Berliner Brandstifter über die Gin-Kunstedition mit Sven Marquardt: „Wir wollten etwas Einzigartiges machen“
Wer an Berlin denkt, denkt häufig auch an das Verruchte, irgendwie trotzdem Kunstvolle, das diese Stadt so ausmacht. Was liegt da also für eine Berliner Spirituosenmarke näher, als eine limitierte Kunstedition des eigenen Bestsellers Gin auf den Markt zu bringen?
Nichts, also haben Berliner Brandstifter genau das gemacht.
Gemeinsam mit der Berliner Legende und Fotografen Sven Marquardt releasten sie vor knapp drei Monaten eine eigene Gin-Kunstedition mit rot gefärbtem Inhalt.
Wir haben uns mit Vincent, dem CEO von Berliner Brandstifter und Sven Marquardt zu einem Interview in den heiligen Hallen der Berliner Brandstifter getroffen. Na klar, dort gibt es eine eingebaute Bar, die bis oben hin mit den eigenen Spirituosen gefüllt ist. Ein feuchter Traum für alle Schnaps-Connaiseure.
Dabei haben uns die beiden erzählt, warum eine Kooperation der beiden völlig logisch ist, wie die Corona-Pandemie ihnen fast ein Strich durch die Rechnung gemacht hat und was den roten Gin so besonders macht.
Ich habe gelesen, dass die Idee für die Kooperation von dir kam, Vincent. Wann hast du Sven angerufen und wie hast du ihn überzeugt, mitzumachen?
Vincent: Überzeugt habe ich ihn, oder wir beide uns, als wir gesagt haben: Wenn wir es machen, dann wollen wir etwas Einzigartiges machen. Das heißt sowohl vom Design, der Kunst und der Fotografie von Sven, aber eben auch mit komplett neuem Inhalt produziert.
Nicht wie viele andere das machen, die einfach ein neues Labeling auf die Flasche packen.

Sven: Ich habe Vincent dann auch gefragt: Soll es ein Shooting sein oder ein Bild entstehen, was ausschließlich für euer Produkt ist? Damit wir nicht auf etwas zurückgreifen, was schon da ist aus dreißig Jahre Fotografie.
Ich habe Versionen gezeigt, beispielsweise wie meine Schwarz-Weiß-Fotos auch mit Rot-Filtern aussehen können. Das war doch der zündende Moment für euch, das Produkt rot zu gestalten?
Vincent: Absolut.
Das war ja zu Anfang der Corona-Zeit. Wie hat das euch beeinflusst?
Sven: Nach den ersten Meetings sind wir in den Lockdown gerutscht. Es gab also eine Pause, bevor das Shooting stattfinden konnte. Im Sommer haben wir dann geshootet.
Vincent: Bei uns ist der Umsatz eingebrochen, wie bei allen anderen auch. Als wir loslegen wollten, meinte ich zu Sven: „Lass uns mal schauen, wenn zero Euro auf dem Konto sind, dann können wir das nicht machen. Aber sobald ein bisschen was da ist, will ich es unbedingt.“
Dann ist es erst recht der Zeitpunkt, um etwas zu tun und sich nicht zurückzuziehen. Sven war da auch sehr pushy, im positiven Sinne.
Sven: Ich habe dieses Jahr nur zweimal ein Shooting gehabt. Im Sinne von: einen Job, einen Auftrag.
Ich war wirklich nervös vor dem Shooting, mein Team auch. Weil man dachte, durch die krasse Zeit ist irgendwie der ganze Zauber „ein Stück weit verloren gegangen“.
Aber es war ein ganz toller Shooting-Tag. Die ganze Konzentration war da auf die beiden tollen Models und deren Team.
Wie lief das Shooting für das Motiv auf der Flasche ab?
Sven: Ich hatte die ganz gewohnte Freiheit, die ich immer bei meinen Shootings habe. Ich habe dann den beiden meine Vorschläge geschickt und so haben wir uns Stück für Stück immer weiter angenähert.

Das ist eine Berliner Marke, ich bin ein Berliner Fotograf und auch das Model Janek ist aus Berlin. Nur das andere Model Alexandra ist aus Stockholm oder so.
Vincent: Aber sie ist Bartenderin und kannte Brandstifter, hatte das gerade in ihren Bars ausgestellt. Deshalb fand ich das schon wieder so cool, weil auch da der Bogen geschlagen wurde.
Wie passt Berlin Brandstifter und Sven Marquardt zusammen?
