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2,22 Euro für den Liter Diesel: Die Ölpreis-Ausrede zieht nicht mehr

Die Spritpreise explodieren
Shutterstock Die Spritpreise explodieren
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Der Benzinpreis-Rekord erklärt sich nicht allein durchs Rohöl: Selbst der ADAC räumt ein, dass die Kalkulation an der Zapfsäule kaum noch nachvollziehbar ist.

Ein Liter Super E10 kostete am 2. Am 2. September 2026 erreichte Super E10 mit rund 2,215 Euro je Liter einen neuen Höchststand und war damit so teuer wie nie zuvor (nominal). Damit übertraf der Preis den bisherigen Rekord von 2,20 Euro aus dem März 2022. Zeitgleich notierte Rohöl der Sorte Brent Anfang August nur bei etwa 79 Dollar pro Barrel. Diese Diskrepanz ist der eigentliche Stoff der Geschichte, nicht der Rekord selbst. Der ADAC, sonst um Zurückhaltung bemüht, sagt es klar: Die Rohölentwicklung erklärt das aktuelle Preisniveau an deutschen Zapfsäulen nur unzureichend.

Das ist keine Randnotiz, sondern eine Ansage an eine Branche, die sich gern hinter Geopolitik versteckt. Bemerkenswert ist dabei auch der historische Vergleich: Inflationsbereinigt lagen die Spritpreise in Deutschland schon einmal höher, etwa im Jahr 2012. Der aktuelle Rekord ist also vor allem ein nominaler, kein realer, was die Debatte um die Preisbildung nicht entschärft, sondern eher verschärft, weil die Kalkulationsgrundlage der Konzerne trotzdem nicht nachvollziehbar wird.

Der Iran-Krieg liefert die Ausrede, nicht die volle Erklärung

Die Tagesschau berichtet, dass Brent zuletzt auf mehr als 90 Euro je Barrel gestiegen sei; üblich ist allerdings eine Angabe des Brent-Preises in US‑Dollar. Die Straße von Hormus, durch die früher rund ein Fünftel der weltweiten Ölversorgung floss, bleibt eingeschränkt befahrbar. Das treibt einen Risikoaufschlag in den Ölpreis. Doch der Vergleich zum April entlarvt die Argumentation der Konzerne. Damals kostete Brent zeitweise mehr als 100 Dollar, der Monatsdurchschnitt für E10 lag mit 2,109 Euro trotzdem unter dem Augustwert von 2,145 Euro.

Ein höherer Ölpreis erzeugte also einen niedrigeren Spritpreis als ein niedrigerer Ölpreis heute. Diese Rechnung geht nur auf, wenn andere Faktoren als Rohöl den Ausschlag geben. Genau an diesem Punkt setzt die Kritik des ADAC an, der explizit davon spricht, dass die Kraftstoffpreise künstlich überhöht wirken und einer soliden kalkulatorischen Grundlage entbehren. Für Verbraucher bleibt dabei kaum eine Möglichkeit, sich gegen diese Preismacht zur Wehr zu setzen, weder durch Tankstellenwahl noch durch politische Instrumente.

Diesel und Benzin laufen auseinander wie selten zuvor

Normalerweise bewegen sich Benzin- und Dieselpreise synchron. Im Spätsommer 2026 gilt das nicht mehr: Diesel verteuerte sich im August um fast 13 Cent, während E10 im gleichen Zeitraum moderater zulegte. Grund ist die globale Knappheit bei Mitteldestillaten, verschärft durch ukrainische Angriffe auf russische Raffinerien und den Importbedarf Deutschlands. Interessanterweise kehrte sich diese Entwicklung innerhalb weniger Wochen sogar um, denn zeitweise gab der Dieselpreis nach, während Benzin weiter zulegte. Diese Volatilität zeigt, wie wenig verlässlich sich Kraftstoffpreise derzeit an einer einzelnen Ursache festmachen lassen.

Das Rhein-Niedrigwasser verschärfte die Lage zusätzlich. Tankschiffe transportierten weniger Kraftstoff, die Transportkosten stiegen, zwischen einzelnen Bundesländern lagen bis zu acht Cent Unterschied pro Liter. Auch die vielbeschworene 12-Uhr-Regel, nach der Tankstellen nur einmal täglich zur Mittagszeit ihre Preise erhöhen dürfen, blieb weitgehend wirkungslos gegen den grundsätzlichen Preistrend. Wer als Autofahrer sparen möchte, kann sich lediglich an Zeitfenstern orientieren, etwa dem späten Vormittag oder dem frühen Abend, an der grundsätzlichen Preisentwicklung ändert das jedoch nichts.

