Leute inzwischen ein geschultes Auge haben. Sie erkennen den falschen Buchstaben auf dem Shirt, die Hand mit sechs Fingern, das Lächeln, das nirgendwo hinführt.
„Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.“ Genau die Arbeit sparen sich hier vier Marken, und genau das riecht das Publikum. Diese Kolumne sammelt alle zwei Woche die Anzeigen, bei denen jemand sein Budget durch einen Bildgenerator gejagt und dabei vergessen hat, dass am anderen Ende Menschen mit Meinung und Daumen sitzen.
Neu ab dieser Ausgabe: Wir raten nicht, wir messen. Jede Ad läuft durch unseren eigenen Digital Score, das Kampagnen-Scoring-Tool, mit dem wir sonst Kundenkampagnen bewerten. Es scrapt die echten Kommentare, klassifiziert sie nach Stimmung und rechnet daraus einen Wert von 0 bis 100, plus Rang und Urteil. Kein Bauchgefühl, sondern die Reaktion der Leute in einer Zahl. Sortiert ist die Liste nach genau diesem Score, schlechtester zuerst.
Kurz vorab, weil es die ganze Woche zusammenhält: Das Publikum hasst KI-Werbung nicht pauschal. Es hasst schlechte, faule, ersetzende KI-Werbung. Hybride Sachen, bei denen KI ein echtes Handwerk verstärkt statt es zu simulieren, kommen durch. Was gerade durch die Feeds schwappt, ist etwas anderes: ein Überangebot an Creatives, die billig aussehen, weil sie billig gemeint sind. Los geht’s.
Platz 4: Paulaner, 50/100, „Zu wenig Signal“

Was du siehst: eine freundliche Wirtin, die in einem Gasthaus ein Weißbier zapft. Darüber „Du führst keinen Betrieb. Du kämpfst an 12 Fronten. Hol dir einen Partner, der Gastro versteht.“ Unten links, klein, ein Label: „AI GENERATED“.
Der vermutete Prompt: „warm, cozy bavarian pub, friendly female bartender pouring a wheat beer, natural light, authentic, photorealistic„. Und genau da liegt der Witz, den sich Paulaner selbst gebaut hat. Die Ad verspricht einen Partner, der Gastro-Handwerk versteht, und illustriert das mit einer Wirtin, die es nie gab, in einer Wirtschaft, die nie existierte, mit einem Bier, das nie geflossen ist.
Der Score von 50 klingt harmlos, ist aber das Gegenteil. Er heißt „Zu wenig Signal“: zwei Likes, drei Kommentare. Bei einer Marke dieser Größe ist das keine Reaktion, das ist eine Stille, die man hören kann. Der einzige inhaltliche Kommentar bringt es auf den Punkt: „Schmeckt genauso künstlich wie die Werbung.“
Die Wissenschaft dazu: Werbewirkung lebt von Kongruenz, also davon, ob Aussage und Bild zusammenpassen. Wer Nähe verkauft und synthetische Distanz zeigt, erzeugt einen Bruch, den das Gehirn als unecht markiert, bevor der Text überhaupt gelesen ist. Bei einem B2B-Angebot an Gastronomen ist Vertrauen die ganze Währung. „AI Generated“ und Vertrauen im selben Rahmen vertragen sich schlecht.
So wäre es besser: ein echter Wirt, ein echter Tresen, eine Zapfanlage, die auch mal Schaum danebenlaufen lässt. Paulaner hat tausende echte Partner. Einer davon vor der Kamera kostet einen Nachmittag und wirkt glaubwürdiger als jeder Prompt.
Platz 3: Liqui Moly, 40/100, „Gemischt“

Was du siehst: eine blonde Frau in der Tiefgarage, Rücken zur Kamera, Oversize-Shirt mit „LIQUI MOLY, FOR THE DRIVERS SINCE 1957“, daneben ein weißer Sportwagen. Auf den ersten Blick fast eine echte Streetwear-Kampagne. Auf den zweiten steht auf dem Shirt „LIQVI MOLY“. Mit V. Weil der Generator Buchstaben nicht als Sprache versteht, sondern als Formen, die ungefähr passen.
Der vermutete Prompt: „editorial streetwear photography, blonde model from behind, oversize white tee, parking garage, luxury sports car, moody lighting, 35mm“. Hübsch gebaut, aber der eigene Markenname ist falsch geschrieben. Bei einer Marke, deren ganzes Versprechen „wir kennen Motoren genauer als du“ lautet, ist das kein Detail. Das ist der Sturz mitten im Versprechen.
