Business & Beyond Unicredit greift an: Warum die Commerzbank jetzt zittern muss

Unicredit greift an: Warum die Commerzbank jetzt zittern muss

Die Unicredit macht ernst: 30,8 Euro pro Aktie für die Commerzbank. Berlin und Frankfurt stemmen sich dagegen – doch die Italiener haben bereits 30 Prozent. Ein Machtkampf mit Folgen für den Finanzplatz.

Die Mailänder Großbank Unicredit legt die Karten auf den Tisch: 0,485 neue Unicredit-Aktien für jede Commerzbank-Aktie – das entspricht 30,8 Euro pro Anteil und einem Aufschlag von 4 Prozent zum Schlusskurs am 13. Das offizielle Übernahmeangebot zielt darauf ab, die 30-Prozent-Schwelle im deutschen Übernahmerecht zu durchbrechen.

Aktuell kontrolliert die Unicredit bereits 29,9 Prozent der Anteile. Eine Kontrollmehrheit strebt die Bank nach eigenen Angaben nicht an – es gehe lediglich darum, freier am Markt agieren zu können, ohne permanent auf die Pflichtangebots-Grenze achten zu müssen.

„Das Angebot zielt darauf ab, die im deutschen Übernahmerecht vorgesehene 30-Prozent-Hürde zu überwinden und in den kommenden Wochen einen konstruktiven Dialog mit der Commerzbank und ihren Stakeholdern zu fördern“, teilte die UniCredit weiter mit

Politischer Widerstand formiert sich

Hessens Ministerpräsident Boris Rhein reagiert verhalten. „Wir werden die neue Situation ergebnisoffen und verantwortungsvoll prüfen und bewerten“, erklärt er laut n-tv. Sein Maßstab: „Maßstab für uns ist und bleibt, dass der europäische Finanzplatz Frankfurt am Main, Europas Nummer 1, gestärkt und nicht geschwächt wird.“ Die Interessen der Mitarbeiter und Kunden müssten „angemessen berücksichtigt“ werden, betont der CDU-Politiker.

Auch die Bundesregierung, mit gut 12 Prozent zweitgrößter Aktionär, lehnt die Übernahme ab. Bundeskanzler Friedrich Merz setzt auf eine starke und unabhängige Commerzbank.

Commerzbank-Chefin kämpft um Eigenständigkeit

Bettina Orlopp verteidigt ihr Haus mit harten Bandagen: ehrgeizige Renditeziele, höhere Dividenden und der Abbau von rund 3.900 Stellen – trotz Rekordgewinn 2024. Die Strategie zeigt Wirkung: Der Aktienkurs ist deutlich gestiegen.

Doch die Gewerkschaft Verdi warnt vor einem Kahlschlag und verweist auf die Unicredit-Übernahme der HVB 2005, die bei der Münchner Bank zu massivem Schrumpfkurs führte. Unicredit-Chef Andrea Orcel bleibt gelassen und betont große Synergien im deutschen Privat- und Mittelstandskundengeschäft.

Business Punk Check

Die Unicredit spielt ein cleveres Spiel: Mit 29,9 Prozent bereits größter Aktionär, durchbricht sie nun die 30-Prozent-Marke – nicht für die Kontrolle, sondern für Handlungsfreiheit. Das ist Machtpolitik mit Augenmaß. Die politische Gegenwehr aus Berlin und Wiesbaden wirkt hilflos: Der Bund hält nur 12 Prozent und kann eine Übernahme nicht verhindern. Die wahre Frage lautet: Was bedeutet das für den Finanzplatz Frankfurt?

Wenn die Commerzbank, wichtiger Mittelstandsfinanzierer, unter italienische Kontrolle gerät, verliert Deutschland ein strategisches Asset. Die HVB-Übernahme 2005 zeigt, was passieren kann: Schrumpfkurs, Jobabbau, Bedeutungsverlust. Orlopps Abwehrstrategie mit Stellenabbau und Renditejagd ist ein Pyrrhussieg – sie schwächt die Bank, um sie zu retten. Die unbequeme Wahrheit: Europas Bankenkonsolidierung läuft – nur nicht unter deutscher Führung. Frankfurt schaut zu, wie Mailand die Fäden zieht.

Häufig gestellte Fragen

Warum wehrt sich die Bundesregierung gegen die Unicredit-Übernahme?

Die Bundesregierung fürchtet den Verlust eines strategischen Assets. Die Commerzbank ist ein wichtiger Finanzierer des deutschen Mittelstands – rund 25.000 Firmenkunden sind auf die Bank angewiesen. Eine Übernahme durch die Unicredit könnte zu Filialschließungen, Jobabbau und einer Schwächung des Finanzplatzes Frankfurt führen. Der Bund hält jedoch nur 12 Prozent der Anteile und kann die Übernahme faktisch nicht verhindern.

Was bedeutet die 30-Prozent-Schwelle im deutschen Übernahmerecht?

Ab 30 Prozent Beteiligung muss ein Investor ein Pflichtangebot für alle Aktien unterbreiten. Die Unicredit umgeht diese Regel nun aktiv, indem sie freiwillig ein Angebot vorlegt – allerdings ohne Kontrollmehrheit anzustreben. Das verschafft der Bank Handlungsfreiheit am Markt, ohne permanent auf die Schwelle achten zu müssen. Eine clevere juristische Strategie, die politischen Widerstand ins Leere laufen lässt.

Welche Branchen sind von der Commerzbank-Übernahme besonders betroffen?

Der deutsche Mittelstand, insbesondere exportorientierte Industrieunternehmen, könnte unter einer Unicredit-Kontrolle leiden. Die Commerzbank finanziert traditionell Maschinenbau, Automobilzulieferer und mittelständische Exporteure. Eine Fokusverschiebung auf italienische Märkte oder Renditejagd könnte die Kreditvergabe an deutsche Firmen einschränken. Auch der Finanzsektor in Frankfurt verliert an strategischer Bedeutung, wenn Entscheidungen künftig in Mailand fallen.

Wie können sich Mittelständler auf die neue Bankenlandschaft vorbereiten?

Diversifikation ist das Gebot der Stunde. Mittelständler sollten ihre Finanzierungsquellen breiter aufstellen und nicht auf einen einzigen Bankpartner setzen. Förderkredite der KfW, alternative Finanzierungsformen wie Crowdlending oder strategische Partnerschaften mit Sparkassen und Genossenschaftsbanken reduzieren die Abhängigkeit. Wer jetzt Bankbeziehungen diversifiziert, ist gegen mögliche Kreditverknappungen nach der Übernahme gewappnet.

Was passiert mit den Arbeitsplätzen bei der Commerzbank?

Die Gewerkschaft Verdi warnt vor einem massiven Stellenabbau. Die Unicredit-Übernahme der HVB 2005 führte zu drastischen Kürzungen und Filialschließungen. Bereits jetzt plant Commerzbank-Chefin Orlopp den Abbau von 3.900 Stellen – eine Übernahme könnte diese Zahl deutlich erhöhen. Besonders gefährdet sind Verwaltungsfunktionen und Filialmitarbeiter, während IT- und Digitalexperten möglicherweise profitieren könnten.

Quellen: n-tv, Bild, Süddeutsche Zeitung

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