Der Staat kassiert mit, ganz ohne Ölmulti-Logik

Ein Faktor, den Ölkonzerne gern verschweigen: Rund 57 Prozent des Benzinpreises und etwa 47 Prozent des Dieselpreises bestehen aus Steuern und Abgaben, wie ADAC-Berechnungen laut AUTOBILD.DE zeigen. Energiesteuer, CO2-Preis, THG-Quote und Mehrwertsteuer türmen sich übereinander. Die Energiesteuer, früher als Ökosteuer bekannt, war jener fixe Bestandteil, der beim Tankrabatt vorübergehend gesenkt wurde. Die CO2-Steuer wiederum wird regelmäßig angehoben, zuletzt zum Jahresbeginn 2026, um fossile Kraftstoffe gezielt zu verteuern. Hinzu kommt die THG-Quote, ein wenig bekanntes Instrument, über das Autofahrer an der Zapfsäule indirekt die Förderung der Elektromobilität mitfinanzieren. Diesel profitiert dabei von einem Steuervorteil von 18,4 Cent pro Liter gegenüber Benzin, was die aktuelle Preisumkehr noch rätselhafter macht.

Politisch wird das Thema zunehmend zum Streitpunkt. Kritik an den Ölkonzernen mag berechtigt sein, doch auch der Staat selbst hätte Stellschrauben, an denen er drehen könnte. Andere europäische Länder greifen nach wie vor zu Entlastungsmaßnahmen, etwa durch Höchstpreise oder gezielte Nachlässe bei Energie- und Klimasteuern. In Deutschland ist ein neuer Tankrabatt derzeit nicht geplant, wie Tagesschau berichtet, was die Diskussion um staatliche Verantwortung zusätzlich befeuert. Mobilitätspolitisch bedeutet das: Wer auf sinkende Spritpreise als Entlastung wartet, verlässt sich auf einen Mechanismus, der längst nicht mehr nur von Angebot und Nachfrage gesteuert wird. Die Verkehrswende bekommt dadurch ungewollten Rückenwind, denn jeder Rekordpreis macht Elektromobilität und Alternativen zum Verbrenner relativ günstiger, ohne dass Politik oder Hersteller dafür etwas leisten mussten.

Business Punk Check

Der Benzinpreis-Rekord ist bestätigt, die Erklärung dafür ist es nicht. Fakt: 2,22 Euro pro Liter am 2. September, dokumentiert vom ADAC. Fakt auch: Der ADAC selbst zweifelt an der Kalkulationsgrundlage der Konzerne. Was fehlt, ist eine belastbare Aufschlüsselung, wie viel vom Preis tatsächlich auf Raffinerie- und Großhandelsmargen entfällt.

Für Entscheider in der Mobilitätsbranche heißt das: Wer auf sinkende Kraftstoffkosten als Kalkulationsgrundlage setzt, baut auf Sand. Die Entkopplung von Rohölpreis und Zapfsäulenpreis ist real und macht Prognosen unzuverlässiger als je zuvor. Wer jetzt in Elektromobilität oder alternative Antriebe investiert, bekommt indirekt Rückenwind durch die Intransparenz der fossilen Preisbildung, ohne dass das Klimaziel dafür verantwortlich wäre. Das ist kein Verdienst der Verkehrswende-Politik, sondern ein Nebeneffekt eines Marktes, der niemandem mehr erklärt, wie er Preise wirklich bildet.

Auf einen Blick

  • Der Benzinpreis erreichte am 2. September mit 2,22 Euro pro Liter einen neuen nominalen Rekordwert, inflationsbereinigt lag der Preis 2012 bereits höher.
  • Der ADAC bestätigt, dass die Rohölentwicklung das aktuelle Preisniveau an deutschen Zapfsäulen nur unzureichend erklärt.
  • Diesel und Benzin entwickelten sich im August gegenläufig, Diesel verteuerte sich um fast 13 Cent, während Steuern und Abgaben 57 Prozent des Benzinpreises und 47 Prozent des Dieselpreises ausmachen.
  • Rhein-Niedrigwasser und die eingeschränkte Straße von Hormus wirken zusätzlich preistreibend, ohne dass ein politisches Instrument wie der Tankrabatt bislang gegensteuert.

Quellen: Tagesschau, Focus, Autobild

Martin Wald

Tech & Security

Martin Wald analysiert die Schnittstelle zwischen Geld, Macht und Alltag. Seine Themen reichen von Rente, Sozialstaat und Gesundheit bis zu Wirtschaft, Märkten und technologischen Umbrüchen. Er zerlegt politische Entscheidungen, Urteile und Trends auf ihre ökonomischen Folgen und macht sichtbar, wer gewinnt, wer verliert und wo Risiken liegen. Der Blick ist pragmatisch, pointiert und nutzenorientiert. Keine Wohlfühltexte, sondern Einordnung für Menschen, die verstehen wollen, wie Systeme funktionieren und was das für ihre Entscheidungen bedeutet.