Vincent: Einmal ist diese Basis, dass wir beide gebürtige Berliner sind. Berliner Brandstifter ist auch in der Nachtkultur entstanden. Was uns beide auch verbindet, ist die Affinität zu Kunst. Sven auf seine Art und ich auf meine Art.
Sven: Ich fand den Namen auch von Anfang an toll. Da musste ich gar nicht lange hadern. Es ist natürlich toll, wenn man mit solchen Sachen auch Geld verdient.
Der Brückenschlag zur kommerziellen Verwertung der Arbeit ist etwas, womit ich keine Berührungsängste habe. Ich finde aber darüber hinaus eine Identifikation mit dem Produkt wichtig.
Warum habt ihr euch für einen Gin und keinen Vodka oder Kornbrand entschieden?
Vincent: Gin ist der Bestseller von unseren Produkten. Außerdem machen da die Variationsmöglichkeiten Sinn, da wir zum Beispiel Rosenblüten und Brombeeren hinzugefügt haben.
Beim Korn oder Vodka wäre es schwierig, noch etwas hinzuzufügen. Das würde die ursprüngliche Idee der Spirituose zerstören.
Und: Unsere erste Kooperation 2013 war zum Launch unseres Berlin Dry Gins. Deshalb war für mich völlig klar, dass es Gin bleiben muss.
Sven: Ja, ich habe tatsächlich über die anderen Produkte nicht weiter nachgedacht, für mich war klar: Vincent hat sich gemeldet, es geht um eine neue Gin-Edition.

Wie seid ihr auf das Thema Liebe gekommen?
Sven: Meine erste Idee war ein Paar, das sich an irgendeinem Ort getroffen hat, morgens, nach einem Club.
Das Thema von Zusammenhalt und Zweisamkeit ist in diesem Jahr auch nochmal viel wichtiger. Liebe ist ja eigentlich immer ein Thema.
Und dann habt ihr euch für den roten Gin mit dem Thema Liebe entschieden?
Sven: Erst waren die Schwarz-Weiß-Fotos von mir aus einer anderen Geschichte rot eingefärbt. Dann kam das rote Produkt und ich dachte: „Cool, super Kombination“.
Ich kann bei der Schwarz-Weiß-Variante bleiben und trotzdem haben wir diese ganz neue Optik plus einen neuen Geschmack.
Wann kam die Idee, den Gin selbst rot einzufärben?
Vincent: Ich weiß noch, dass Sven die ersten rot-schwarz-weißen Fotos gezeigt hat und ich dachte: „Wie geil wäre es, wenn man das Rot auch im Inhalt wiedererkennen würde“.
Wir haben ganz am Anfang nach einer roten Flasche geschaut. Das fand ich dann aber fake und nicht cool. Dann ratterte es und dann dachte ich: „Cool, dann werden wir probieren, einen neuen Inhalt zu kreieren.“
Ich als Laie schmecke auch den Unterschied zu eurer klassischen Version?
Vincent: Ja, definitiv. Der ist noch beeriger als unserer Klassischer.
Sven, wenn man sich deine Fotos anschaut, sind die zum größten Teil schwarz-weiß und du fotografierst nur analog?
Sven: Ja, auch ohne Tageslicht. Ganz schön altmodisch, aber auch klassisch.
Warum hast du dich für diese Optik entschieden?
Sven: Das hat sich im Laufe der Jahre zu einem Stil entwickelt. Ich habe nie ernsthaft darüber nachgedacht auf Digital zu wechseln. Es gab vor etlichen Jahren die Annahme, dass es nicht mehr lange Filme geben wird.
Das hat sich zum Glück nicht bewahrheitet. Bleibt sicher mehr eine Kunstform, aber es gibt jetzt auch wieder eine neue Generation an Fotograf*innen, die knallhart sagen: „Ich mach den Job nur analog.“
Aus der PM lese ich heraus, dass du deine Fotografie eigentlich nicht kommerzialisieren möchtest. Was muss eine Kooperation bieten, dass du sie trotzdem eingehst?
Sven: Ich finde die Frage ein bisschen unmodern, weil so viele tolle Artists kommerziellere Wege gehen müssen. Fotograf*innen machen weltweite Kampagnen für Brands und sind, abgesehen von der finanziellen Situation, zusammen mit dem Label kreativ total gefördert.
Ich habe 2006 die ersten Kooperationen mit Levi’s gehabt, das waren auch mehr Kunstprojekte, keine Kampagnen. Seither habe ich da keine Berührungsängste.
Für mich ist es die wichtigste Sache, hinter der Marke zu stehen.
