Business & Beyond Konzernumbau: Der Kampf um VW wird zum Kampf um die deutsche Industrie

Konzernumbau: Der Kampf um VW wird zum Kampf um die deutsche Industrie

Am 9. Juli berät der Aufsichtsrat über ein Sparpaket, das vier Werke schließen und 100.000 Jobs streichen könnte. Falls der Aufsichtsrat blockiert, droht Vorstandschef Blume mit einer außerordentlichen Hauptversammlung – ein Machtkampf mit Folgen.

Volkswagen steuert auf den härtesten Konflikt seiner Geschichte zu. Juli legt der Vorstand dem Aufsichtsrat ein Sparpaket vor, das bis 2035 vier Werke schließen und über 100.000 Arbeitsplätze vernichten soll. Der Plan ist brisant – nicht nur wegen der Dimension, sondern weil VW-Chef Oliver Blume bereit ist, den Aufsichtsrat zu umgehen, sollte dieser das Paket ablehnen. Laut Correctiv will der Vorstand notfalls eine außerordentliche Hauptversammlung einberufen, auf der die Aktionäre über den Umbau entscheiden. Ein solcher Schritt wäre für die deutsche Industrie beispiellos.

Er zeigt, wie dramatisch die Lage tatsächlich ist. Intern fürchtet der Vorstand, dass Europas größter Autohersteller ab 2030 dauerhaft Verluste schreiben könnte. Ohne radikale Einschnitte sei der Konzern nicht zu retten.

Vier Werke auf der Streichliste

Das Sparpaket hat es in sich: Neben Zwickau sollen die Standorte Emden, Hannover und das Audi-Werk Neckarsulm geschlossen werden – sofern sich die Arbeitskosten dort nicht senken lassen. Zusätzlich will VW etwa 65.000 Stellen weltweit abbauen – zu den bereits vereinbarten rund 50.000 Kürzungen, die vor allem in Deutschland greifen. Insgesamt würden damit über 100.000 der weltweit 660.000 Beschäftigten ihren Job verlieren. Parallel dazu erwägt der Konzern laut Medienberichten den Verkauf von Ducati und Europcar.

Die Beteiligung an der Lkw-Sparte Traton soll laut Correctiv von gut 87 auf etwa 75 Prozent reduziert werden. Auch die Modellpalette wird zusammengestrichen: Von rund 150 Fahrzeugtypen sollen laut Correctiv etwa 75 übrig bleiben – andere Quellen sprechen von einer Reduktion auf unter 100 Modelle. Modelle wie der Jetta, der Q6 e-tron und der Porsche Taycan werden laut Correctiv intern als mögliche Streichkandidaten geprüft – offizielle Entscheidungen stehen noch aus.

Niedersachsen und Betriebsrat stellen sich quer

Der Widerstand gegen die Pläne ist massiv. Betriebsrat und das Land Niedersachsen, zweitgrößter Aktionär nach der Familie Porsche/Piëch, haben bereits Kritik geäußert. Im Aufsichtsrat verfügen sie über 12 der 20 Stimmen – genug, um den Umbau zu blockieren. Ein Sprecher des Betriebsrats warnte, Angriffe auf das VW-Gesetz und die Standorte seien unverantwortlich.

Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) erklärte, Werksschließungen seien nicht der Weg, um die Zukunft von VW zu sichern. Doch Blume scheint entschlossen, den Konflikt zu eskalieren. Nach dem Aktiengesetz kann der Vorstand bei einem negativen Votum des Aufsichtsrats eine außerordentliche Hauptversammlung einberufen, wenn er die Existenz des Unternehmens gefährdet sieht. Genau darauf läuft es hinaus. Laut Correctiv könnte das Aktionärstreffen bereits im August stattfinden.

Konzernumbau soll Macht verschieben

Zur Abstimmung stünde dann auch eine Neugliederung des Konzerns. Anders als Audi oder Porsche ist die Kernmarke VW bislang mit der Holding verschmolzen. Sie soll herausgelöst und in eine eigene Einheit überführt werden. Auch der Bereich Komponenten würde abgespalten. Der Vorteil für den Vorstand: Die im VW-Gesetz festgeschriebenen Sonderrechte würden dann nur noch für die eigentlichen VW-Werke gelten.

Der Einfluss Niedersachsens wäre damit zurückgedrängt. Die Familie Porsche/Piëch ärgert sich schon länger über die Machtverhältnisse. Es könne nicht sein, dass sie die Stimmenmehrheit habe, aber nicht die Richtung bestimmen könne, heißt es in Konzernkreisen. Die Politik gebe die Umstellung auf E-Autos vor und blockiere dann die nötigen Umbauten.

VW verliert gegen China

Die Krise ist hausgemacht. Volkswagen liegt bei Elektrifizierung und Digitalisierung weit hinter der Konkurrenz zurück. Hersteller wie BYD oder Xpeng aus China bieten E-Autos mit höheren Reichweiten und besserer Technik. Die Folge: VW verliert Marktanteile.

Ursprünglich hatte der Konzern mit rund zwölf Millionen Fahrzeugen pro Jahr geplant – in neuen Szenarien werden laut Correctiv nur noch etwa acht Millionen diskutiert. Mit den sinkenden Absatzzahlen sind die Kapazitäten nicht ausgelastet, was die Kosten explodieren lässt. Einen Standort in Brüssel und einen in China hat VW bereits geschlossen. Nun sollen vier weitere folgen. Überraschend ist das insofern, als Blume noch im April erklärt hatte, es gebe intelligentere Methoden als Werksschließungen.

Bonität in Gefahr

Die Einschnitte seien alternativlos, heißt es aus der Konzernführung. Wenn VW sein Ergebnis nicht deutlich verbessere, drohe eine Herabstufung der Bonität durch Ratingagenturen wie Moody’s oder Standard & Poor’s. Die Folgen wären fatal: Neue Kredite würden teurer, die Kreditvergabe an Kunden schwieriger – und damit der Absatz noch geringer.

Wie ernst es um VW steht, zeigte sich am vergangenen Mittwoch. Blume rief seine Top-Führungskräfte zu einem Krisentreffen zusammen. Die 35 Teilnehmer mussten auf einem Plakat unterschreiben, dass sie hinter dem Umbauprogramm stehen. Ein Foto der Aktion ließ Blume den Unterlagen für die Aufsichtsratssitzung anfügen.

Business Punk Check

Jahrelang verschlief VW die Elektrifizierung, während chinesische Hersteller den Markt aufrollen. Jetzt sollen Zehntausende Beschäftigte die Zeche zahlen. Die Drohung mit der außerordentlichen Hauptversammlung ist ein Machtkampf, der ganze Regionen destabilisieren könnte. Zulieferer wie Bosch, Conti und ZF hängen an VW – fällt der Konzern, stürzen sie mit. Doch die Rechnung könnte nicht aufgehen.

Niedersachsen und der Betriebsrat haben genug Stimmen, um den Umbau zu blockieren. Und selbst wenn Blume die Aktionäre auf seine Seite zieht: Die Konzernneugliederung würde Jahre dauern. Zeit, die VW nicht hat. Die Konkurrenz aus China baut ihren Vorsprung weiter aus, während in Wolfsburg Machtkämpfe toben. Die nächsten Monate werden zeigen, ob der Konzern noch zu retten ist – oder ob Deutschland seinen größten Industriearbeitgeber verliert. Die Folgen für die Wirtschaft wären verheerend.

Quellen: Freiepresse, Correctiv, Süddeutsche Zeitung

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