Der Score von 40 ist der beste der Woche, was viel über die Woche sagt. Die Kommentare pendeln zwischen „ai slop“ und „holly ai slop“. Mein Favorit zeigt, wie schnell das zum Bumerang wird: Eine Design-Agentur bietet öffentlich an, den Merch „in ECHT und in GUT“ nachzudrehen, inklusive Referenzen. Wenn deine Werbung so schlecht ist, dass die Konkurrenz sie in deiner eigenen Spalte als Akquise-Vorlage nutzt, hast du verloren.
Die Wissenschaft dazu: In der Signaltheorie zählen „costly signals“. Ein echtes Shooting mit Model, Location und Fotograf kostet Geld, und genau das ist die Botschaft. Es zeigt, dass die Marke an sich selbst glaubt. Ein KI-Bild signalisiert das Gegenteil, nämlich fünf Minuten und einen Prompt. Das liest das Publikum unbewusst mit. Billig produziert wirkt wie billig gemeint.
So wäre es besser: exakt das Angebot aus den Kommentaren. Echtes Model, echte Garage, echtes Shirt, auf dem der Name stimmt. Bei einer Ingenieursmarke ist Handwerk kein Extra, es ist das Produkt.
Platz 2: Plan B Net Zero, 20/100, „Wird zerrissen“

Was du siehst: hellgelbes Layout, oben „MORE IS LESS“, dann groß „Du liebst Matcha, aber dein Stromvertrag ist immer noch nicht grün.“ Darunter eine Frau, die an einer Bar einen Matcha verschüttet, dazu ein Gewinnspiel-Störer über Sofortgewinne und Millionenpreise. Unten links das Kürzel „AI“.
Der vermutete Prompt: „young woman, oversized hoodie, spilling iced matcha at a bar, playful, candid, trendy cafe, clean girl aesthetic“. Nimm dir eine Sekunde für die Konstruktion. Ein Ökostrom-Anbieter, dessen komplettes Argument ökologische Verantwortung ist, wirbt mit einem KI-Bild. Also mit der Technologie, deren Rechenzentren gerade zu den größten neuen Stromfressern der Welt zählen. Der Widerspruch steht nicht zwischen den Zeilen, er ist die Anzeige.
Der Score von 20 kommt mit dem Urteil „Wird zerrissen“, und die Zahlen dahinter sind brutal: ein Like, fünfundzwanzig Kommentare, Stimmung zu 100 Prozent negativ. Der Top-Kommentar mit 305 Likes: „AI-Werbung für grünen Strom ist auch ziemlich paradox.“ Dahinter: „Ihr redet von Ökostrom, benutzt aber KI, das sollte verboten sein.“ Und trocken: „Schlechteste Werbung die ich dieses Jahr gesehen habe.“
Die Wissenschaft dazu: ein Lehrbuchfall von kognitiver Dissonanz plus Einbruch der Quellenglaubwürdigkeit. Eine Marke ist nur so überzeugend wie die Deckung zwischen dem, was sie sagt, und dem, was sie tut. Sagt sie „grün“ und tut sichtbar das Gegenteil, liest das Publikum Heuchelei. Und Heuchelei wird härter bestraft als Unvermögen, weil sie nach Absicht aussieht.
So wäre es besser: ein Anbieter, der bewusst keine KI-Bilder anfasst und genau das zur Botschaft macht. In einem Markt, in dem alle mit dem gleichen Generator werben, wird „von Hand gemacht“ zum stärksten Unterschied, den du haben kannst.
Platz 1, Slop der Woche: DHL, 9/100, Kommentarspalte in Flammen

Was du siehst: einen Hamster. Im grauen Nadelstreifenanzug, mit rosa Schleife auf dem Kopf, Aktenkoffer in der Pfote, gelbem Zettel in der anderen. Er steht abends vor einer Tür, Lichterketten im Hintergrund. Darüber: „Gelber Zettel am Briefkasti, aber Filiali jetzt geschlossi?“
Der vermutete Prompt: „cute anthropomorphic hamster in a pinstripe business suit, tiny briefcase, holding a yellow delivery note, standing at a door at night, bokeh lights, adorable, photorealistic“. Dazu jemand, der beschlossen hat, echte Kundenprobleme klängen netter in Babysprache. „Briefkasti“. „Filiali“. „geschlossi“. Ich musste das dreimal lesen. Es wirkt, als würde dich ein Konzern beim Warten aufs Paket auch noch am Kopf tätscheln.
9 von 100. Das ist kein Ergebnis mehr, das ist ein Tatort. Outrage-Wert 40, Stimmung zu 100 Prozent negativ, und das Beste: Die Leute reden fast gar nicht über den Hamster. Sie reden über den Service. „Liefert mir mal endlich überhaupt meine Pakete“ (85 Likes). „warum macht ihr werbung statt einfach euren service oder die arbeitsbedingungen eurer mitarbeiter zu verbessern“. „ki müll“. Die Anzeige stellt eine Bühne hin, und das Publikum nutzt sie, um über den echten Ärger zu reden.