Du stellst im Friedrichstadtpalast Fotos der Tänzer*innen aus. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem Friedrichstadtpalast?
Sven: Das war erstmal ein freies Projekt, der Intendant vom Friedrichstadtpalast hat gesagt: „Okay, ich finde deine Fotos gut. Der Friedrichstadtpalast ist bunt, Glitzer, perfekte Show, große Namen für Bühnenbild und Kostüm. Warum nicht mal Marquardt und in Schwarz-Weiß?“.
Dann gab es erst einmal keinen Verwendungszweck. Meine Vision von Anfang an war es: „Wo hängt man die hin?“ Ausstellung im Foyer finde ich doof. So habe ich über Public Places nachgedacht, dann kam der Lockdown und das Haus ist seither geschlossen.
Der Intendant rief mich dann im Sommer an und meinte: „Eigentlich wäre jetzt ein guter Zeitpunkt die Fotos zu zeigen“.

Und dann habt ihr die Ausstellung im Foyer geplant?
Sven: Der Intendant hat dann die C/O dafür gewinnen können und mit der haben wir dann zusammen das Foyer ein bisschen wie eine Baustelle gestaltet. Wir haben versucht, einen Raum in einem Raum zu schaffen.
Normalerweise stehen da Champagner-Werbepartner und ein teures Auto, eine bunte Wand, wo sich die Gäste fotografieren können. Auf einmal wollten wir dem Ganzen etwas sehr roughes geben.
Das haben wir dann in den letzten Monaten, vor dem zweiten Lockdown schaffen können.
Was für unkonventionelle Wege bist du denn schon so gegangen und was ist noch in Planung?
Sven: Ich bin in den letzten Jahren viel gereist, bin mit meinen Bildern einmal um die ganze Welt und habe ganz unterschiedliche Orte bespielt, wo es immer auch darauf ankam, zum Beispiel auch ein Clubpublikum mit meinen Arbeiten anzusprechen.
So Leuten, die nicht jedes Wochenende in eine Galerie gehen und Cremant trinken. Da ging es darum, unkonventionelle Präsentationsformen zu finden, dass man die Sachen plakatiert. Man kann an bestimmte Orte, gerade was im Clubkontext ist, keine gerahmten Bilder aufhängen.
Ich finde Ausstellungen in Museen haben auf jeden Fall eine Berechtigung. Für die meisten Künstler*innen ja überhaupt der Ritterschlag irgendwo sein zu dürfen. Ich finde die anderen Wege aber mindestens genauso wichtig für mich.
Wie sieht denn dein typischer Fotografenalltag aus, wenn es gerade keine Corona-Beschränkungen gibt?
Sven: Ich werde durch Ostgut-Booking mitvertreten, das ist die Agentur im Berghain, die weltweit eigentlich nur DJs vermittelt. Nachdem ich alle DJs für neue Pressefotos fotografiert habe, sagten sie: „Warum versuchen wir es eigentlich nicht auch mal mit dir und deinen Bildern?“.
So kamen die ersten Anfragen, dass Promoter*innen oder Clubbesitzer*innen gedacht haben: „Warum stellen wir nicht auch Marquardt aus?“. In den letzten Jahren ist die Arbeit an der Tür weniger geworden.
Das war auch immer der Plan, ich habe vor ein paar Jahre als Dozent eine Stelle in Berlin angefangen und vor zwei Jahren dann in Florenz an einer Fashion-Highschool Gastseminare für Modefotografie und Styling gegeben.
Zur Zeit ist das je eher schwierig, oder?
Sven: Für die Ostkreuzschule habe ich jetzt wieder ein neues Seminar gestartet. Wusste auch keiner: Kommen da überhaupt Bewerber*innen zusammen? Es passiert alles immer mit viel mehr Fragezeichen.
Ständig denkt man: Ich wäre jetzt eigentlich für drei Monate in Mailand und würde da eine Artist-Residency besuchen, hätte da Leute fotografiert …
Aber es geht so vielen so, deshalb will ich auch gar nicht rumjammern. Ich habe eine Ausstellung im Friedrichsstadtpalast und wir sitzen heute hier und ihr interessiert euch für die Brandstifter-Kooperation. Es ist alles fein, es ist einfach hart für alle, die Publikum brauchen.
Wir befinden uns gerade im zweiten Lockdown. Für die Situation von Gastronomie und alle Kulturschaffenden, die sich mit neuen Ideen durch die letzten Monate gekämpft haben und in aktuelle Hygiene-Konzepte investiert haben, ein derber Rückschlag.
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