Business & Beyond Deutsche Bahn: Palla nennt Management-Kultur „organisierte Verantwortungslosigkeit“

Deutsche Bahn: Palla nennt Management-Kultur „organisierte Verantwortungslosigkeit“

Bahnchefin Evelyn Palla rechnet mit der alten Führungskultur ab und fordert echtes Engagement, während die Pünktlichkeit weiter unter dem eigenen Zielwert bleibt.

58,7 Prozent: So viele Fernzüge der Deutschen Bahn kamen im ersten Halbjahr pünktlich an. Das eigene Ziel lag bei mindestens 60 Prozent.

Vor diesem Hintergrund wählt Bahnchefin Evelyn Palla ungewöhnlich scharfe Worte für die Führungsriege ihres eigenen Unternehmens und liefert damit den eigentlichen Aufhänger der Debatte um den Konzernumbau.

Palla spricht von organisierter Verantwortungslosigkeit

„Die Leistungskultur der Vergangenheit war für die Performance der Bahn nicht ausreichend, das wollen wir ändern“, sagte Palla laut WirtschaftsWoche der „Welt am Sonntag“. Ihr Vorwurf: Im Management sei mehr Energie darauf verwendet worden, Probleme zu erklären, als sie zu lösen. Wörtlich nannte sie das „so etwas wie organisierte Verantwortungslosigkeit“, das der Vergangenheit angehören müsse.

Bemerkenswert ist die Adressierung: Palla kritisiert nicht das operative Personal an Gleisen und in Zügen, sondern explizit die Führungsebene, die Probleme über Jahre offenbar eher verwaltet als gelöst hat. Das ist eine ungewöhnlich direkte Selbstkritik einer amtierenden Vorstandsvorsitzenden gegenüber der eigenen Organisation. Solche Formulierungen sind im hierarchiebewussten Staatskonzern Bahn selten und sie setzen einen Referenzpunkt, an dem sich künftige Aussagen des Managements messen lassen müssen.

Der Konzernumbau soll Verantwortung nach unten verlagern

Seit ihrem Amtsantritt im vergangenen Jahr treibt Palla laut Handelsblatt einen Konzernumbau voran, der die Zentrale verschlanken und Verantwortung in dezentrale Einheiten verlagern soll. „Wir haben viele Ebenen in der Verwaltung gestrichen. Aber das allein macht noch keine bessere Bahn“, sagte sie. Entscheidend sei, ob sich das Management selbst verändere und Verantwortung vor Ort tatsächlich gelebt werde.

Damit verschiebt Palla den Maßstab für den Erfolg des Umbaus: Nicht die Zahl gestrichener Hierarchieebenen zählt, sondern ob Führungskräfte in den Regionen tatsächlich anders handeln als zuvor. Diese Verschiebung ist strategisch klug, weil sie Strukturreformen von echtem Verhaltenswandel trennt. Ob das gelingt, lässt sich derzeit nicht belegen, es bleibt eine Ankündigung mit offenem Ausgang. Für Führungskräfte im Konzern bedeutet das konkret: Weniger Hierarchieebenen zur Absicherung, dafür mehr persönliche Rechenschaft für Entscheidungen vor Ort.

Pünktlichkeit bleibt trotz Rhetorik das ungelöste Kernproblem

Trotz der klaren Ansage bleibt die Bilanz durchwachsen. Palla räumte laut WirtschaftsWoche ein, der Pünktlichkeitswert von 58,7 Prozent im Fernverkehr sei „kein guter Wert“, den man nicht schönreden müsse. Zugleich verwies sie darauf, dass drei Viertel der Verspätungen unter 15 Minuten gelegen hätten und vergab dem eigenen Unternehmen bei der Zuverlässigkeit die Schulnote 4 minus, insgesamt aber eine 3. Ein Fernzug gilt bei der Bahn ab einer Verzögerung von sechs Minuten als verspätet, Zugausfälle fließen in diese Statistik gar nicht erst ein. Diese methodische Nuance relativiert die Zahl, ändert aber nichts am grundsätzlichen Befund: Das selbst gesteckte Ziel von mindestens 60 Prozent wird verfehlt.

„Leistung beginnt ganz oben; zuerst bei mir selbst. Dann beim Konzernvorstand“, betonte Palla. Diese Selbstverpflichtung macht die Kritik glaubwürdiger als eine reine Ansage nach unten, sie liefert aber noch keinen Beweis für einen tatsächlichen Kulturwandel im Konzern.

Business Punk Check

Fakt ist: Palla benennt mit „organisierter Verantwortungslosigkeit“ ein Problem, das Kunden längst im Alltag spüren und richtet die Kritik explizit an die eigene Führungsebene. Fakt ist auch: Das Pünktlichkeitsziel von 60 Prozent wird bislang verfehlt, trotz gestrichener Verwaltungsebenen.

Interpretation: Die Deutlichkeit der Sprache ist ungewöhnlich für eine amtierende Konzernchefin und signalisiert echten Handlungsdruck. Offen bleibt, ob der angekündigte Umbau mit Verschlankung und Dezentralisierung tatsächlich zu messbar besseren Zahlen führt oder ob es bei der Ansage bleibt.

Auf einen Blick

  • Bahnchefin Evelyn Palla bezeichnet die bisherige Management-Kultur ihres Unternehmens als „organisierte Verantwortungslosigkeit“.
  • Im ersten Halbjahr waren nur 58,7 Prozent der Fernzüge pünktlich, das eigene Ziel von mindestens 60 Prozent wurde verfehlt.
  • Der laufende Konzernumbau umfasst eine Verschlankung der Zentrale und die Verlagerung von Verantwortung in dezentrale Einheiten.
  • Palla will Leistung zuerst bei sich selbst und im Konzernvorstand einfordern, bevor sie das übrige Management adressiert.

Quellen: WirtschaftsWocheHandelsblatt

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