Die Wissenschaft dazu: zwei Sachen auf einmal. Erstens das Uncanny Valley, jener schmale Bereich, in dem etwas fast lebensecht wirkt und genau deshalb unheimlich. Ein sprechender Hamster-Geschäftsmann sitzt mittendrin. Zweitens, und schwerer, die Lücke zwischen Werbebild und Alltagserfahrung. Liegen gezeigte und erlebte Welt zu weit auseinander, kippt Werbung in Reaktanz. Die Leute wehren sich gegen die Beeinflussung und antworten mit Spott. Ein niedliches Bild löscht keine schlechte Zustellung. Es befeuert sie.
So wäre es besser: weniger Hamster, mehr Ehrlichkeit. Ein Augenzwinkern plus eine echte Verbesserung gewinnt die Spalte. Wer nur das Problem hübsch anmalt, während es weiter besteht, verliert sie mit 9 Punkten.
Und jetzt das Gegenteil: KI, die wir feiern
Damit hier kein falscher Eindruck entsteht. Das Problem ist nie die KI. Das Problem ist, wofür sie benutzt wird. Sobald jemand versucht, mit einem Generator ein echtes Fotoshooting zu fälschen, riecht das Publikum den Beton. Aber es gibt eine ganze Welle von Creators, die genau andersrum denken, und die räumen gerade ab.
Ein Beispiel dieser Woche: Fabio Niebling. Ein Reel im Look einer verranzten Überwachungskamera, eine Figur im weißen Gewand macht auf einer Straße einen Dealer-Handshake, Bildunterschrift „plug got that clear“. 97.000 Likes, 430 Kommentare, und die Leute lachen mit statt gegen. Der Unterschied ist simpel: Hier tut die KI nicht so, als wäre sie echt. Das Künstliche, das Grieselige, das Unmögliche ist der Witz. Kein Mensch, kein Kamerateam der Welt hätte diese Szene so drehen können, und genau darin liegt der Reiz.
Das ist der Bereich, in dem KI aufblüht. Surreale Comedy, artsy Musikvideos, traumlogische Bildwelten, Sachen, die es ohne die Technik nicht geben könnte. Nicht Ersatz für Realität, sondern eine eigene Sprache. Wer KI so einsetzt, bekommt kein „ki müll“ unter den Post, sondern Leute, die es teilen.
Die Faustregel für alle, die diese Kolumne als Warnung lesen: Fälsch nichts, das echt sein sollte. Bau lieber etwas, das echt gar nicht sein kann. Dann steht die Kommentarspalte auf deiner Seite.
Das Muster hinter der Woche
Vier Marken, vier Branchen, ein Fehler. Alle haben KI benutzt, um genau das Versprechen zu bebildern, das die KI untergräbt. Liqui Moly verkauft Präzision und liefert einen Tippfehler. Paulaner verkauft Handwerk und zeigt eine Maschine. Plan B verkauft grün und rechnet mit einem Stromfresser. DHL verkauft Service und beklebt ihn mit einem Hamster. Kein Score über 50, drei Anzeigen mit dem Urteil „Wird zerrissen“.
Und trotzdem ist die Lehre nicht „KI ist böse“. Die Leute in den Kommentaren feiern gute hybride Arbeit jeden Tag. Der Ärger richtet sich gegen einen bestimmten Reflex: KI als Ersatz für Menschen, Handwerk und Wahrheit, nicht als Verstärker. In dem Moment, in dem dein Werkzeug deiner Kernbotschaft widerspricht, merkt es das Publikum vor dir. Und schreibt es dir in zwei Wörtern unter den Post.
Der Digital Score macht daraus nur eine Zahl. Die Zahl war diese Woche 9. In zwei Wochen messen wir die nächsten fünf. Vorschläge gern in die Kommentare, ihr findet sie schneller als jeder Scraper.
In eigener Sache
Wir lernen bei diesem Thema jeden Tag dazu, so wie gerade alle. Ein Teil unserer Inhalte entsteht heute mit KI-Unterstützung, und danach geht ein Mensch drüber, redigiert, prüft die Fakten und lässt bei heiklen Stellen die Rechtsabteilung mitlesen. Ganz fehlerfrei ist das nie, ehrlich gesagt ist es das bei rein von Hand getippten Texten auch nicht. Wir sagen das lieber offen, als so zu tun, als käme hier alles fertig und makellos aus dem Nichts.