Business & Beyond VWs Standortfrage: Können China-Modelle Emden, Zwickau und Hannover retten?

VWs Standortfrage: Können China-Modelle Emden, Zwickau und Hannover retten?

Volkswagen erwägt, in China entwickelte Modelle künftig in deutschen Werken zu fertigen. Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies treibt den Plan voran, während 100.000 Jobs weltweit auf der Kippe stehen.

Europas größter Autobauer kämpft mit leeren Produktionshallen. Die Werke laufen nicht rund, die Auslastung bröckelt. Jetzt kommt ein Vorschlag auf den Tisch, der nach Notlösung klingt: Volkswagen soll Fahrzeuge, die bisher nur für den chinesischen Markt entwickelt wurden, künftig auch in Deutschland produzieren.

Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies, der im VW-Aufsichtsrat sitzt, macht Druck. Sein Ziel: deutsche Standorte sichern, Arbeitsplätze retten. Doch die Frage bleibt, ist das ein cleverer Schachzug oder das Eingeständnis, dass VW den Anschluss verloren hat?

China-Modelle für Europa: Der Plan von Olaf Lies

Lies argumentiert pragmatisch: Statt Produktion aus Deutschland abzuziehen, sollen zusätzliche Modelle nach Europa geholt werden. „Wenn wir Fahrzeuge, die wir bislang in China bauen, auch hier produzieren würden, könnten wir die Auslastung unserer Werke stabilisieren“, so der SPD-Politiker laut Deutschen Presse-Agentur.. Klingt nach Win-Win, deutsche Jobs bleiben, chinesische Innovation kommt. Doch dahinter steckt eine unbequeme Wahrheit: VW schafft es nicht mehr aus eigener Kraft, genug attraktive Modelle zu entwickeln, die europäische Käufer überzeugen. Der Konzern kooperiert seit über vier Jahrzehnten in China, arbeitet mit Partnern wie SAIC und XPeng zusammen.

Diese Allianzen sollen helfen, technologische Rückstände aufzuholen – ein Eingeständnis, dass die Wolfsburger bei E-Mobilität und Software hinterherhinken. Lies betont, man wolle Innovationen für deutsche Standorte nutzbar machen. Übersetzt heißt das: Ohne chinesische Technologie geht bei VW gerade wenig.

100.000 Jobs und vier Werke auf der Abschussliste

Parallel dazu verschärft VW den Sparkurs. Berichten zufolge sollen weltweit bis zu 100.000 Stellen wegfallen, vier deutsche Werke stehen zur Disposition: Zwickau, Hannover, Emden und Neckarsulm. Das Management bestätigt, an einem Zukunftsplan für eine schlankere Aufstellung zu arbeiten. Lies positioniert sich klar gegen Werksschließungen als vermeintlich einfache Lösung. Das Land Niedersachsen hält 20 Prozent der Stimmrechte und ein Veto-Recht bei wichtigen Entscheidungen, politisches Gewicht, das jetzt zum Einsatz kommt.

In Zwickau, wo ausschließlich E-Autos vom Band laufen, wächst die Verunsicherung. Rund 8.000 Beschäftigte fragen sich, wie lange ihr Standort noch sicher ist. Betriebsrat Mike Rösler fordert, Modelle wie den SUV ID.9 Era, der bisher nur in China gebaut wird, nach Zwickau zu holen. Die Belegschaft arbeitet bereits 39 statt der vereinbarten 35 Wochenstunden, Sonderschichten inklusive. Rösler argumentiert, bei voller Auslastung könne Zwickau problemlos mit Produktionskosten in Tschechien oder Polen mithalten.

Sachsen fordert Kooperation statt Kahlschlag

Auch Sachsens Wirtschaftsminister Dirk Panter (SPD) drängt auf Lösungen mit chinesischen Partnern. Bei einem Besuch in Zwickau betonte er laut Süddeutscher Zeitung, man sei offen für Ideen, aber nicht für einen Ausverkauf. Die Botschaft: Technologie-Transfer ja, Kontrollverlust nein. Doch die Grenze zwischen beidem verschwimmt, wenn VW zunehmend auf chinesische Entwicklungen angewiesen ist. Die Beschäftigten vor Ort fühlen sich im Stich gelassen.

„Man fühlt sich verraten und verkauft“, sagt ein Mitarbeiter am Werkstor. Die Angst ist real – und berechtigt. Denn während die Politik nach Kompromissen sucht, tickt die Uhr. Der europäische Automarkt schrumpft, chinesische Hersteller drängen mit günstigen E-Autos nach Europa, und VW kämpft mit hausgemachten Problemen: zu langsame Digitalisierung, zu teure Produktion, zu wenig überzeugende Modelle.

Business Punk Check

VWs Plan, China-Modelle in Deutschland zu bauen, ist weniger strategischer Coup als vielmehr Offenbarungseid. Der Konzern gibt zu, dass er ohne chinesische Technologie nicht mehr wettbewerbsfähig ist – und verpackt diese Abhängigkeit als Standortsicherung. Klar, kurzfristig rettet das vielleicht Jobs. Aber langfristig? VW wird zum Montagewerk für chinesische Innovation, während die eigene Entwicklungskompetenz weiter erodiert. Die politische Rückendeckung aus Niedersachsen verschafft Luft, löst aber keine strukturellen Probleme.

Solange VW keine Modelle baut, die europäische Käufer wirklich wollen, bleibt die Auslastung mies – egal ob mit China-Importen oder ohne. Die Betriebsräte fordern den ID.9 Era für Zwickau – ein SUV, der in China entwickelt wurde. Symptomatisch: Selbst die Gewerkschaften setzen auf fremde Innovationen statt auf eigene Stärke. Für Entscheider heißt das: Wer auf VW als Technologieführer gesetzt hat, sollte umdenken. Der Konzern kämpft ums Überleben, nicht um Marktführerschaft. Investoren und Zulieferer müssen sich fragen, ob sie auf einen Player setzen wollen, der zunehmend von chinesischen Partnern abhängt. Die unbequeme Wahrheit: VW ist nicht mehr der Taktgeber der Branche – sondern ein Getriebener, der versucht, mit politischem Rückhalt Zeit zu kaufen.

Quellen: Focus, Süddeutsche Zeitung

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